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Timo Boll ist als einziger Europäer bei der WM noch im Rennen © getty

Nach dem Sieg gegen seinen Kumpel Dimitrij Ovtcharov greift Deutschlands Nummer eins nach seiner ersten WM-Medaille.

Rotterdam - Es ist nur noch ein Schritt bis zur ersehnten WM-Medaille, und das ließ Timo Boll sogar seine Zurückhaltung vergessen.

Die zur Faust geballte Hand streckte der Rekord-Europameister nach seinem Sieg über seinen guten Freund Dimitrij Ovtcharov bei der Tischtennis-WM in Rotterdam in die Höhe und machte sogar einen kleinen Freudensprung.

Derart ausgelassen hatten die Zuschauer in der Ahoy-Arena den Düsseldorfer Weltranglistenzweiten bislang noch nicht gesehen.

Boll erleichtert

Boll war einfach froh, die Achtelfinalbegegnung mit seinem Trainingspartner mit 4:2 (11:7, 11:6, 11:13, 13:15, 11:0, 11:8) gewonnen und als einziger Europäer die Runde der besten Acht erreicht zu haben.

Im Weltranglistenzwölften Chen Qi steht am Samstag (15.15 Uhr) im Viertelfinale um eine Medaille nur noch eine Hürde zwischen Boll und dem Halbfinale - es ist allerdings eine chinesische.

"Das war das bislang schwierigste Spiel der WM - spielerisch und emotional", sagte Boll nach dem verwandelten Matchball.

Favorit zeigt Nerven

Stark hatte er begonnen, die ersten beiden Sätze für sich entschieden, aber dann Nerven gezeigt.

Im vierten Durchgang vergab Boll gleich drei Satzbälle zum vorentscheidenden 3:1.

"Ich bin froh, dass ich danach meinen Weg wiedergefunden habe", sagte er erleichtert.

Mit 11:0 im fünften Satz folgten ein Paukenschlag und eine Machtdemonstration zugleich, wovon sich Ovtcharov nicht mehr erholte.

Ovtcharov enttäuscht

"Die Sätze zuvor haben sehr viel Konzentration und Kraft gekostet", meinte der niedergeschlagene Verlierer des deutschen Duells und ergänzte:

"Timo kann ein so hohes Level spielen, und ich habe es nicht geschafft, über die gesamte Dauer mitzuhalten."

Noch am Morgen vor der Partie war der in Hameln wohnende Russland-Legionär zuversichtlich gewesen, Boll in der internen Hierarchie den Thron streitig machen zu können.

Boll hatte zwei Mal verloren

Immerhin hatte der 22-Jährige seinen acht Jahre älteren Kontrahenten bereits zweimal geschlagen. 2008 im Viertelfinale der Korea Open gelang Ovtcharov der erste Sieg.

Im Finale der Champions League glückte ihm im vergangenen Jahr das Kunststück ein zweites Mal.

Doch beim Saisonhöhepunkt, auf den sich die beiden Freunde abschließend gemeinsam mit einem Wellness-Programm im Hause Boll vorbereitet hatten, spielte der viermalige Einzel-Europameister seine Erfahrung und Überlegenheit aus.

Einzig im dritten und vierten Durchgang wackelte er, aber Ovtcharov konnte Bolls kurze Schwächephase nicht ausnutzen.

Roßkopf beobachtet Gegner

Vielleicht hätten ihm ein paar Tipps von Bundestrainer Jörg Roßkopf gut getan, doch in deutschen Duellen wird traditionell nicht gecoacht.

Roßkopf hatte nur selten Augen für die Partie seiner beiden Schützlinge.

Der akribische Arbeiter bereitete lieber das Viertelfinale vor und beobachtete Bolls nächsten Gegner.

Mannschafts-Weltmeister Chen Qi ist in Rotterdam der am tiefsten eingestufte der noch sechs im Turnier stehenden Chinesen und warf im Achtelfinale den weißrussischen Weltranglistenachten Wladimir Samsonow mit 4:3 aus dem Turnier.

Tagesform entscheidet

In diesem Jahr hat Boll, der bereits 2007 in Zagreb bis ins WM-Viertelfinale gekommen war, den Asiaten bereits zweimal im Viertelfinale der Champions League geschlagen.

"Das waren aber jeweils ganz enge Spiele. Am Ende wird die Tagesform entscheiden", sagte Boll.

Fürchten muss er auf dem Weg zur ersten WM-Einzelmedaille für einen Deutschen seit dem Silber für Eberhard Schöler 1969 in München seinen ersten chinesischen Gegner in Rotterdam allerdings nicht.

Wieder Training mit Ovtcharov

"Timo ist auf jeden Fall Favorit", sagte auch Ovtcharov.

"Jetzt wird sich zeigen, wie gut ich wirklich drauf bin", fügte Boll hinzu und freute sich, nun auch wieder mit seinem Kumpel trainieren zu können.

Am Morgen des deutschen Duells waren sich beide bewusst aus dem Weg gegangen und hatten erstmals nicht gemeinsam vorbereitet.

Gute Bilanz

Der im Lager des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB) "Cappuccino-Duell" titulierte Vergleich zwischen Boll und Ovtcharov verhinderte eine weitere Verbesserung der besten Einzel-Bilanz der DTTB-Herren in der 85-jährigen WM-Historie.

Denn neben den beiden Freunden hatte auch der deutsche Meister Bastian Steger (Saarbrücken) die Runde der besten 16 erreicht, war aber schon am Donnerstag gegen Chinas Olympiasieger Ma Lin chancenlos geblieben.

Im Doppel-Wettbewerb war für Steger und den EM-Zweiten Patrick Baum (Düsseldorf) das Aus im Viertelfinale gegen eine chinesische Kombination gekommen.

Das beste Ergebnis der deutschen Damen im Einzel war der Achtelfinal-Einzug von Ex-Europameister Jiaduo Wu.

Damen-Finale fix

Unterdessen haben chinesische Spieler erwartungsgemäß die ersten Goldmedaillen bei der WM gewonnen.

Im Mixed setzten sich Zhang Chao/Cao Zhen gegen ihre Landsleute Hao Shuai/Mu Zi durch. Bronze ging an Seiya Kishikawa/Ai Fukuhara (Japan) und Cheung Yuk/Jiang Huajun (Hongkong).

Im Dameneinzel gehen alle Medaillen nach China. Im Finale am Samstag (17.00 Uhr) stehen sich Li Xiaoxia und Ding Ning gegenüber.

Bronze holten Guo Yue, die im Achtelfinale die Deutsche Wu Jiaduo (Kroppach) geschlagen hatte, und Li Shiwen.

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