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Andrea Petkovic erreichte 2010 das Finale von s'Hertogenbosch © getty

Beim Zweitrunden-Erfolg gegen Bethanie Mattek-Sands beweist Andrea Petkovic, dass sie aus früheren Rückschlägen gelernt hat.

New York - Das Rüstzeug für ihre bestandene Reifeprüfung in New York hat sich Einser-Abiturientin Andrea Petkovic in der harten Schule von Paris geholt.

Damals im Mai bei den French Open lösten vier vergebene Matchbälle gegen Titelverteidigerin Swetlana Kusnezowa heftige Selbstzweifel aus.

Gut drei Monate später haben drei abgewehrte Matchbälle bei den US Open die Unsicherheit vertrieben - und große Hoffnungen geweckt.

"Wenn es hart auf hart kommt, bin ich stark. Die Erfahrung von Paris hat mir sehr geholfen. Diese Niederlage hat mir mehr gebracht, als es ein Sieg getan hätte", sagte Petkovic nach dem 3:6, 6:3, 7:5 gegen Bethanie Mattek-Sands (USA). (DATENCENTER: Die Ergebnisse der US Open)

Erstmals in Runde drei

Der Erfolg nach einer 143-minütigen Achterbahnfahrt der Gefühle auf dem Grandstand bescherten der Fed-Cup-Spielerin ihren ersten Drittrunden-Einzug bei einem Grand-Slam-Turnier.

Beim Stand von 4:5 im dritten Satz wehrte Petkovic gleich drei Matchbälle ab - und feierte den Sieg mit einem Post-Punk-Tanz auf dem Court.

Auch im nächsten Match Favoritin

Im Kampf um einen Platz im Achtelfinale am Samstag ist die 22-jährige Darmstädterin nun auch gegen die Weltranglisten-61. Peng Shuai (China) die Favoritin.

Druck will sich Petkovic nicht machen, "aber mein Ehrgeiz ist natürlich groß".

Natürlich. Eine wie sie, die wegen ihrer Cleverness und ihrer vielseitigen Interessen eine erfrischende Ausnahmeerscheinung im oft eindimensionalen Profizirkus darstellt, gibt sich nicht mit dem Erreichten zufrieden.

Kreuzbandriss 2008

Für Politik-Studentin Petkovic ist Stillstand gleichbedeutend mit Rückschritt - wohlwissend, dass ihre Karriere im Zeitraffer viel Kraft kostet.

"Es ist schon witzig, dass ich alle Erfahrungen gebündelt in einem Jahr gemacht habe. Vor den US Open habe ich mich ganz schön ausgezehrt gefühlt", gestand Deutschlands beste Tennisspielerin, die wegen eines bei den Australian Open 2008 erlittenen Kreuzbandrisses knapp ein Jahr pausieren musste.

Tiefpunkt Fed-Cup

Es folgte der Absturz auf Platz 380 im Ranking. Ein Meilenstein auf dem Weg nach oben war für "Petko" ihr erster Turniersieg 2009 in Bad Gastein, ein Tiefpunkt das Fed-Cup-Viertelfinale im Februar in Tschechien (2:3), bei dem sie als Spitzenspielerin beide Einzel verlor.

Petkovic: "Ich hab total versagt und war eine Woche lang in einer Depression. Ich hatte mich so sehr unter Druck gesetzt und habe dann 10.000 Fehler gemacht."

In einer Kolumne, die die Hessin gelegentlich für die FAZ schreibt, übte sie schonungslos Selbstkritik ("Ich habe mir in die Hose gemacht") und zog aus der Pleite ihre Lehren. Petkovic arbeitete danach unter anderem mit einem Mentaltrainer.

Fed-Cup als Prüfung

Zwei Monate später gewann die Weltranglisten-38. gegen Frankreich (2:3) beide Einzel und gelangte zu einer neuerlichen Erkenntnis: "Wenn man die Aufgaben im Fed Cup meistert, kann man auch die Situation im Viertelfinale eines Grand-Slam-Turniers meistern. Da ist ähnlicher Druck vorhanden, und da erlebst du auch solche emotionalen Höhen und Tiefen."

An diesen hat es auch in den letzten Wochen nicht gemangelt.

Seitenhieb gegen die Kritiker

Besonders die vier vergebenen Matchbälle gegen die Russin Kusnezowa in der zweiten Runde von Roland Garros stellten Petkovic, die gerne mal den französischen Philosophen Jean Paul Sartre zitiert ("Was mir zustößt, ist meins"), vor eine harte Bewährungsprobe.

"Ich musste mir viel anhören von den vermeintlichen Tennisexperten. Dass ich mental zu schwach bin zum Beispiel", erzählt Petkovic und macht keinen Hehl aus ihren daraus entstandenen Selbstzweifeln.

Auch darin sieht die Tochter serbischer Eltern den Unterschied zu den Topspielerinnen: Jeder habe Angst zu versagen, "aber bei uns Durchschnittsprofis sind diese inneren Stimmen lauter".

"Fühle mich wie 17 oder 18"

Petkovic sieht bei sich vor allen Dingen noch in punkto Erfahrung Nachholbedarf.

"Aufgrund meiner Verletzungspause bin ich noch grün. Ich fühle mich wie 17 oder 18 und kann noch wie ein kleines Kind durch die Tenniswelt gehen", sagt die Hobby-Musikerin, die eigentlich lieber Rockstar als Profisportlerin geworden wäre.

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