Wolfgang Kleine erklärt die Anfänge von Boris Becker in Wimbledon, das für den Coach von Djokovic zum "Wohnzimmer" wurde.

Boris Becker riss die Arme hoch. Aber diesmal nicht auf dem heiligen Rasen von Wimbledon, sondern auf der Tribüne. Sein Schützling Novak Djokovic hatte gerade durch einen Erfolg über den Bulgaren Grigor Dimitrov das Traumfinale gegen Roger Federer erreicht.

Weniger jubeln konnte Becker dagegen über die schwachen deutschen Herren, die nun seit über 20 Jahren auf einen Wimbledon-Erfolg warten. Michael Stich war 1991 der letzte Gewinner, davor jubelte Becker 1985, 1986 und 1989 dreimal in seinem "Wohnzimmer".

Tennis-Legende Boris Becker kassierte damals Millionen, bei seinem ersten Profi-Auftritt in der Szene bekam er dagegen nur ein "Trinkgeld" und sorgte im kleinen Journalisten-Kreis für einen großmundigen Spruch.

In Köln beginnt das Becker-Märchen

Es war der 23. Oktober 1983. Kölner Sporthalle, Cologne Cup. Ex-Veranstalter Jochen Grosse hatte ein Händchen für Topstars und kommende Sternchen. Und so kündigte er einen jungen Burschen an, der sich beim Qualifikationsturnier in der Eifel als Zweiter für das Profi-Turnier in Köln qualifizierte.

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Grosse zu den neugierigen Journalisten: "Der junge Mann heißt Boris Becker. Ich glaube, das wird einer." Rotblond, erst 15 Jahre jung, musste er als Talent im ersten Profi-Match seiner Karriere gegen den US-Amerikaner Sandy Mayer antreten. Der gehörte zu den Top Ten der Welt.

Einige auf der Tribüne raunten schon: "Dieser Becker hat da doch keine Chancen." Und sie wurden belehrt. Da war plötzlich ein deutscher Spieler, der nicht wie die Gehrings, Pinners und Beutels den Ball meist nur schnibbelte. Da war einer, der spielte mit einer ungeahnten Wucht.

Fans rieben sich die Augen

Mayer war überrascht und verlor den ersten Satz völlig chancenlos mit 3:6. Die Fans rieben sich die Augen. Doch der junge Becker konnte das Niveau nicht halten. Mayer drehte den Spieß um und gewann das Match noch mit 3:6, 6:4, 6:4.

Doch der eigentliche Auftritt des Boris kam dann in den Katakomben, in einem 14 Quadratmeter großen Empfangsraum, in dem sich neben einer Hostess nur der damalige Coach Günther Bosch, Becker und vier Journalisten einfanden. Das Interesse war dünn.

Kein Medienereignis, sondern ein lockeres Geplauder im kleinen Rahmen folgte. Bosch erzählte was über seinen später millionenschweren Schützling, der stolz seine erste Profi-Prämie von 360 Mark in Scheinen präsentierte.

Becker antwortete erst zurückhaltend auf die Fragen zu seiner Laufbahn. Und dann kam die Frage, die kommen musste: "Boris, was ist den Dein Ziel?" Die Antwort des großen Blonden ließ nicht lange auf sich warten: "Ich will Wimbledon gewinnen."

Die Journalisten schauten sich verdutzt an - sie grinsten hämisch. Einer sagte etwas leiser: "Was ist das denn für ein vermessener Schnösel?"

Zwei Jahre später, am 7. Juli 1985, bekam er die Antwort.

Wolfgang Kleine hatte als Journalist seine Feuertaufe bei der Fußball-WM 1974 in Deutschland. Danach wurden für ihn zahlreiche Handball-Spiele, die Berichterstattung vom Leichtathletik-Europacup 1979 und die Begleitung der Tour de France 1996 sowie 1997 unvergessliche Erlebnisse. Aber eines bleibt besonders in Erinnerung: Das Wintermärchen der Olympischen Spiele 1994 in Lillehammer.

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