Der Wundermann aus Brünn
London - Die Dimension seiner Niederlage war zumindest Rafael Nadal noch nicht ganz klar.
Wenige Minuten nachdem der Weltranglistenzweite vom Wimbledon-Neuling Lukas Rosol aus dem Turnier gekegelt worden war (Bericht), saß der Spanier frisch geduscht auf dem Podium.
"Ich fühle mich so, wie ich aussehe", sagte der begossene Pudel Nadal.
"Rafael Nadal geschockt", titelte die "Times", "verblüffend" befand der "Guardian". Selbst die britische Presse schien angesichts der Sensation am späten Abend unter dem geschlossenen Dach des Center Courts sprachlos.
Ungläubig hatten auch die Zuschauer, unter ihnen Pippa Middleton, Liebling der Klatschpresse im Königreich, Nadals Debakel im All England Club verfolgt (DIASHOW: Die Bilder aus Wimbledon).
In einer Reihe mit Becker und Sampras
Niederlagen mit einem solchen Ausmaß sind selten geworden, besonders bei den großen Drei der Tennis-Tour, Nadal, Roger Federer und Novak Djokovic, die von den letzten 29 Majors 28 gewonnen haben.
Auf dem heiligen Rasen hat es solche Pleiten allerdings schon gegeben.
Boris Becker hatte nach zwei Titeln in Serie 1987 in seinem Wohnzimmer in der zweiten Runde gegen den Außenseiter Peter Doohan verloren.
Pete Sampras war nach sieben Erfolgen 2002 am Nobody George Bastl gescheitert - ebenfalls in Runde zwei. (täglich im LIVE-TICKER)
In die Reihe dieser großen Pleiten reiht sich der zweimalige Champion Nadal (2008 und 2010) nun ein.
Zuletzt war der Vorjahresfinalist 2005 derart früh bei einem Major gescheitert, als er in Wimbledon gegen Gilles Muller aus Luxemburg verlor.
Nadal: "Hatte weniger Power als sonst"
Nadal suchte nach dem 7:6 (11:9), 4:6, 4:6, 6:2, 4:6 nach den Gründen für sein Aus.
Immerhin hatte er zu keinem Zeitpunkt der Partie an das herausragende Tennis seines siebten French-Open-Titels in Paris anknüpfen können.
"Ich hatte weniger Power als sonst", sagte er und atmete schwer durch: "Ich brauche eine Pause."
Auch ein Lob für seinen Kontrahenten, den er noch im dritten Satz bei einem Seitenwechsel frustriert angerempelt hatte, kam Nadal über die Lippen: "Er hat mehr als unglaublich gespielt."
Rosol von eigener Leistung überrascht
Die "Daily Mail" fand typisch britische Worte, um das unbegreifbare Spiel des unbekannten Tschechen Rosol zu beschreiben.
"Blitzkrieg-Tennis", lautete ihr Begriff für den Aufschlag- und Vorhand-Hagel im fünften Durchgang.
Ein frühes Break reichte Rosol, denn der Weltranglisten-100. ließ Nadal bei eigenem Service kaum mehr einen Punkt.
"Ein Wunder", nannte dies Rosol später und die nackten Zahlen stützen ihn.
Tschechisches Zweitliga-Team schlägt Real Madrid
Beide Kontrahenten sind 26 Jahre alt, teilen ihre Vorliebe für den Sandplatz. Doch Nadal hat bereits in diesem Jahr mehr als doppelt so viele Spiele auf der ATP-Tour gewonnen wie Rosol in seiner ganzen Laufbahn - dessen Sieg über Nadal war erst sein 20. Erfolg überhaupt.
Alleine in den zwei Wochen der French Open hat Nadal doppelt so viel Preisgeld gesammelt wie Rosol in seiner Karriere. (DIASHOW: Favoritencheck)
Während der Linkshänder fünfmal im Wimbledonfinale stand, scheiterte Rosol fünfmal in der ersten Runde der Qualifikation. Bislang tummelte sich der 1,96-Meter-Hüne aus Brünn zumeist auf der Challenger- und Future-Tour, der zweiten und dritten Tennis-Liga.
"Als ob ein tschechisches Zweitliga-Team Real Madrid schlägt", sagte Rosol und versuchte sich damit selbst die Dimension der Sensation zu begreifen: "Ich wollte eigentlich nur drei anständige Sätze spielen und nicht 0:6, 1:6, 1:6 untergehen."
Kohlschreiber denkt nur an Nadal
Damit hatte vor dem Match Philipp Kohlschreiber gerechnet.
Der Augsburger hatte sich darauf gefasst gemacht, dass Nadal in der dritten Runde Revanche für die Niederlage bei den Gerry Weber Open in Halle/Westfalen nehmen wollte.
Und so plauderte der 28-Jährige nur über den elfmaligen Grand-Slam-Champion, dessen Stärken und spekulierte, auf welchem großen Platz das Spiel denn stattfinden würde.
Trostpflaster nach deutschem EM-Aus
Gegen Überraschungsmann Rosol geht es am Samstag nun doch auf einen Außencourt. Das dürfte Kohlschreiber allerdings herzlich egal sein.
Immerhin wusste der Weltranglisten-30. bevor er ins Hotel aufbrach, um sich das EM-Halbfinale zwischen Deutschland und Italien anzuschauen: "Wenn Rosol irgendwie weiter kommt, dann steigen natürlich meine Chancen. Aber daran glaube ich nicht."
Die frohe Kunde aus dem All England Club wird ihn über das bittere Aus der Fußball-Nationalmannschaft hinweggetröstet haben.