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Monica Seles (M.) stand 178 Wochen lang an der Spitze der Weltrangliste © getty

Auch 20 Jahre danach beeinflusst die Messer-Attacke von Günter Parche das Leben von Monica Seles. Sie vermisst Gerechtigkeit.

Hamburg - Als Günter Parche am 30. April 1993 mit einer Plastiktüte in der Hand die Tennisanlage am Hamburger Rothenbaum betritt, hat er Angst.

Der arbeitslose Dreher aus Görsbach in Thüringen sorgt sich jedoch nicht um die Kontrollen am Eingang an der Hallerstraße.

Er sorgt sich nicht darum, dass die Ordner das Ausbeinmesser in seiner Tasche entdecken und ihn verhaften lassen. Parche fürchtet, auf der roten Asche des Center Courts auszurutschen - und zu scheitern.

Also beschließt er, Monica Seles das Messer in den Rücken zu rammen. Ein Angriff von hinten, in sicherem Stand auf der Tribüne, und sein Star ist zurück an der Spitze.

Ein Attentat für Steffi Graf - das hatte Parche geplant.

"Ich musste mich beeilen"

An diesem Freitagnachmittag spielt Seles nicht ihr bestes Tennis und steht doch auf dem Sprung in die nächste Runde.

Im Viertelfinale des WTA-Turniers führt die Weltranglistenerste aus Jugoslawien 6:4, 4:3 gegen Magdalena Maleewa, es könnte der letzte Seitenwechsel der Partie sein.

"Die Pause in einem solchen Spiel dauert gewöhnlich etwa eine Minute, ich musste mich also beeilen", gibt Parche beim Landeskriminalamt zu Protokoll.

Glück im Unglück bei Seles

Mit beiden Händen stößt er zu. So lange wie Günter Parche an seinem Plan gefeilt hat, so schnell setzt er ihn in die Tat um. Ein Stich zwischen Wirbelsäule und Schulterblatt und Parches Träume werden Wirklichkeit.

Doch zum Glück drang des Messer "nur" zwei Zentimeter tief in den Rücken ein, Seles hatte sich gerade glücklicherweise weit nach vorne gebeugt.

Dennoch fügt er Monica Seles eine Wunde zu, die niemals verheilt, und hilft seiner Königin zurück auf den Tennis-Thron.

Seles realisiert die Tat nicht sofort

Während Ordner und Zuschauer Parche zu Boden ringen, bekommt dieser mit, wie Seles einen spitzen Schrei ausstößt, aufsteht und zum Netz taumelt.

Seles greift sich an den Rücken, sieht das Blut an ihrer Hand, realisiert jedoch nicht, was geschehen ist.

Im Krankenwagen rasen ihre Gedanken, "und immer wieder kam mir das Wort 'erstochen' in den Sinn", erinnert sich Seles: "Ich hatte dieses Wort noch nie benutzt und nie daran gedacht."

Seles hat Graf abgelöst

19 Jahre alt ist Seles und auf dem Weg, alle bisherigen Rekorde zu brechen.

Bei den letzten neun Grand Slams triumphierte sie siebenmal. Seles ist längst die dominierende Spielerin der Tour, sie hat Steffi Graf abgelöst.

Die Serbo-Kroatin mit den ungarischen Wurzeln, aufgewachsen in Nick Bollettieris Akademie, ist schon damals der Prototyp der heutigen Spielergeneration: Druckvoll, aggressiv, offensiv und bis zum 30. April 1993 kaum verwundbar.

"Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass irgendjemand Steffi Graf schlagen könnte", sagte Parche bei seiner Vernehmung: "Für mich ist Steffi die Spitzenfrau. Ihre Augen glänzen wie Diamanten. Sie ist eine absolute Traumfrau."

Fanatismus bis zur Selbstaufgabe

Sie sei für ihn "fast wie der Liebe Gott".

Das psychiatrische Gutachten diagnostizierte bei Parche "eine irreale Idealisierung mit wahrscheinlich unbewussten sexuellen Elementen und einem Fanatismus, der bis zur Selbstaufopferung ging."

Parche rechnete fest damit, für seine Tat ins Gefängnis zu wandern.

Seles hat kein Verständnis

Vorsichtshalber nahm er deshalb die Graf-Poster von den Wänden des kleinen Zimmers im Haus seiner Tante, damit sie in seiner Abwesenheit nicht beschädigt werden.

Die Justizbehörden in Hamburg verurteilen ihn jedoch nicht wegen versuchten Totschlags, sondern wegen gefährlicher Körperverletzung.

Parche bekommt Bewährung, Seles' Weltbild weitere Risse: "Ich kann nicht verstehen, warum dieser Mensch nicht für seine Tat büßen musste."

"Es beschädigte meine Seele"

Auch Steffi Graf, die Seles zwei Tage nach dem Attentat im Krankenhaus besuchte und mit ihrer Rivalin stumme Tränen weinte, äußert ihr "totales Unverständnis" für das Urteil: "Wie kann ein Mann, der, unter welchen Umständen auch immer, ein Menschenleben gefährdet hat, den Gerichtssaal in Freiheit verlassen?"

Kritik hagelt es zudem von der internationalen Presse, doch Parche bleibt auch nach der Berufungsverhandlung auf freiem Fuß.

"Ich bin niedergestochen worden, auf dem Tennisplatz, vor zehntausend Leuten. Es ist nicht möglich, distanziert darüber zu sprechen", schreibt Seles in der 2009 erschienenen Biographie "Immer wieder aufstehen": "Es veränderte meine Karriere unwiderruflich und beschädigte meine Seele. Ein Sekundenbruchteil machte aus mir einen anderen Menschen."

Fressattacken und Gewichtszunahme

Die äußerliche Wunde heilt schnell und dennoch dauert es Jahre, ehe die einst zähe Kämpferin mit den beidhändigen Treibschlägen wieder auf den Tennisplatz zurückkehrt. Parche hatte sein Ziel erreicht.

Einen weiteren Grand-Slam-Sieg feiert Seles bei den Australian Open 1996, doch ihr Leben ist aus den Fugen geraten.

Immer wieder flüchtet sie in Fressattacken und nimmt bis zu 30 Kilogramm zu, bis sie 2008 endgültig ihre Laufbahn beendet.

Keine Rückkehr nach Deutschland

Heute, 20 Jahre nach dem Attentat in Hamburg, ist Seles zurück im Leben, schreibt Bücher und hat mit dem Tennis abgeschlossen. Deutschen Boden hat sie nie wieder betreten.

"Deutschland ist das Land, das den Mann, der mich hinterrücks angegriffen hat, nicht ausreichend bestrafte", sagt sie.

Günter Parche lebt nach mehreren Schlaganfällen zurückgezogen und entmündigt in einem Seniorenheim in Thüringen.

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