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Christian Süß steht in der Weltrangliste momentan auf Platz 21 © getty

Der frischgebackene achtfache Europameister Christian Süß spricht bei SPORT1 über die Dopingaffäre um Ovtcharov und die EM.

Von Benjamin Bauer

München - Christian Süß ist seit dem Wochenende achtfacher Europameister.

Mit Timo Boll holte er Gold im Doppel. Mit dem Team gelang ihm dasselbe Kunststück. Der Teamerfolg steht jedoch unter keinem guten Stern.

Denn Süß' Teamkollege Dimitrij Ovtcharov ist des Dopings verdächtig. In der A-Probe der deutschen Nummer zwei wurde das Kälbermastmittel Clenbuterol nachgewiesen. Die Team-Medaille wird allerdings nicht aberkannt. Dennoch ist die Dopingaffäre ein Schock für Süß und Co.

Im SPORT1-Interview spricht Süß über den Dopingfall seines Kollegen. Zudem erzählt er, wie es ist, im langen sportlichen Schatten von Timo Boll zu leben, über seine Bekanntheit in China und langfristige Ziele.

SPORT1: Wie ist Ihre Reaktion auf den Doping-Befund bei Dimitrij Ovtcharov? (INTERVIEW: "Wie wenn ein Familienmitglied stirbt")

Christian Süß: Die gesamte Mannschaft ist schockiert über diesen Vorfall. Wir sind alle total überrascht und haben uns gefühlt, als würde uns der Boden unter den Füßen weggezogen.

SPORT1: Haben Sie eine Erklärung?

Süß: Nein, es gibt dafür keinen Grund, und wir verstehen auch nicht, warum er das gemacht haben soll. Noch ist ja auch nichts endgültig bewiesen und ich möchte auch niemanden vorverurteilen. Das Verfahren fängt ja jetzt erst an. Dimitrij war auch so ein guter Spieler mit gutdotierten Verträgen. Das hätte er eigentlich nicht nötig.

SPORT1: Kann man die Folgen für den Tischtennissport schon absehen?

Süß: Nein, das kann ich noch gar nicht realisieren. Dazu ist das Ganze noch zu frisch. Da muss man abwarten, was die nächste Zeit mit sich bringt.

SPORT1: Denken Sie, dass im Tischtennis gedopt wird?

Süß: Nein, ich bin der festen Überzeugung, dass dieses, wenn es sich wirklich als Dopingfall erweist, ein absoluter Einzelfall ist. Von uns ist noch nie jemand in Kontakt mit Doping gekommen und mit Leuten, die so etwas anbieten. Das hat es noch nie gegeben, und darüber bin ich sehr froh. Das gehört auch nicht in den Tischtennisport rein, wir sind ein sauberer und fairer Sport. Deswegen sind alle auch so schockiert und überrascht.

SPORT1: Ovtcharov beteuert seine Unschuld. Glauben Sie ihm?

Süß: Da geht es nicht um glauben oder nicht. Das Verfahren hat gerade erst angefangen, und ich hoffe, dass die Wahrheit ans Licht kommt. Wir stecken nun alle in einer schwierigen Situation.

SPORT1: Vor dem Positiv-Test Ihres Kollegen gab es am Wochenende eigentlich viel Grund zur Freude. Die EM in Ostrau verlief aus deutscher Sicht sehr erfolgreich.

Süß: Auf jeden Fall. Aus meiner Sicht kann ich mit dem gesamten Turnier megazufrieden sein. Ich habe eine riesige EM gespielt, zwei Goldmedaillen geholt und jedes Spiel mit der Mannschaft so gut wie ohne Pause bestritten.

Dass wir (Timo Boll und Christian Süß, d. Red.) dieses Pensum absolviert haben, macht mich auch froh.

SPORT1: Ihre Liste mit Erfolgen ist lang. Dennoch wird Tischtennis hierzulande immer mit Timo Boll verbunden. Fühlen Sie sich ein bisschen als Schattenmann?

Süß: Nein, Schattenmann würde ich nicht sagen. Timo steht zu Recht da oben. Er ist halt der beste deutsche Tischtennisspieler und hat sich den Ruhm verdient. Mit dem Gewinn des Triples hat er wieder seine Klasse gezeigt.

SPORT1: Würde es der Begriff Kronprinz besser treffen?

Süß: Ja, das kann man so sagen. Timo ist ja fünf Jahre älter als ich. Man kann davon ausgehen, dass ich ein paar Jahre länger spielen werde. Und vielleicht schaffe ich es ja dann, die Nummer eins zu werden.

SPORT1: In der Weltrangliste klettern Sie kontinuierlich. Welches Ziel ist realistisch in Anbetracht der Konkurrenz aus Europa und Fernost?

Süß: Nach der EM bin ich wieder unter den ersten 20. Mein Ziel ist es, mich dort zu etablieren. Und dann werde ich mir ein neues Ziel setzen. Top Ten wäre schön. Aber das ist nicht einfach ? vor allem bei der starken Konkurrenz aus China. Aber mittelfristig ist ein Platz unter den besten zehn Spielern der Welt das Ziel.

SPORT1: Werden Sie auf der Straße erkannt?

Süß: In Deutschland oder in Düsseldorf mehr und mehr. In China ist das noch größer. Da werde ich häufiger erkannt.

SPORT1: Sie sind in China populärer als in Deutschland?

Süß: Ja, das würde ich schon sagen. In China wird Tischtennis viel mehr im TV übertragen, und durch die Erfolge kennen die Leute mich. In China sind wir populärer als in Deutschland.

SPORT1: Bei Olympia 2012 dürfen nur zwei Spieler pro Nation antreten. Ist das die Chance, den Chinesen ein Bein zu stellen?

Süß: Das macht die Sache einfacher, und eine Medaille wird schon mal nicht an China gehen. Ich sehe das aber eher mit einem weinenden Auge: Ich muss erstmal die Nummer zwei Deutschlands werden, um im Einzelturnier starten zu dürfen.

Olympia ist ein Highlight und durch die Regel, dass nur zwei Spieler pro Nation starten dürfen, schwächt man das Turnier künstlich. Dadurch werden etliche Spieler, die in den Top 20 stehen, nicht mitspielen dürfen.

SPORT1: Trotz der Erfolge will der ganz große Boom im deutschen Tischtennis nicht kommen. Was muss noch passieren?

Süß: Also wir Sportler können nicht soviel besser machen. Wir kämpfen und wir spielen gute Ergebnisse ein. Aber ein Boom tritt nicht ein. Das ist schade, aber in Deutschland ist vieles auf den Fußball fixiert, und dann ist es schwer für eine Randsportart hochzukommen. Ich würde mir mehr TV-Präsenz wünschen. Es wird zwar mehr und mehr, geht aber doch langsam voran. Ich hoffe aber, dass es weitergeht.

SPORT1: Wie stressig ist denn das Leben als Tischtennis-Profi?

Süß: Wir waren zehn Tage in Ostrau, am Freitag spielen wir Champions League in Düsseldorf und am Sonntag Bundesliga in Fulda. Es ist schon eine Terminhatz. Aber wir sind das mittlerweile gewohnt, und es gibt keinen Grund zu klagen.

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