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Nach Wimbledon stand Stich noch bei den US Open '94 und French Open '96 im Finale © imago

Vor 20 Jahren bebt das deutsche Tennis auf seinem Höhepunkt: Michael Stich schlägt Boris Becker im Finale von Wimbledon.

London - Mit einem spitzen Schrei ging der lange Schlacks aus Elmshorn in die Knie.

Unter ihm der heilige Rasen von Wimbledon, über ihm nur noch der Himmel.

Auf den Tag genau vor 20 Jahren, am 7. Juli 1991, verneigte sich die Tennis-Welt vor Michael Stich, und selbst Boris Becker musste vorübergehend ein wenig Platz in seinem Wohnzimmer machen.

Nur ein Mann auf dem ausverkauften Center Court konnte das Erdbeben im deutschen Tennis nicht einordnen. "Game, Set, Match Becker", sprach Schiedsrichter John Bryson.

Becker glänzt auch als Verlierer

Der versehentliche Irrtum sollte Sinnbild für Stichs Karriere sein. Sogar auf dem höchsten Gipfel seiner Karriere stand der Norddeutsche im Schatten des Publikumslieblings Becker.

Der rotblonde Leimener war beim 4:6, 6:7 (4:7), 4:6 chancenlos, riss die Zuschauer an den Bildschirmen und der Church Road jedoch auch in seiner bittersten Niederlage von den Sitzen.

Dagegen ging Stich ins kollektive Gedächtnis der Tennis-Nation Deutschland weniger als Held, sondern vielmehr als unterkühlter Profi ein. (423318DIASHOW: Die Bilder der zweiten Woche)

Stich zeigt keine Nerven

"Wimbledon-Finale, und ich spiele mein schlechtestes Tennis", greinte Becker. Weinerlich flehte der dreimalige Champion den Ball an: "Rüber, rüber!" Es half nichts.

Mit gnadenloser Effektivität konterte Stich jeden Angriff und zeigte in seinem ersten Grand-Slam-Finale nicht den Hauch von Nervosität.

Bewundernswert, wie der damals 22-Jährige returnierte, sich elegant an der Grundlinie bewegte und der einzigartigen Atmosphäre unter den Augen von Prinzessin Diana trotzte.

Becker verzweifelt

Auf der anderen Seite hechtete Becker wie gewohnt nach aussichtslosen Bällen, kam jedoch ein ums andere Mal zu spät und zerschellte kläglich am Eisblock Stich.

Die Verzweiflung stand ihm Minuten nach der Siegerehrung im ersten Interview am Rande des Center Courts ins Gesicht geschrieben.

"Ein Match zu viel" sei das Finale gewesen, stammelte Becker ins Mikrofon des englischen Fernsehens, während Stich ungerührt und geduldig im Hintergrund wartete.

Stich mit perfektem Englisch

Stich bot eine gestochen scharfe Analyse des historischen Matches in makellosem Englisch - und das im Moment seines größten sportlichen Erfolgs.

Die weiblichen Fans im All England Club hätten vor Bewunderung ihre aufwendig drapierten Hüte ziehen müssen, doch anstelle begeisterter Jubelstürme war eher gemurmeltes Mitleid für den Verlierer im Londoner Bezirk SW19 zu vernehmen.

Stich macht Becker zur Nr. 1

Becker verließ den Schauplatz des bislang einzigen deutschen Grand-Slam-Finales als geschlagener Herrscher - mit dem Halbfinalerfolg gegen den Schweden Stefan Edberg hatte Stich seinen Rivalen zur neuen Nummer eins der ATP-Tour gekrönt.

Für Becker kein besonderer Trost für die Pleite, doch in der Rückschau eine weitere ironische Wendung in Stichs Tennis-Geschichte. (420442DIASHOW: Die Bilder der ersten Woche)

Championsdinner mit Steffi Graf

Daran störte er sich jedoch nicht, so wie er sich zumindest öffentlich auch Jahre nach dem Wimbledonsieg nie an seinem Status als klare Nummer zwei hinter Volkstribun Becker störte.

Er genoss still seinen Triumph, das anschließende Championsdinner an der Seite von Steffi Graf und wohl auch die Videoaufzeichnung seines Vaters Detlef, der den Camcorder stur auf die Zeremonie unten auf dem Rasen gerichtet hatte.

Am Mikrofon der BBC

20 Jahre nach dem historischen Duell, das die große Rivalität der beiden begründete, sind die Rollen noch immer klar verteilt.

Während Sieger Stich das Rampenlicht im englischen Tennis-Mekka auch in diesem Jahr mied und mit seiner Familie dem Turnier nur in der ersten Woche klammheimlich seine Aufwartung machte, ist Verlierer Becker die Stimme der BBC.

Auch das Finale kommentierte er aus seinem Wohnzimmer. Die Pleite im deutschen Wimbledon-Finale konnte Becker nicht aus seinem Fernsehsessel vertreiben.

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