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Von 1976 bis 2004 arbeitete Reiner Calmund für Bayer Leverkusen © imago

Reiner Calmund blickt auf das Jahr 2008 zurück und lobt dabei den Offensivfußball, der sich auch in der Bundesliga durchsetzt.

Von Michael Schulz

München ? Für Reiner Calmund war 2008 nicht nur wegen seines Buches "fußballbekloppt" und des 60. Geburtstags ein besonderes Jahr.

Der Ex-Manager von Bayer Leverkusen fungierte bei der Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz als internationaler Botschafter für die Stadt Klagenfurt.

Calmund blickt bei Sport1.de zurück auf die fußballerischen Höhepunkte in den vergangenen zwölf Monaten.

Sport1.de: Was sagen Sie zu der Hinrunde der Bundesliga?

Reiner Calmund: 1899 Hoffenheim ist für mich nicht nur wegen der Herbstmeisterschaft die Mannschaft der Hinrunde. Ich habe das Team beim 3:0 zu Hause gegen den HSV gesehen. Das Spiel hat mich begeistert. Und auch beim 3:1 in Köln hat Hoffenheim die offensive Grundeinstellung nicht verlassen. Das war schöner Tempofußball mit Mut zum Risiko.

Sport1.de: Hätten Sie dem Aufsteiger diese Souveränität zugetraut?

Calmund: Ich bewundere die Arbeit von Ralf Rangnick. Ich hatte Hoffenheim schon in der Zweiten Liga beim Aufstiegsspiel in Köln gesehen. Da hat sich die Mannschaft trotz Überlegenheit den Schneid abkaufen lassen. Das nötigt mir Respekt ab, wie Rangnick einem nahezu unveränderten Team innerhalb eines halben Jahres beigebracht hat, in der Bundesliga rustikaler und härter zu spielen.

Sport1.de: Und welcher Bundesligist hat Sie enttäuscht?

Calmund: Das ist Karlsruhe. Es war klar, dass es nach den empfindlichen Abgängen etwa von Tamas Hajnal schwer werden wird. Auch die vielen Verletzten waren nicht einfach zu ersetzen. Ich drücke dem KSC die Daumen, dass der Klub nach der beeindruckenden letzten Saison aus dem Schlamassel wieder rauskommt.

Sport1.de: Jürgen Klinsmann mit dem FC Bayern hatte alles andere als einen guten Start?

Calmund: Ich bin ein Verfechter von Klinsmanns Modell, dass er versucht, jeden einzelnen Spieler besser zu machen und so die Mannschaft und den Verein weiter nach vorne zu bringen. Das ist der richtige Weg. Allerdings spielen die Münchner nicht so souverän wie letzte Saison. Ich erinnere nur an die Unentschieden gegen Bochum und in Gladbach nach Zwei-Tore-Führung der Bayern.

Sport1.de: Wem trauen Sie die Meisterschaft zu?

Calmund: Bayern hat das bessere Spielermaterial gegenüber der Konkurrenz und wird in der Rückrunde voll angreifen, muss sich aber steigern. Ich traue Hoffenheim und Leverkusen eine ähnliche Rolle zu, wie sie 2007 der spätere Meister VfB Stuttgart gespielt hat.

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Sport1.de: Was ist Ihnen von der EM in Erinnerung geblieben?

Calmund: Die deutsche Elf kann mit dem Erreichen des Endspiels vollauf zufrieden sein. Wir haben gegen die Türkei im Halbfinale glücklich, aber verdient gewonnen. Im Finale hat sich mit Spanien die mit Abstand beste Mannschaft im Turnier durchgesetzt. Das war ein Sieg für den Fußball. Es wurde viel offensiver gespielt als noch beim so genannten Sommermärchen 2006 ? der WM in Deutschland. Und diese Art zu spielen, hat sich auch in der Bundesliga fortgesetzt.

Sport1.de: Inwiefern?

Calmund: Die Mannschaften, die oben mitmischen, mit 1899 Hoffenheim und Bayer Leverkusen, stellen nicht nur den jüngsten Kader, sondern auch den attraktivsten Offensivfußball. Es macht einfach Spaß ins Stadion zu gehen. Den kontrollierten Käse hinten herum zu spielen, will keiner mehr sehen.

Sport1.de: Es wurde zuletzt oft kritisiert, dass die meisten Tore in der Bundesliga von ausländischen Spielern erzielt wurden. Was sagen Sie dazu?

Calmund: Wir haben genügend gute deutsche Stürmer mit Patrick Helmes, Stefan Kießling, Lukas Podolski oder Miroslav Klose. Auch Mario Gomez halte ich für eine große Nummer und Kevin Kuranyi würde ich noch nicht abschreiben. Wir sollten nicht jammern, sondern akzeptieren, dass Fußball ein globales Ereignis ist. Außerdem spielen in den meisten Jugendmannschaften der deutschen Klubs überwiegend Jugendliche mit ausländischer Abstammung. Und das setzt sich später im Profibereich fort. Entscheidend ist doch, dass die Fußballer gut spielen: Ribery und Luca Toni reißen uns doch von den Sitzen, sind Charaktertypen und Führungsspieler.

Hier geht es zum zweiten Teil des Interviews

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