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Timo Boll stand als erster Deutscher auf Rang eins der Tischtennis-Weltrangliste © getty

Bei der Heim-EM in Stuttgart will Timo Boll drei Titel aus dem Vorjahr verteidigen. Im Interview schätzt er seine Chancen ein.

Von Guido Huber

München - Eigentlich ist Timo Bolls Erfolg von 2008 nicht zu toppen.

Vor einem Jahr gewann er bei der EM in St. Petersburg in allen drei Wettbewerben Gold: im Einzel, im Doppel mit Christian Süß und mit der Mannschaft.

Doch dieses Kunststück bei der Europameisterschaft in Stuttgart (13. bis 20. Sptember) im eigenen Land zu wiederholen, wäre die Krönung von Bolls erfolgreicher Karriere.

Am Sonntag startet der 28-Jährige das Unternehmen Titelverteidigung.

Im Interview der Woche mit Sport1.de stellt Boll die Favoritenrolle im Mannschaftswetbewerb selbstbewusst zur Schau: "Wenn wir alle gesund bleiben, muss uns erst mal einer schlagen."

Außerdem erzählt der Weltranglistenvierte von seiner abwechslungsreichen Vorbereitung und lobt den Teamgeist in der deutschen Mannschaft. Einen Bundesliga-Fußballer lädt er zu einem Trainingsmatch ein.

Sport1.de: Sie haben bewusst auf die Reise nach Asien verzichtet, um sich noch intensiver auf die EM vorbereiten zu können. Wie ist Ihre Vorbereitung verlaufen und wie hat Bundestrainer Richard Prause Sie auf das kommende Turnier eingestellt?

Timo Boll: Manches Mal wusste ich nicht mehr, ob ich Tischtennisspieler oder Triathlet bin. Ich habe nämlich fast ebenso viel Zeit wie am Tisch im Schwimmbecken und auf dem Rad beziehungsweise dem Ergometer verbracht. Aber ich habe das Gefühl, dass mir dieses veränderte Programm geholfen hat.

Sport1.de: Ihre Teamkollegen Dimitrij Ovtcharov und Patrick Baum haben bei den Korea Open in Seoul tolle Ergebnisse erzielt. Richard Prause gab sich zufrieden, meinte aber, es gäbe "noch Luft nach oben". Was muss sich beim Team noch bis zur absoluten Topform verbessern?

Boll: Ich finde, meine Kollegen, ob Dimi, Patrick oder auch Christian Süß, sind alle auf einem sehr guten Weg. Sie haben sich toll weiter entwickelt. Es ist bei uns allen noch Luft nach oben. Aber wir wollen ja auch erst zum Turnierbeginn in Topform sein.

Sport1: Deutschland bekam in Gruppe A die Gegner Frankreich, Dänemark und Spanien zugelost. Wie stark sehen Sie die Gruppe und wer ist für Sie der gefährlichste Gruppengegner?

Boll: Frankreich hat eine junge, sehr ausgeglichene Truppe. Schon im vergangenen Jahr hatten wir im Gruppenspiel zu kämpfen. Da sind wir gewarnt. Dänemark hat mit Michael Maze einen Topspieler, der immer für zwei Punkte gut ist. Gegen Spanien muss ein Pflichtsieg her.

Sport1.de: Wie hoch schätzen Sie die Chancen für eine erfolgreiche Verteidigung des Team-Titels ein?

Boll: Wie schon gesagt: wir sind als Team weiter gewachsen und tragen somit sicherlich die Favoritenbürde. Wenn wir alle gesund bleiben, muss uns erst mal einer schlagen.

Sport1.de: Sie können sich in Stuttgart der Unterstützung des deutschen Publikums sicher sein. Wie gehen Sie als dreifacher Titelverteidiger mit der großen Erwartungshaltung der Leute um und wie gelingt es Ihnen sich immer wieder neu zu motivieren?

Boll: Mein Sport macht mir unheimlich Spaß, ich gewinne gern, die Fans stehen meistens hinter mir, und aus all dem ziehe ich meine Motivation.

Sport1.de: Wen sehen Sie in der Einzelkonkurrenz als ärgsten Widersacher? Wäre alles andere als eine Titelverteidigung eine Enttäuschung?

Boll: Mit Dimi und Christian habe ich mittlerweile brandgefährliche Konkurrenten im eigenen Team. Ansonsten sind meine Rivalen die üblichen Verdächtigen: Samsonov, Maze, Kreanga. Wenn die in Topform sind, wird es eng.

Sport1.de: Als Kapitän der Mannschaft haben Sie eine besondere Verantwortung. Wie gehen Sie damit um und worauf achten Sie besonders, damit die Harmonie im Team nicht gestört wird?

Boll: Wir sind eine sehr harmonische Truppe, in der sich untereinander jeder gut versteht. Wir haben keinen Stinkstiefel. Deshalb muss man da nicht viel führen. Wir agieren als Team.

Sport1.de: Tischtennis ist auch dank Ihnen in Deutschland wieder auf dem aufsteigenden Ast. Wie wichtig ist die EM im eigenen Land für den Tischtennis-Sport in Deutschland? Kann sie eine Initialzündung für einen Boom sein?

Boll: Ein solches Event im eigenen Land hat immer eine besondere Bedeutung. Die Halle wird praktisch ausverkauft sein. Es mag eine neue Begeisterung entstehen, wenn wir wieder alle drei Titel gewinnen. Einen Boom könnte es nur geben, wenn wir regelmäßiger im Fernsehen wären.

Sport1.de: Stuttgart war bereits 1992 Schauplatz einer Tischtennis-EM. Was verbinden Sie mit der Stadt, in der Jörg Roßkopf vor 17 Jahren den Titel im Herren-Einzel nach Deutschland holte?

Boll: Als Fussballfan verfolge ich natürlich die Geschicke des VfB. Stuttgart hat insgesamt ein tolles Sport-Publikum. Und wie ich hörte, gibt es dort auch einen sehr talentierten Tischtennisspieler. Er ist Schweizer und zum Glück im Hauptberuf Fußballprofi. Vielleicht kommt Ludovic Magnin ja mal in die Halle. Er hatte schon einmal signalisiert, gerne gegen mich antreten zu wollen.

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