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Nach dem Aus von Tommy Haas (l) zieht Boris Becker vom Leder © getty

Nach dem Aus aller deutschen Akteure bei den Australian Open verbreitet Boris Becker Endzeitstimmung - und rechnet mit den Funktionären ab.

Melbourne - Tommy Haas hatte bei den Australian Open in Melbourne nach der 4:6, 2:6, 2:6-Niederlage gegen den Weltranglisten-Ersten Rafael Nadal kaum seine Sachen zusammengepackt, da meldete sich bereits aus der Ferne Boris Becker zu Wort.

"Viel schlechter stand unser Tennis in seiner Geschichte wohl noch nie da", ließ der momentan als Pokerprofi aktive Altstar Endzeitstimmung verbreiten: "Es ist dunkel geworden im deutschen Tennis."

Becker rechnete zugleich mit den Verantwortlichen des Deutschen Tennis Bunds (DTB) ab - und sieht deshalb davon ab, selbst das Heft als Funktionär in die Hand zu nehmen: "Ich habe das Mercedes Junior Team gegründet und war Chairman am Rothenbaum, aber man hat mich jeweils fast mit Füßen rausgetreten."

Tatsächlich steht erstmals seit 2004 kein deutscher Profi beim ersten Grand-Slam-Turnier des Jahres im Achtelfinale. Auf der anderen Seite hatten sich 21 Spieler für die Hauptfelder qualifiziert, von denen Nicolas Kiefer wegen einer Verletzung absagen musste.

Nadal übermächtig

Diese Breite gab es seit Jahren nicht mehr. "Das war sehr erfreulich", meinte Davis-Cup-Kapitän Patrik Kühnen, "aber natürlich haben wir das große Ziel verfehlt, jemanden in die zweite Woche zu bringen."

Haas hatte allerdings einen Gegner, der zurzeit sehr schwer zu schlagen sein dürfte. Rafael Nadal unterliefen in der 2:04 Stunden andauernden Partie lediglich acht unerzwungene Fehler, dem standen 53 Winner gegenüber.

Haas hielt dennoch lange Zeit gut mit dem Superstar mit und zeigte eine respektable Leistung. "Man muss außerirdisches Tennis spielen, um ihn besiegen zu können", meinte Haas. Dass er bei seinem ersten Turnier nach über fünfmonatiger Verletzungspause überhaupt bis in die dritte Runde vorstoßen konnte, zeigte die Klasse des 30-Jährigen.

Kohlschreiber zum Rapport

"Ich hoffe, dass ich jetzt eine Zeit lang verletzungsfrei bleibe", sagte Haas. "Im Großen und Ganzen bin ich ganz zufrieden damit, wie ich gespielt habe." Er reiste schnell in die USA zurück und bereitet sich auf die dortigen Frühjahrsturniere vor.

Für den Davis Cup gegen Österreich (6. bis 8. April) hat er Kühnen bereits abgesagt. Der Kapitän will nach seiner Heimkehr zunächst Philipp Kohlschreiber zu einem Gespräch bitten.

Der 25-Jährige war die große Enttäuschung in Melbourne, nicht nur wegen seines Ausscheidens gegen den 36-jährigen Fabrice Santoro, sondern auch wegen der seltsamen Äußerungen danach. "Ich verstehe das nicht, damit hat sich Philipp selbst sehr geschadet", so Kühnen. (Ergebnisse aus Melbourne)

Schulz darf Profiluft schnuppern

Kohlschreiber ist ein Beispiel dafür, wo die Macht des Verbandes endet und Persönlichkeit und Einstellung des Spielers entscheidend werden. Der Augsburger wurde vom DTB ebenso gefördert wie unter anderem Andreas Beck, Mischa Zverev und Julia Görges.

Junior Dominic Schulz ließ Kühnen als Trainingspartner von Haas in Melbourne Profiluft schnuppern. Der 16-Jährige trainiert in der Tennis-Base Oberhaching bei München auch mit Kohlschreiber und Florian Mayer.

Schulz stieg wie vier weitere Deutsche am Sonntag in das Junioren-Turnier der Australian Open ein, auch das sind so viele wie seit langem nicht mehr. "Wir wollen in Zukunft dafür sorgen, dass sogar acht unserer Spieler bei den Junioren-Grand-Slams starten", sagt DTB-Sportdirektor Klaus Eberhard, "sie sollen in Zukunft mehr ITF-Turniere spielen."

Becker vermisst die "verrückten Teenager"

Boris Becker allerdings vermisst die "Teenager, die sportlich verrückte Dinge auf dem Tennisplatz anstellen" und stellt fest: "Es gibt keinen jungen deutschen Spieler, der Federer oder Nadal mal einen Satz abgenommen hat."

Der 41-Jährige trug allerdings zu einer Zeit Mitverantwortung im Nachwuchsbereich des DTB, als die Spieler, deren Erfolge er heute vermisst, ausgebildet wurden.

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