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Dimitrij Ovtcharov wurde 1988 in Kiew in der damaligen Sowjetunion geboren © getty

Kein Verfahren gegen die deutsche Nummer zwei: Der deutsche Verband sieht die Erklärung für den Positivtest als erwiesen an.

Frankfurt/Main - Tischtennis-Europameister Dimitrij Ovtcharov ist in seiner Doping-Affäre freigesprochen worden - ein Novum in der Geschichte des deutschen Sports.

Nach dem einstimmigen Präsidiumsbeschluss des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB) wird nach dem so genannten Ergebnismanagement erstmals kein Verfahren gegen einen in A- und B-Probe positiven Aktiven eingeleitet.

Unter Berufung auf Ermittlungsergebnisse und renommierte Experten sieht es der DTTB als erwiesen an, dass Ovtcharov das nachgewiesene Kälbermastmittel Clenbuterol "unwissentlich aufgenommen hat" und damit "kein schuldhafter Verstoß" gegen die Anti-Doping-Ordnung vorliegt.

"Eine Verurteilung von Dimitrij Ovtcharov sähe ich angesichts der Indizienlage und der Expertenanalysen als großes Unrecht", erläuterte DTTB-Ehrenpräsident Hans Wilhelm Gäb die Entscheidung.

"Freude fast noch größer als der Schock"

Ovtcharov selbst, der laut Gäb bei der Nachricht vom Ende der Affäre "zu Tränen gerührt" war, reagierte befreit: "Der DTTB hätte niemals so entschieden, wenn der Verband nicht zu 100 Prozent sicher gewesen wäre, dass ich unschuldig bin. Meine Freude ist fast noch größer als der Schock über die positiven Kontrollen. Noch einen Monat länger, und meine Karriere wäre zerstört gewesen."

Ausschlaggebend für das Novum in der Geschichte von Dopingkontrollen in Deutschland war eine offenkundig geschlossene Indizienkette.

Die schlüssige Reihe von Fakten stützt Ovtcharovs Darstellung von der Aufnahme der ohnehin nur in verschwindend geringer Dosierung nachgewiesenen Substanz durch kontaminiertes Fleisch während der China Open im August.

"Die Annahme ist die aus meiner Sicht wahrscheinlichste Befunderklärung. Eine dopingrelevante Anwendung von Clenbuterol ist höchst unwahrscheinlich", zitierte der DTTB am Freitag aus der Fallbewertung des Doping-Experten Wilhelm Schänzer vom Institut für Biochemie in Köln.

Entlastende Erkenntnisse

Besonders entlastend für Ovtcharov neben einer negativen Haarprobe auf das im Falle einer Doping-Anwendung leicht nachweisbare Clenbuterol erwiesen sich Nachkontrollen von Tests vier weiterer deutscher China-Open-Starter einen Tag nach Ovtcharovs Probe.

Mit einer deutlich empfindlicheren und in der Praxis nicht genutzten Messmethode fanden Schänzer und sein Kollege Detlef Thieme vom Dopinglabor in Kreischa bei diesem Quartett grundsätzlich nicht dopingrelevante "Spuren von Clenbuterol im extrem niedrigen Konzentrationsbereich".

Die Parallelen der Ergebnisse sowie die medizinische Unsinnigkeit einer Anwendung von Clenbuterol im Tischtennis-Sport - dazu noch in einer Wettkampfphase - fügten sich in ein Gesamtbild zugunsten von Ovtcharov.

Boll erleichtert

"Ich habe von Anfang an geglaubt, dass 'Dima' unschuldig ist. Ich freue mich, dass es ihm gelungen, seine Unschuld zu beweisen", kommentierte der Weltranglisten-Zweite Timo Boll den Freispruch für seinen Freund und Trainingspartner.

Gegen den Freispruch für Ovtcharov könnten die Nationale Anti Doping Agentur (NADA) und die Weltorganisation WADA noch Einspruch einlegen.

"Wir werden die Entscheidungsbegründung genauestens und schnellstmöglich prüfen sowie die WADA über den Stand der Dinge informieren", sagte NADA-Sprecher Berthold Mertes.

Weikert sieht dieser Überprüfung gelassen entgegen: "Wir haben auf Grundlage von Verantwortung und nach bestem Wissen und Gewissen entschieden. Ich befürchte keinen Einspruch. Es gab von Anfang an Unterschiede zu anderen Clenbuterol-Fällen."

Spontan-Trip nach Paris

Ovtcharov, der nach der mit sofortiger Wirkung aufgehobenen Suspendierung beim Weltcup in Magdeburg (29. bis 31. Oktober) startet, entschloss sich nach seinem persönlichen Happy End zu einem Spontan-Trip mit seiner Freundin nach Paris.

"Ich möchte meinen Kopf schnell wieder frei bekommen und mich von den Gedanken der vergangenen Wochen lösen", sagte der 22-Jährige vor dem Abflug.

Eine Lehre aus den vergangenen Wochen muss der Olympia- und WM-Zweite mit der Mannschaft in Frankreich noch nicht anwenden: "Ich werde in China bestimmt kein einziges Stück Fleisch mehr essen.

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