Federer: Ein Phänomen und Gentleman
Von Katharina Blum
München - Den brachialen Aufschlägen von Mark Philippoussis war er entkommen, die Tränen konnte Roger Federer dann aber nicht mehr bändigen.
"Es ist ein Wahnsinn", sagte der Schweizer mit dem Pokal in Händen. "Als Junge habe ich Witze darüber gemacht, dass ich in Wimbledon gewinne. Und nun stehe ich hier. Ich weiß auch nicht, wie ich das geschafft habe. Es ist ein Traum."
2003 war das. Neun Jahre später hat er mit 17 Grand-Slam-Siegen mehr gewonnen als jeder andere Tennis-Spieler vor ihm. ( Siebter Triumph in Wimbledon: Roger wieder King).
"Wenn es überhaupt so etwas gibt, dann ist er der Beste aller Zeiten", sagte die australische Tennis-Legende Rod Laver nach Federers Gala am Sonntag. ( DATENCENTER: Ergebnisse Herren)
SPORT1 hat sich auf Spurensuche des Maestros Erfolgsrezept begeben. Eine Annäherung an das Phänomen Roger Federer.
• Erfolg:
Wer 17 Grand-Slam-Titel gewonnen hat, der ist eigentlich schon über jeden Zweifel erhaben, sollte man meinen. Dazu kommt: Auf Rasen hat kein aktiver Spieler eine derart gute Bilanz wie Federer. Am Montag egalisiert er den Rekord von Pete Sampras von 286 Wochen als Nummer 1.
Doch Rekorde haben ein Verfallsdatum, werden andere entgegnen. Federers Erfolgsmomente lassen sich aber nicht nur in Zahlen wiedergeben:
Er ist die erste noch lebende Person, die wegen ihrer Verdienste eine Schweizer Briefmarke ziert. Bei Olympia hat Federer zweimal die Schweizer Fahne getragen.
2011 wurde er durch eine Umfrage des Reputation Institute zum zweitbeliebtesten Menschen der Welt nach Nelson Mandela gewählt. Im westfälischen Halle ziert eine Straße an der Gerry-Weber-Arena seinen Namen.
• Mentale Stärke:
Warum tut er sich das noch an? Will er nicht langsam mal zurücktreten? Fragen wie diese musste Federer des Öfteren beantworten, als der Schweizer die Dominanz früherer Jahre, als er der unumstritten beste Spieler der Welt war, eingebüßt hatte und in den großen Duellen gegen Novak Djokovic und Rafael Nadal unterlegen war.
Als Federer im letzten September zum zweiten Mal in Folge in einem Halbfinale bei den US Open nach vergebenen Matchbällen gegen Djokovic verlor, sahen viele seine Zeit endgültig abgelaufen.
"Ich habe immer an mich geglaubt"
Federer reagierte auf seine Weise, er stellte sich diese Fragen nie. Der Schweizer sah die Chance für einen Neuanfang und holte sich den ehemaligen Sampras-Trainer Paul Annacone ins Team.
"Ich habe immer gesagt, das geht vorbei. Ich habe diese Zeit als Phase meiner Karriere begriffen. Es ist unmöglich, dass ich Jahr für Jahr 90 Prozent meiner Spiele gewinne", sagt Fedex: "Ich habe immer an mich geglaubt."
• Erfahrung:
Federers Wimbledon-Triumph steht für neuen Trend, konstatiert Journalist und Tennis-Experte Jörg Allmeroth. Das neue Motto: Traue jedem über 30 – alles zu.
Erfolgreicher Spieler über 30 seien keine exotische Ausnahme im Tennis mehr, sondern auf dem Vormarsch. Allmeroth rechnet vor: Bei den French Open und im All England Club starteten jeweils mehr als 30 Spieler im Hauptfeld, die mindestens 30 Jahre alt waren.
Mit Federer und David Ferrer schafften zwei Oldies sogar den Sprung ins Halbfinale von Roland Garros, in Wimbledon gewann der Schweizer. Und bei den Frauen triumphierte Serena Williams, auch sie 30 Jahre jung, nicht nur im Einzel, sondern auch den Doppelwettbewerb mit ihrer 32-jährigen Schwester Venus. Auch Serena sagt: "30, das ist das neue 20." ( 5. Wimbledon-Triumph! Williams setzt sich Rasen-Krone auf)
• Spielkunst:
Federer, ein Tennisästhet. Er muss nicht zu brachialen Gewaltschläge ausholen, wie seine vor Kraft strotzenden Kontrahenten. Er weist seine Widersacher mit tänzerischer Leichtigkeit in die Schranken.
Rod Laver sagte einst: "Roger beherrscht zu viele Schläge, er hat zu viel Talent für einen Körper. Es ist ziemlich unfair, dass eine einzige Person so viel kann."
• Sympathie:
Es gibt Sportler, denen gönnt man jeden Erfolg. Roger Federer ist so einer. In London schlug ihm wieder einmal uneingeschränkte Sympathie entgegen.
Die Zuschauer haben ihm sogar zugejubelt, nachdem er ihren großen Traum zerstörte. Den Traum vom ersten britischen Wimbledonsieger seit 76 Jahren.
• Familie:
Für Federer war Wimbledon ein sehr emotionaler Sieg - auch, weil seine Zwillingstöchter Myla Rose und Charlene Riva erst zum zweiten Mal überhaupt bei einem Finale ihres Papas zuschauten. (DIASHOW: Wimbledon - 2. Woche)
"Ich wollte immer, dass meine Zwillingstöchter ihren Vater noch einmal auf dem Centre Court sehen, wenn er so einen großen Tag hat", sagte der 30-Jährige. Es sei ein tolles Erlebnis, "dies alles hier mit meiner Familie teilen zu können." Der Papa hat es allen gezeigt - vor allem denen, die meinten, dass ihn die Vaterrolle zu sehr von der Tennis-Karriere ablenken würde."
• Untadeliger Sportsmann:
Seinen Credo: "Es ist nett, wichtig zu sein, aber es wichtiger nett zu sein, ist Federer immer treu geblieben.
Jahr für Jahr sollen die englischen Boulevardblätter gesucht haben, einen Skandal haben sie aber nie gefunden. Federer ist ein Vorbild, was Disziplin, Charakter und Einstellung zu seinem Beruf betrifft.
• Zukunft:
Seinen Biss hat er auch im 31. Lebensjahr nicht verloren: Federer denkt daran, seine Karriere mindestens bis Rio 2016 fortzusetzen. "Warum sollte ich da nicht noch eine Medaille holen?"
Oder um es mit den Worten des "Guardian" zu sagen: "Auch wenn es schwer fallen mag, dass der dann 35-Jährige noch um einen Grand-Slam-Titel mitspielen kann, steht eines fest: Nur Dummköpfe schreiben Federer ab."