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Sabine Lisicki hält mit 210 km/h den Damen-Aufschlag-Rekord in einem offiziellen Turnier © getty

Die Berlinerin spielt nach ihrer langen Pause in Wimbledon groß auf. Li Na lobt Lisicki nach dem Match in den höchsten Tönen.

London - Sabine Lisicki sank auf die Knie, beugte sich nach vorne und schien den heiligen Rasen des Courts küssen zu wollen, den Boris Becker einst sein Wohnzimmer nannte.

Als sie den Oberkörper wieder aufrichtete, ballte sie beide Hände zur Faust, zog sie vor die Brust, beide Unterarme vibrierten, und zugleich verzerrte sich ihr Gesicht - vor Freude.

Dann liefen die Tränen.

"Es war einfach unglaublich", sagte Lisicki, und damit war eigentlich schon alles gesagt.

Dieser Abend auf dem Centre Court von Wimbledon, der beschwerliche Weg dorthin, das atemraubende Match, das staunende Publikum - aus der Perspektive von Lisicki muss das in der Tat überwältigend gewesen sein.

"Wir waren beide unglaublich"

Am Ende stand ein nacktes Ergebnis. 3:6, 6:4, 8:6. "Game, set and match Lisicki" - der Freudenschrei der Berlinerin drang bis unter das geschlossene Dach.

Einfach unglaublich, dies traf allein schon auf Match zu, auf jene 131 atemraubenden Minuten, nach denen Li Na, die unterlegene Weltranglistendritte und French-Open-Gewinnerin aus China, über Lisicki sagte: "Ich glaube nicht, dass sie das Niveau von heute halten kann. Aber wenn, dann wird sie die Nummer eins der Welt."

Die aktuelle Rangliste weist Lisicki als Nummer 62 aus, doch an diesem Abend auf dem traditionsreichsten Court der Welt war sie der Nummer drei mindestens ebenbürtig.

"Wir waren beide unglaublich", sagte Li.

17 Asse bei Lisicki

Aus der Perspektive von Li galt "unglaublich" vor allem dem Service von Sabine Lisicki.

"Vom Anfang bis zum Ende des Spiels kommt jeder Aufschlag mit 117 Meilen pro Stunde daher, das ist doch unmöglich für eine Frau", sagte die Chinesen voller Ehrfurcht.

117 Meilen entsprechen 188 Kilometern pro Stunde, Li übertrieb - ein wenig. Die ersten Aufschläge von Lisicki kamen im Schnitt immer noch mit Tempo 180,2 angeflogen, der schnellste mit Tempo 199,5, sie schlug 17 Asse.

Und mit zwei Service-Winnern wehrte Lisicki beim Stand von 3:5 im zweiten Satz zwei Matchbälle von Li ab.

"Das war der Moment, wo ich dachte: Okay, ich will noch nicht von diesem Court runter", sagte sie.

"Musste erst wieder laufen lernen"

Dass Lisicki länger bleiben wollte, dass sie entschlossen darum kämpfte, diesen Abend genießen zu können, war nur allzu verständlich.

Vor zwei Jahren erreichte sie in Wimbledon das Viertelfinale, kletterte danach auf Rang 22 im WTA-Ranking, musste dann jedoch im August 2009 bei den US Open mit verletztem Knöchel vom Platz gekarrt werden.

Im vergangenen Jahr fehlte die 21-Jährige im All England Club, wegen der wieder aufgebrochenen Verletzung konnte sie von April bis September nicht spielen, sie lief auf Krücken (94078DIASHOW: Die Bilder ihrer Karriere).

"Ich habe bei null begonnen, ich musste erst wieder das Laufen lernen", sagte sie, "es war ein langer, harter Weg zurück, aber das macht solche Momente umso schöner."

"Ich liebe Wimbledon"

Sabine Lisicki war zwischenzeitlich in der Weltrangliste nur noch auf Position 230 geführt worden.

Über zweitklasige Turniere musste sie sich nach oben kämpfen. Bei den French Open Ende Mai ereignete sich ein kleines Drama, als sie nach der Zweitrundenniederlage gegen die damalige Weltranglistendritte Wera Swonarewa aus Russland zusammenbrach - sie leide an einer Gluten-Allergie, verriet sie anschließend.

Vergangene Woche in Birmingham (Bericht) dann gewann sie nach zuvor zwei Jahren ohne Spielpraxis auf Rasen das Vorbereitungsturnier auf die 125. All England Championships, viel wichtiger aber war ihr, dass sie von den Organisatoren in Wimbledon eine Wildcard für das Hauptfeld erhielt.

"Es ist einfach ein unglaubliches Gefühl, wieder hier zu sein, auf dem Centre Court. Ich liebe es einfach hier. Ich liebe Wimbledon", sagte Lisicki.

Lisicki "einfach nur froh"

Am Samstag spielt sie ihr Drittrundenmatch gegen die japanische Qualifikantin Misaki Doi, das Achtelfinale scheint in Reichweite, doch daran wollte sie vor lauter Glückseligkeit erst mal keine großartigen Gedanken verschwenden.

"Ich bin einfach nur froh, wieder hier zu sein", sagte Lisicki.

In ihrem Seuchenjahr hat sie gelernt, dass nichts selbstverständlich ist und das Leben auch einfach unglaublich hart sein kann.

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