Generation Mitläufer bekämpft Grand-Slam-Fluch
London - Als Florian Mayer einst mit zarten 20 Jahren im Viertelfinale von Wimbledon (Mo., ab 12.30 Uhr im LIVE-TICKER) stand, adelte ihn die renommierte "Times" als den "Mann der Zukunft".
Die Champions Boris Becker und Michael Stich sahen einen aufsteigenden Star, "der Großes erreichen kann" und "dem die Tenniswelt offen steht".
Acht Jahre und 24 Grand Slams später steht Mayer erstmals wieder in der zweiten Woche bei einem der vier weltweit wichtigsten Turniere. Er hat lange darauf gewartet. ( DATENCENTER: Ergebnisse Herren)
Das hat auch Philipp Kohlschreiber, der zum ersten Mal überhaupt im Achtelfinale von Wimbledon steht.
Drei Mal im Achtelfinale
Bei 32 Grand Slams war ihm das bislang erst dreimal vergönnt gewesen. Mayer und Kohlschreiber sind die Spitze der zweiten Generation der "Nach-Becker-Ära", die Erwartungen konnten die Erben des dreimaligen Wimbledonsiegers nie erfüllen. "Wir waren schon gut", sagt Mayer: "aber nicht bei den Turnieren, wo es wirklich wichtig war."
Siege gegen Nadal
In Halle, München, Bukarest und Düsseldorf feierten sie Siege. Beide schlugen sie Rafael Nadal, doch im Scheinwerferlicht eines Majors versagten zuverlässig ihre Nerven.
"Das war bei uns Deutschen immer das Problem: Die anderen haben oft für eine Überraschung gesorgt - wir nicht", sagt Mayer. Bei den French Open in Paris waren sie zuletzt an zweitklassigen Argentiniern gescheitert, der Abgesang wurde vielerorts bereits angestimmt, immerhin gehören beide mit 28 Jahren zu den erfahrenen Spielern auf der Tour.
Große Chance
Auf dem heiligen Rasen im All England Club haben Mayer und Kohlschreiber am Montag nun die große Chance, ihrer Karriere im fortgeschrittenen Alter einen entscheidenden Schub zu verpassen.
Beide stehen vor lösbaren Aufgaben. "Wenn du im Achtelfinale stehst und nicht Federer, Nadal oder Murray, also die 'Big Guys', vor Augen hast, dann ist die Möglichkeit, das Viertelfinale zu erreichen, natürlich da", sagt Kohlschreiber: "Und das wäre unmenschlich geil."
Unberechenbarer Gasquet
Mayer trifft auf Richard Gasquet, einen Franzosen, der so unberechenbar wie talentiert ist. Die Nummer 19 der Weltrangliste hat im bisherigen Turnierverlauf noch keinen Satz abgegeben, allerdings auch noch keinen herausragenden Gegner bezwungen.
Für Mayer, selbst die Nummer 29 im Ranking, ist der 26-Jährige dennoch Favorit: "Man denkt vielleicht, Gasquet wäre auf Rasen nicht so toll. Das stimmt aber natürlich nicht."
Mayer weiß das genau, schließlich hat er mit ihm vor dem Turnier trainiert.(DIASHOW: Die Bilder aus Wimbledon)
Londoner Wohlfühloase
Der Bayreuther selbst fühlt sich selbst ausgesprochen wohl auf dem Grün im Londoner Südwesten. Gegen den Aufschlagriesen Jerzy Janowicz aus Polen kugelte er sich übers Feld und sorgte für eine Renaissance des "Becker-Hechts".
Glück erarbeitet
Mayer wehrte zwei Matchbälle ab und sagte später überglücklich: "Man muss sich das Glück erarbeiten. Ich habe in den vergangenen vier, fünf Monaten viel an mir gezweifelt, dann aber gedacht: Vielleicht geht noch was."
Kohlschreibers Glück war die sensationelle Niederlage von Rafael Nadal gegen Lukas Rosol. Auf einmal war der Weg frei, denn der Tscheche hatte auf dem Center Court alles verschossen, was er gegen Kohlschreiber auf Außenplatz 12 gebraucht hätte.
Qualifikant wartet
Nun wartet die Nummer 126 der Tennis-Welt, Brian Baker aus den USA. Ein Qualifikant. Bei seiner ersten Wimbledonteilnahme. Eine Auslosung wie gemalt für den größten Erfolg in der Laufbahn des Augsburgers.
Doch Baker zu unterschätzen, wäre der fatalste Fehler, den Kohlschreiber machen könnte. Der 27-Jährige Amerikaner war einer der weltweit besten Junioren und galt als der Mann der Zukunft, bevor ihn eine Serie von Operationen für Jahre aus der Tour nahm.
Bei einem Future-Turnier in Pittsburgh begann die Zukunft für ihn im vergangenen Jahr ein zweites Mal. Baker sagt: "Ich bin der Underdog, doch ich mag es, der Jäger zu sein."