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Der Zeitpunkt der Wachablösung: Nadal gewinnt das Wimbledon-Finale © getty

Desolate Handballer, Tragödie um einen Skifahrer: Sport1.de-Redakteur Julian Meißner zu den Mehrsport- Geschehnissen 2008.

München - Als die Quoten-Giganten Fußball und Formel 1 noch tief im Winterschlaf weilten und die Olympischen Spiele in Peking sich erst fern am Horizont abzeichneten, begann das Sportjahr 2008 aus deutscher Sicht mit einer Enttäuschung.

Ausgerechnet eine Disziplin, die 2007 die ganze Nation noch in einen Freudentaumel versetzt hatte, sorgte für frühe Frustration.

Die deutschen Handballer, als Weltmeister zur Europameisterschaft nach Norwegen gereist, wurden im Januar trotz Platz vier bei Europas kontinentalen Titelkämpfen nicht den Erwartungen gerecht ? vor allem weil es am letzten Willen zum Erfolg fehlte.

Endstation Dänemark

Im glücklich erreichten Halbfinale war der spätere Europameister Dänemark eine zu hohe Hürde, im Spiel um Platz drei ging man gegen Frankreich regelrecht unter.

Spätestens dieser 27. Januar in Lillehammer war wohl der Moment, in dem Bundestrainer Heiner Brand nicht umhin konnte, sich ernsthafte Gedanken über einen weit reichenden Umbruch in seiner Mannschaft zu machen.

Wie schnell jedoch Tore und Bestzeiten in den Hintergrund rücken können, wurde der Weltöffentlichkeit wenige Wochen später und nur einige Kilometer entfernt auf drastische Art vor Augen geführt.

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Der österreichische Skirennläufer Matthias Lanzinger verlor nach einem Sturz beim alpinen Weltcuprennen in Kvitfjell am 3. März seinen linken Unterschenkel.

Das Unglück war umso tragischer, weil sein Bein bei besserer medizinischer Versorgung hätte gerettet werden können.

Doch weil erst kein adäquater Helikopter zur Verfügung stand und dann auch noch ein unzureichend ausgerüstetes Krankenhaus angeflogen wurde, dauerte es sechs Stunden, bis der mittlerweile 28-jährige Salzburger im Klinikum von Oslo betreut werden konnte.

Der Ski-Weltverband FIS sah sich in der Folge einer Menge unangenehmer Fragen und einer Schadenseratzklage Lanzingers ausgesetzt.

Wachablösung im Tennis

Wesentlich lieber erinnert man sich an die wahrhaft denkwürdigen Duelle um die Vorherrschaft auf dem Tennis-Thron, die sich der spanische Emporkömmling Rafael Nadal und der Schweizer Großmeister Roger Federer lieferten.

Stellvertretend sei das Finale der Lawn Tennis Championships in Wimbledon genannt: Die beiden Ausnahmekönner hetzten 4:48 Stunden lang über den Rasen und schmetterten sich den gelben Filzball um die Ohren, dass selbst abgebrühtesten Tennis-Anhängern der Mund offen stehen blieb.

Am Ende stand mit der Entmachtung des Seriensiegers Federer einer der emotionalsten Momente des Sportjahres.

Das ewig gleiche Lied

Fernab jeglichen Wandels präsentierte sich auch 2008 der schon in Vorjahren so tief gefallene Radsport erneut als düsteres Metier.

Die Ankündigung des großen Neuanfangs war noch nicht verhallt, da mehrten sich schon die Negativ-Meldungen über das nach wie vor chronisch an der Doping-Problematik erkrankte System des Radsports.

Aus deutscher Sicht war der Tiefpunkt erreicht, als das Team Gerolsteiner nach den Dopingfällen Stefan Schumacher und Bernhard Kohl resignierte und seinen Rückzug erklärte. (Gerolsteiner gibt auf)

Auf internationaler Ebene sorgte primär die viel beachtete Ankündigung des einstigen "Tourminators" Lance Armstrong - selbst ein Sinnbild für die alte Garde medikamentös eingestellter Radprofis - ein Comeback wagen zu wollen, für Bestürzung. (Armstrong kehrt zurück)

Vor Gericht statt auf See

(Eine ähnlich desaströse Außendarstellung, wenngleich aus völlig anderen Gründen, leisteten sich die Hightech-Segler des America's Cup. Das ganze Jahr folgte Klage auf Klage, sahen sich die Athleten häufiger vor Gericht als auf See. Die Modalitäten der nächsten Austragung sind dennoch weiter ungeklärt und ein stattlicher Sponsoren-Pool hat längst die Nase voll von den Befindlichkeiten der Syndikate.)

Gefühle ganz anderer Art weckte ein Team aus der niedersächsischen Provinz. Die Basketballer der Artland Dragons sorgten mit ihrem Pokalsieg für Furore und bewiesen eindrucksvoll, wie weit man es mit geringen Mitteln und echter Begeisterung bringen kann.

Begeisterung, die die Handballer nicht aufbrachten, die Lanzinger für immer genommen wurde, die der Radsport wohl nie mehr erwecken wird.

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