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Roger Federer gewann bisher 17 Grand-Slam-Titel in seiner Karriere © getty

Roger Federer scheitert in New York und schockiert Experten. Nach dem Achtelfinal-Aus droht die schwächste Saison seit langem.

New York - Sein hellblaues Basecap hatte Roger Federer tief ins Gesicht gezogen, als er das Unerklärliche zu analysieren versuchte. Am Ende blieben nach dem schockierenden Achtelfinal-Aus des Grand-Slam-Rekordsiegers bei den US Open (täglich im LIVE-TICKER) in New York dennoch viele Fragen offen.

Auch für den Maestro selbst, der sich nach seiner schwächsten Major-Saison seit 2002 in Zweckoptimismus flüchtete. "Ich werde nicht in Panik verfallen. Ich muss jetzt über diese Rückschläge hinwegkommen, das ist ja nichts Neues. Ich sehe darin kein Problem", meinte Federer nach dem ernüchternden 6:7 (3:7), 3:6, 4:6 gegen Tommy Robredo (DATENCENTER: Die Ergebnisse der Herren).

Götterdämmerung über New York

Dass es der erste Sieg des Spaniers im elften Duell mit dem Schweizer war, passte an diesem schwülwarmen Abend ins Bild. Von Götterdämmerung war im Corona Park die Rede, nachdem Federer erstmals seit zehn Jahren das Viertelfinale von Flushing Meadows verpasst hatte. Bei einem Turnier, das er zwischen 2004 und 2008 fünfmal in Serie gewann.

Fassungslosigkeit bei den Experten

US-Ikone John McEnroe war gut zwei Monate nach Federers Zweitrunden-K.o. in Wimbledon erneut schockiert über den Auftritt des 32-Jährigen, der nur zwei von 16 Breakchancen nutzen konnte. Dazu gesellten sich 43 unerzwungene Fehler.

"Ich glaube nicht, was ich da sehen musste. Die Art dieser Niederlage stimmt mich nachdenklich", sagte TV-Kommentator McEnroe, der dem vielleicht besten Spieler der Geschichte den 18. Grand-Slam-Titel nicht mehr zutraut: "Roger ist langsamer geworden."

Federer wie Opernsänger ohne Stimme

Die Aura des schier Unbezwingbaren ist Federer ebenso wie seine Leichtigkeit längst abhanden gekommen. Mit jeder Niederlage wirkt er menschlicher, weil in engen Situationen plötzlich auch bei ihm die Nerven flattern. Die New York Times fällte ein vernichtendes Urteil: "Federer diesen Sommer zu sehen, ist so, als wenn man einem Opernsänger zuhört, der die hohen Töne nicht mehr trifft."

Schwächen eines Tennis-Denkmals

Robredo, mit dem Federer in der Vergangenheit stets leichtes Spiel hatte, wunderte sich denn auch über die neuen Schwächen des bröckelnden Tennis-Denkmals. "Er hat offenbar nicht mehr das Selbstvertrauen, das er als Nummer eins einmal hatte", sagte der an Position 19 gesetzte Spanier, der im Viertelfinale auf seinen Landsmann Rafael Nadal trifft.

Der French-Open-Sieger schaltete den letzten deutscher Vertreter Philipp Kohlschreiber mit 6:7 (4:7), 6: 4, 6:3, 6:1 aus.

Chancen nicht genutzt und sich selbst geschlagen

Im Louis-Armstrong-Stadium herrschte ob des ernüchternden Auftritts von Federer gespenstische Stille. Unter dem gleißenden Flutlicht war der im Ranking auf Rang sieben abgerutschte Schweizer nur noch ein Schatten seiner selbst. Besonders in den entscheidenden Momenten versagten ihm die Nerven. "Es fühlt sich so an, als hätte ich mich selbst geschlagen. Es war selbstzerstörerisch", meinte Federer.

Die letzte kleine Hoffnung auf die Wende nahm er sich, als er beim Stand von 2:1 im dritten Satz fünf Breakchancen nicht nutzen konnte. "Das war eine frustrierende Vorstellung von mir. Ich habe so viele Möglichkeiten ausgelassen und hatte einfach keine Konstanz", erklärte der 17-malige Grand-Slam-Gewinner.

Schlechteste Saison seit vielen Jahren

Seine Hilflosigkeit hatte Federer bereits nach dem Wimbledon-Debakel dokumentiert, als er einen neuen Schläger-Prototypen ausprobierte. Ohne Erfolg. Im Halbfinale von Hamburg verlor er gegen den Qualifikanten Federico Delbonis (Argentinien).

Es war in diesem Jahr die zweite Niederlage gegen einen Spieler jenseits der Top 100. Zuletzt war Federer das vor elf Jahren passiert.

Bei bislang nur einem Turniersieg 2013 (bei den Gerry Weber Open) droht dem 32-Jährigen die schlechteste Saison seit 2001. Die diesjährige Grand-Slam-Bilanz ist ebenfalls ernüchternd für einen der größten Sportler der Geschichte: In Paris hatte es zum Viertel-, in Melbourne immerhin zum Halbfinale gereicht.

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