Die Formel 1 bewegte sich 2008 zwischen den Extremen: Zwischen einem hochdramatischen WM-Finale und ihrer historischen Krise.

München - An das Jahr 2008 wird sich die Formel 1 lange erinnern.

Was - sportlich betrachtet - natürlich in erster Linie an einem hochdramatischen Finale liegt, das eines Tages in den Geschichtsbüchern des Sports nachzulesen sein wird.

Nach dem Herzschlag-Finish im novemberlichen Showdown von Sao Paulo darf sich Lewis Hamilton als jüngster Pilot aller Zeiten Formel-1-Weltmeister (Hamiltons Krönung dank Gott und Glock) nennen.

Und dass sich sein großer Rivale in Interlagos, der Brasilianer Felipe Massa, wenige Sekunden lang ebenfalls für den Besten seiner Sportart halten durfte, zeigt, wie eng und hart umkämpft es zwischen den beiden Top-Piloten 2008 zuging.

McLaren-Mercedes gegen Ferrari - das Glück und die besseren Aussichten auf den Titel wogten im Saisonverlauf hin und her. Bis zum Schluss war nicht vorhersehbar, wer am Ende als strahlender Sieger Ruhm und Ehre abschöpfen würde.

Nach 18 Rennen betrug Hamiltons Vorsprung lediglich einen einzigen Punkt.

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Begünstigt wurde der denkwürdige Spannungsbogen durch den Umstand, dass die Boliden beider Protagonisten - technisch bis aufs Äußerste ausgereizt - keinem der beiden Fahrer den entscheidenden Vorteil verschaffen konnten. Selbst die seltsame Motorenschwäche der Scuderia Ferrari in Budapest und Valencia entschied das WM-Rennen nicht - im Gegenteil, sie heizte es weiter an.

Hinzu kamen dramatische bis lächerliche Fehler, sowohl der Piloten als auch ihrer Teams, außerdem das schwer erklärliche Siechtum des Titelverteidigers Kimi Räikkönen (Iceman in der Schneeschmelze).

Brasilien wurde so zum Kulminationspunkt einer Saison, die alles bot, was sich die Anhänger des Hochgeschwindigkeitssports wünschen: Dramatik, Hochspannung, Skandale, und eben das Duell zweier Piloten, die beide hochtalentiert, doch kaum unterschiedlicher sein könnten.

Auf der einen Seite der ungestüme britische McLaren-Glamour-Boy Lewis Hamilton der mit seiner jugendlichen Wucht über die Königsklasse fegte wie ein karibischer Herbststurm. Ihm gegenüber erwuchs während des Saisonverlaufs im lange Zeit unterschätzten Schumacher-Lehrling Felipe Massa ein hartnäckiger Gegner.

Der ruhige Brasilianer mit den dunklen Knopfaugen ließ 2008 endgültig den langen Schatten seines deutschen Lehrmeisters ebenso wie den vermeintlich dominanteren Finnen hinter sich.

Wer Michael Schumacher erwähnt, erinnert sich schnell daran, dass die Formel 1 auch 2008 nach wie vor noch eine "Formel deutsch" ist, obwohl längst kein Schumacher mehr in ihr zuhause ist.

Aber deutsch dominiert, wie einst zu Schumachers Zeiten, wird die Königsklasse des Motorsports wohl auf absehbare Zeit nicht mehr sein.

Dass BMW-Sauber sich 2008 phasenweise Hoffnungen machen durfte, als Außenseiter in den Kampf um die WM eingreifen zu können, lag eben nicht an Nick Heidfeld.

Sein polnischer Widerpart Robert Kubica fuhr den ersten Saisonsieg für die Weiß-Blauen ein und hielt das Team lange in Schlagdistanz zu Rot und Silber.

Heidfeld, der einst als erster Anwärter auf Schumachers Krone galt, kämpfte lange Zeit mit ganz anderen Problemen (Heidfeld auf dem Schleudersitz). Dass er seine Qualifying-Schwäche schließlich in den Griff bekam, ist aller Ehren wert - aber wohl kaum einen Weltmeister-Titel.

Auch den übrigen Erben des großen Schumacher - Timo Glock, Nico Rosberg, Adrian Sutil - fehlt wie Heidfeld das Talent, der Biss, die Ellenbogen und nicht zu vergessen: das richtige Cockpit, um dem Rekord-Weltmeister wirklich das Wasser reichen zu können.

Einen allerdings sollte man von dieser - aus deutscher Sicht unerfreulichen Erkenntnis - ausnehmen.

Sebastian Vettel gibt nicht nur wegen seines umjubelten Monza-Sieges (Der König von Monza) zur Hoffnung Anlass, dass mittelfristig ein deutscher Pilot in den Kampf um die WM-Krone eingreifen könnte (in Brasilien tat er es bereits indirekt).

Wenn ihm denn die Zeit dafür bleibt.

Denn womöglich geht 2008 als das Jahr in die Geschichtsbücher der Sportart ein, in welchem das Ende der Formel 1 seinen Anfang nahm.

Die Formel 1 befindet sich in der größten Krise ihrer Geschichte, seit die Rezession der Weltwirtschaft die PS-Branche mit voller Wucht getroffen hat.

Die Autoindustrie der USA ringt um ihr Überleben, und wer vermag derzeit vorherzusagen, dass die Autobauer in Japan und Europa nicht noch viel tiefer in den Strudel geraten als sie es bereits sind?

Wer will und vor allem wer kann sich dann noch ein trotz aller Sparmaßnahmen nach wie vor millionenschweres Engagement im Formel-1-Zirkus leisten?

Der Honda-Konzern hat die Frage für sich beantwortet (Die Frage ist nur, wer ist der nächste) , auch der Automobil-Weltverband FIA und die Teamorganisation FOTA haben nach Lösungen gesucht und ein umfangreiches Sparpaket (Historischer Schritt gegen die Krise) beschlossen.

Danach steht fest: Die Formel 1 wird 2009 ein anderes Gesicht bekommen. Aber reicht das auf lange Sicht?

Womöglich nein. Denn hinter der jetzigen Krise zeichnet sich seit längerem eine dramatische Entwicklung ab, die lediglich im Moment in den Hintergrund gerückt ist: die weltweite Öko-Katastrophe.

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