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Jiaduo Wu wurde bei der EM 2007 Dritte mit der Mannschaft © imago

Die Deutsch-Chinesin holt sich nach einer überragenden Leistung den EM-Titel. Der Weltranglistendritte scheitert an einem Dänen.

Stuttgart - Als Timo Bolls Traum vom goldenen Dreierpack geplatzt war, herrschte in der Stuttgarter Arena Totenstille.

Nur mühselig spendeten die 6000 Zuschauer ihrem Liebling nach dem 3:4 im EM-Halbfinale gegen den Dänen Michael Maze aufmunternden Applaus.

Statt dreimal Gold wie in den Jahren 2007 und 2008 packte Boll im Ländle "nur" das Double aus Doppel und Team, im Einzel gab es Bronze.

Kurz nach Bolls Aus versetzte Jiaduo Wu die Fans mit ihrem überraschenden Gold in einen Freudentaumel.

"Fühle mich wie in einem Traum"

Wu spielte ein überragendes Finale und holte sich völlig verdient die Goldmedaille.

Nach dem 4:0 gegen Margaryta Pesozka trug Präsident Thomas Weikert die gebürtige Chinesin auf Händen durch die Halle, aus den Boxen schallte "Time of my life" und die Fans applaudierten minutenlang.

"Ich fühle mich wie in einem Traum", sagte Wu einen Tag nach ihrem 32. Geburtstag.

Boll mit Aufholjagd

Für Boll dagegen begann die Partie gegen den Dänen wie ein Alptraum.

"Maze hat mich in den ersten drei Sätzen förmlich überrollt", sagte Boll. Er sei total unterlegen gewesen, vor allem in seinem sonst so starken kurzen Spiel. (Boll vertraut seinem Körper nicht)

Boll sah sich Maze in der Anfangsphase teilweise hilflos ausgeliefert, traf kaum einen Ball: "Maze ist mental unheimlich stark, der schnappt da sofort zu."

Dass der 28-jährige Boll seinen Schläger dennoch zufrieden einpackte, war seiner famosen Aufholjagd geschuldet.

Sein dänischer Gegner lag bereits 3:0 in Führung, ehe der völlig von der Rolle wirkende Boll auf Touren kam.

"Ich bin eben eine Kampfsau", sagte Boll. Vor der prächtigen Kulisse spielte sich der Ausnahmekönner in einen Rausch und glich die Partie noch aus.

Viele leichte Fehler

Dass es am Ende gegen Maze wie schon im Team-Finale doch nicht reichte, war nicht nur dem überragenden Dänen, sondern auch leichten Fehlern Bolls in den entscheidenen Phasen geschuldet.

Ausgerechnet beim Stand von 5:9 im siebten Satz setzte Boll seinen Aufschlag ins Netz. Da habe er das Spiel aber nicht verloren, meinte der Linkshänder.

Bolls gute Laune rührte vor allem von seiner offenbar wieder hergestellten Physis.

"Mein Rücken hat gehalten. Das ist die beste Erkenntnis des Turniers", sagte der zehnmalige Europameister. Ausgerechnet die Leidensgeschichte seines Bezwingers sollte Boll Hoffnung für die Zukunft geben.

Maze litt jahrelang unter körperlichen Problemen, vor einigen Jahren plagte ihn ein Bandscheibenvorfall.

Der Däne demontierte im Endspiel anschließend Österreichs früheren Weltmeister Werner Schlager mit 4:1.

Boll/Süß schreiben Geschichte

Dass er noch 24 Stunden vor dem unerwarteten Aus wieder einmal Tischtennis-Geschichte geschrieben hatte, dürfte ebenfalls zu Bolls Wohlbefinden beigetragen haben.

Das Doppel Boll/Süß hatte den Titel durch das 4:2 gegen die Polen Wang Zeng Yi/Lucjan Blasczyk als erstes Duo zum dritten Mal in Folge gewonnen.

"Die Jungs haben im richtigen Moment ganz großes Tischtennis gespielt", sagte Bundestrainer Richard Prause nach dem lange auf der Kippe stehenden Match.

"Im Sport ist nicht alles Gold"

Sportdirektor Dirk Schimmelpfennig hatte bereits vor dem Finale der Frauen für den Deutschen Tischtennis-Bund (DTTB) Bilanz gezogen.

"Wir haben in fünf von sechs Wettbewerben eine Medaille gewonnen. Das ist einfach hervorragend", sagte der Kölner. Im Sport sei eben nicht alles Gold, was glänze.

Bei den Zuschauern war das Turnier ebenfalls ein voller Erfolg. 46.000 der 49.000 Karten wurden verkauft.

Die glänzende Goldmedaille im Doppel sicherte sich das rumänische Duo Elizabeta Samara/Daniela Dodean.

Die deutsche Meisterinnen Zhenqi Barthel und Kristin Silbereisen gewannen Bronze.

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