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Boris Becker gewann in seiner Karriere sechs Grand Slam Turniere © getty

Boris Becker kritisiert die Einstellung der DTB-Herren. Für den Damen-Erfolg macht er Barbara Rittner verantwortlich.

München - Boris Becker kann sich noch immer in Rage reden, wenn es um das deutsche Tennis geht.

Er rechnet nicht damit, dass die Grand-Slam-Flaute bei den US Open (Mo., ab 17 Uhr im LIVE-TICKER) , die er 1989 als bisher einziger Deutscher gewonnen hat, ein Ende findet.

"Sie spielen auf Unentschieden", lautet sein Urteil über die deutschen Spitzenspieler.

Soll heißen: Sie würden ihre Saison nicht auf einen Erfolg bei den vier großen Events ausrichten.

"Ihre Planung hat andere Schwerpunkte", sagt Becker der "dapd" während einer Reise zu einem Laureus-Projekt für Not leidende Kinder in Haiti 445620(DIASHOW: Die Favoriten der US Open).

"Es fehlen Reformer wie Klinsmann und Co."

Für ihn hätten die Grand Slams immer absolute Priorität gehabt. Dem habe er seine gesamte Planung untergeordnet, sagt Becker.

Die Frage sei, warum es "Philipp Kohlschreiber, Florian Mayer oder Philipp Petzschner nicht schaffen, große Turniere zu gewinnen".

An der Qualität ihres Spiels könne es nicht liegen. Aber: "Sie wollen lieber in Cincinnati oder Toronto ihr Viertelfinale machen und ihre Punkte holen. Und wenn sie dann müde zu den US Open kommen, ist ihnen das nicht so wichtig."

Gestenreich und wortgewaltig argumentiert der 43-Jährige, wenn er von falschen Prioritäten spricht, sich über die Ignoranz des Fernsehens aufregt und fehlende Veränderungen anprangert. "Bei uns im Tennis fehlen Reformer wie Klinsmann und Co.", sagt Becker.

Petzschner, ein TopTen-Spieler

Mit den schlechten Resultaten seiner "Erben" will er sich nicht abfinden. "Ich habe das Gefühl, dass ich mehr Vertrauen in die Spieler habe als sie in sich."

Dabei sei genug Potenzial vorhanden, an einem guten Tag selbst einem Federer, Nadal oder Djokovic Paroli zu bieten.

"Philipp Petzschner zum Beispiel", sagt Becker, "ist unbedingt ein Spieler für die Top Ten. Der hat die Vorhand, der hat den Aufschlag, der hat das Ballgefühl, der kann auf fast allen Belägen sehr gut spielen, hat das als Wimbledonsieger im Doppel auch gezeigt. Warum es im Einzel hakt, weiß nur er selbst."

Umbruch im Fußball

Vielleicht, meint Becker, sollten sich die Spieler ein Beispiel nehmen an den deutschen Fußballern.

Für Bundestrainer Jogi Löw scheint das Reservoir an hungrigen Talenten unerschöpflich zu sein. Doch die Einstellung der Mario Götze, Andre Schürrle oder Mats Hummels sei die eine Seite, die fehlenden Reformen im deutschen Tennis eine andere.

"Der deutsche Fußball hatte einen Umbruch, als Klinsmann, Löw und Sammer kamen. Im Tennis fehlten solche Leute", erklärt Becker.

"Was für ein Blödsinn"

Fußball spielt auch bei der TV-Präsenz in einer anderen Liga. Zu Unrecht, wie Becker denkt: "Wir sollten uns die Frage stellen, ob all die Vorbereitungsspiele und die ganzen Freundschaftsspiele wirklich so wichtig sind, dass sie von A bis Z gezeigt werden? Meines Erachtens nicht, und ich bin ein glühender Fußball-Fan."

Dass das Wimbledon-Halbfinale von Sabine Lisicki nur im Pay-TV zu sehen war, sei nicht in Ordnung gewesen.

"Beim Fernsehen heißt es immer: Ja, wenn da wieder ein Becker kommt. Was für ein Blödsinn! Wenn ich heute spielen würde, bekäme es ja auch keiner mit."

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"Vielleicht liegt es an Rittner"

Die Ignoranz der deutschen TV-Sender war mit ein Grund dafür, dass sich Becker ein Jahrzehnt lang bei der "BBC" im englischen Fernsehen verdingte.

In Wimbledon 2011 berichtete Becker erstmals für "Sky" vom "Heiligen Rasen" - und die Zusammenarbeit soll länger dauern. Über Erfolge der deutschen Tennis-Herren wird er auf absehbare Zeit nicht berichten können. Wohl aber über das neue deutsche Fräulein-Wunder.

Dass in Andrea Petkovic, Sabine Lisicki und Julia Görges gleich ein Trio für Furore sorgt, hat für Becker nichts mit Glück oder Zufall zu tun (BERICHT: Turniersiegerin Lisicki sitzt fest).

"Vielleicht liegt es an Barbara Rittner", sagt er über die Fed-Cup-Chefin. "Man muss die richtigen Personen finden, die richtigen Trainingssysteme, die Leidenschaft der Spieler erkennen - dann geht es. Es ist kein Hexenwerk."

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