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Joachim Löw errang mit dem DFB-Team Vize-Europameister © getty

Drohende Chefs, nervige Portugiesen: Sport1.de-Redakteur Martin van de Flierdt erinnert sich an seine Erlebnisse bei der Fußball-EM.

Von Martin van de Flierdt

München ? Der Satz klingt noch in meinem Ohr. "Wenn die dat versemmeln, dann weißte ja, wer dat verbockt hat."

Es ist der 16. Juni 2008, und mein Ressortleiter mit unüberhörbar niederrheinischen Wurzeln ist gar nicht mit mir zufrieden.

Das hat wohl eher wenig mit den Texten zu tun, die ich als "Sport1.de-Mann im deutschen Lager" im schweizerischen Tenero verfasse.

Womit er mich aufzieht, ist eher der Umstand, dass ich als seine "Schwangerschaftsvertretung" ? der gute Mann kann jederzeit Vater werden und hat deshalb auf seinen EM-Einsatz vor Ort verzichtet ? bislang begrenzten Erfolg darin verbuche, der deutschen Nationalmannschaft Glück zu bringen.

Cordoba ist überall

Das hat dazu geführt, dass "Cordoba" heute der in Europa am häufigsten genannte Ortsname ist. Gefühlt zumindest.

Podolskis Doppelpack gegen Polen hatte die hässliche Fotomontage der polnischen Zeitung "Fakt" vergessen lassen, die Polens Trainer Leo Beenhakker zur Illustration einer üblen Anspielung auf die Schlacht von Grunwald mit den abgetrennten Köpfen Michael Ballacks und Joachim Löws in der Hand gezeigt hatte.

Aber dass die Kroaten die deutsche Mannschaft anschließend derart einschläfern würden, hatte im Vorfeld kaum jemand für möglich gehalten.

Nun ist also alles auf der Kippe gegen Österreich.

Ausreden? Papperlapapp!

"Wenn dat schief geht, biste die längste Zeit Nationalmannschaftsreporter gewesen."

Das Argument, dass mir im Tessiner Trainingsquartier die Hände gebunden sind, da der Kollege Thorsten Mesch den Ortstermin in Wien wahrnimmt, wird nicht akzeptiert.

Bei einer schlechten Vorarbeit, so die Ansicht aus der heimischen Zentrale, ist am Ende nicht mehr viel zu retten. Ballacks Freistoßtreffer gewährt mir eine Galgenfrist von drei weiteren Tagen am Lago Maggiore.

Mehr wird`s wohl kaum, schließlich warten nun die stark eingeschätzten Portugiesen auf Jogis Jungs.

Ihre Vorhut hat das DFB-Medienzentrum im Centro Sportivo nazionale della Gioventu in Tenero bereits fest im Griff.

Schreckgespenst Essuainstaigärr

"Laber Rhabarber Labrador Essuainstaigärr" ? der Klang dessen, was die portugiesischen Kollegen ungeachtet der Enge des gerne als Gruppensauna bezeichneten Arbeitsraumes in ihre Mikros und Handys brüllen, ist ähnlich.

Da es alle gleichzeitig und in verschiedenen Tonlagen tun, ist an ein konzentriertes Arbeiten dennoch nicht zu denken. Ihre Angst vor Portugal-Schreck Schweinsteiger erweist sich allerdings als berechtigt.

Zwei Vorlagen, ein eigener Treffer ? "Schweini" verschafft mir drei weitere Tage EM-Atmosphäre vor Ort. Nun ja, nicht wirklich.

Euphorie Fehlanzeige

In Locarno, wo ich auf halber Strecke zwischen Tenero und dem deutschen Mannschaftshotel "Il Giardino" in Ascona logiere, ist auf der Piazza Grande inmitten pittoresker Gebäude zwar eine Großleinwand mit Tribüne aufgebaut.

Doch der Tiefschlag der Verletzung von Hoffnungsträger Alex Frei im Eröffnungsspiel gegen die Tschechen und der späte Knockout durch die Türken im zweiten Spiel haben hier erst gar keine Euphorie aufkommen lassen.

Für Stimmung sorgen in erster Linie Touristen aus den Niederlanden und Anhänger der italienischen Auswahl. Davon gibt es hier 15 Kilometer nördlich der italienischen Grenze mehr als genug.

Respekt vor den Türken

Da aber sowohl die Elftal als auch die Squadra Azzurra im Viertelfinale die Segel streichen, ist dieses Kapitel ebenfalls recht früh erledigt. Bleibt also wieder alles an uns hängen.

Aber bitte, mit einer Leistung wie gegen Portugal sind die Türken locker zu packen. Andererseits gibt mir ihre Endspurtstärke schwer zu denken. Das 4-5-1 mit Rolfes und Hitzlsperger statt Frings funktioniert dann auch bei weitem nicht so gut wie gegen die Portugiesen.

Nach dem fast klischeegerechten späten türkischen Ausgleich zum 2:2 ertappe ich mich bei dem Gedanken, wie gut es ist, in der schweizerischen Provinz und eben nicht Berlin, Frankfurt, München oder Köln zu sein, wo ich mir Hupkonzerte und so weiter schon lebhaft vorstellen kann.

Spaghetti zur Belohnung

Die deutsche Elf geht auf dem Zahnfleisch. Wenn sie es noch in die Verlängerung schafft, wird das auch Berti Vogts als TV-Experte des hiesigen Senders SF1 nicht schönreden können. Muss er auch gar nicht.

Lahm macht seinen dicken Patzer wieder gut. Die Deutschen sind heute die besseren Türken und damit im Finale.

Darauf erstmal eine große Portion Spaghetti aglio e olio. Zum zigsten Mal. Besser als hier kann man die nicht machen.

Letzte Ausgaben der Harald-Stenger-Show

Noch zweimal genieße ich die mittägliche Harald-Stenger-Show mit den müden DFB-Helden in Tenero, Laien nennen sie Pressekonferenz.

Das Centro Sportivo nazionale della Gioventu ist längst wieder in eine Turnhalle verwandelt, als ich am Samstag vor dem Finale Locarno verlasse. Mit vielen schönen Erinnerungen, aber auch reichlich geschafft.

"Michael Ballack ist verletzt und droht für das EM-Finale gegen Spanien auszufallen", höre ich unterwegs im Autoradio. Darum darf sich nun wieder der EM-Finalbeauftragte Mesch in Wien kümmern.

"Weil die dat versemmelt haben, weißte ja, wer dat verbockt hat", höre ich im Geiste meinen Ressortleiter schon sagen. Sorry, Thorsten, aber mehr konnte ich nicht für dich tun?

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