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Ernests Gulbis gewann im Mai in Nizza sein erstes ATP-Turnier auf SandDie Bilder der French Open zum DURCHKLCKEN. © getty

Er nannte Federer und Nadal langweilig. Auch wenn Ernests Gulbis in Paris erneut aneckt - bei SPORT1 zeigt er sich gereift.

Von Julian Ignatowitsch

Paris - Das Publikum bei den French Open (täglich ab 11 Uhr im LIVE-TICKER) ist nachtragend und mag keine schlechten Manieren.

Ernests Gulbis hat hier nur wenig Sympathien.

Er, der Tennis-Rüpel ? der nach dem Überraschungserfolg gegen Roger Federer, dem größten Sieg seiner Karriere, mit den Schultern zuckt und auf SPORT1-Nachfrage sagt: "Aber ich habe heute doch nur einen Schläger kaputt gemacht. Außerdem muss ich auf jedem Platz der Welt einen Schläger zerschlagen, sonst hieße das ja, dass ich den Platz nicht respektieren würde - und ich respektiere den Center Court hier in Paris." (SHOP: Jetzt Tennis-Artikel kaufen)

Buh-Rufe gegen Gulbis

Die Zuschauer sehen das etwas anders. Immer wieder wird der Lette am Sonntag lautstark ausgebuht: Er zertrümmert einen Schläger. Buh-Rufe. Er ist nicht einverstanden mit der Entscheidung des Linienrichters. Buh-Rufe.

Dann nimmt er eine verletzungsbedingte Pause und verlässt für zehn Minuten den Platz. Als er zurückkommt, tobt Court Philippe Chatrier vor Empörung.

Die meisten Zuschauer legen Gulbis die vermeintliche Verletzungspause bei 2:5-Rückstand im vierten Satz als taktische Trickserei aus.

Bestes Match der Tenniskarriere

Den Letten lässt das alles kalt. Er schlägt Winner um Winner, zwingt Federer zu Fehlern und spielt das wohl beste Match seiner bisherigen Laufbahn.

Nach fast vier Stunden hat er es geschafft. "Der größte Sieg meiner Karriere", sagt er. Zum zweiten Mal nach 2008 steht er im Viertelfinale eines Grand-Slam-Turniers.

Den Vorwurf der Unsportlichkeit will er sich nicht gefallen lassen. "Mein Rücken hat zugemacht, deshalb war die Behandlung nötig", erklärt er die Pause. "Ich nehme nur sehr selten dieses medizinische Timeout in Anspruch. Das war vielleicht das dritte Mal in meinem Leben."

Geradeheraus und meinungsstark

Wenn er so etwas sagt, kann man Gulbis glauben. Er ist ein Mann klarer Worte. Geradeheraus, direkt und meinungsstark.

So wie er auf dem Platz seinen Emotionen freien Lauf lässt, so nimmt er auch abseits davon kein Blatt vor den Mund.

"Ich sage, was ich denke, was soll ich sonst machen? Wenn du etwas anderes machst, fängst du an zu lügen, vergisst, was du gesagt hast, lügst wieder, immer mehr. Für mich ist es das Einfachste, ehrlich zu sein und das zu sagen, was mir im Kopf herumgeht ? die Konsequenzen nehme ich in Kauf."

Federer und Nadal "langweilig"

In der Vergangenheit hat sich Gulbis damit nicht immer Freunde gemacht. In Interviews äußerte er offen seine Meinung über die Top-Spieler, nannte Federer und Nadal "langweilig".

Djokovic kennt er seit seine Jugend, beide waren zusammen in München auf der Tennisakademie.

"Ich erinnere mich an ihn als normalen und coolen Jungen. Aber als er seinen ersten großen Erfolg erreicht hat, hat sich der Blick in seinen Augen verändert", erzählte Gulbis über die zerbrochene Freundschaft.

"Manche Leute wollen Eindruck schinden"

Jetzt, nach dem größten Erfolg seiner Karriere, relativiert Gulbis bei SPORT1: "Veränderung ist gut. Ich hoffe, dass ich mich nach so einem Sieg auch verändere, dass ich mehr Selbstbewusstsein auf dem Platz bekomme", sagt er.

"Es ist eine normale Entwicklung. Früher waren Novak und ich zusammen im Nachtclub. Mit dem Erfolg setzt du andere Prioritäten." Ein bisschen Stichelei kommt dann aber doch durch: "Manche Leute wollen Eindruck schinden, manche nicht. Ich kann und will nicht beeinflussen, was ihr über mich denkt."

Riesentalent selten gezeigt

Schon früh wurde dem 25-Jährige ein Riesentalent bescheinigt, doch selten hat er es gezeigt.

Er spricht in diesen Tagen von Paris ganz offen darüber. "Ich habe viele schlechte Entscheidungen in meiner Karriere getroffen, habe mich oft zu wenig um Tennis gekümmert. Nach drei Monaten harter Arbeit, habe ich zehn Tage frei genommen, bin nach Lettland geflogen und habe gar nichts gemacht."

Und er fügt an: "Irgendwann habe ich begriffen: Ich bin jetzt 25, das ist meine letzte Chance, um richtig erfolgreich zu sein."

Also hat er angefangen, konstant zu trainieren: "Harte Arbeit und Hingabe", er zitiert dabei den Boxer Floyd Mayweather. Das Ergebnis sieht man nun bei den French Open.

Auf und abseits des Courts gereift

Fest steht: Der Gulbis von heute ist ein reiferer auf und abseits des Tenniscourts.

Ja, er sagt immer noch seine Meinung. Aber er weiß mittlerweile, dass er nicht immer die Konfrontation suchen muss. Und dass es in manchen Situationen besser ist, sich etwas zurückzuhalten.

"Die Fans hier sind hart. Ich muss meine Emotionen mehr im Griff behalten. Natürlich verhalte ich mich auf dem Center Court anders, als wenn ich vor zehn Leute auf irgendeinem Platz spiele", räumt er ein. "Und es hilft mir, es hilft meiner Konzentration."

Pariser Publikum applaudiert

So hebt Gulbis nach der viel diskutierten Behandlungspause inmitten der Buh-Rufe und Pfiffe entschuldigend die Hände und macht eine demütige Geste.

Der Tennis-Rüpel wird erwachsen. Das Pariser Publikum applaudiert.

Wie oft noch bei diesen French Open?

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