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Ovtcharov wechselte 2010 zum russischen Verein Fakel Gazprom Orenburg © imago

Der Kronprinz verspielt eine 3:1-Satzführung. Boll muss sich auf dem Weg zu Europas Thron seinem Olympia-Trauma stellen.

Herning - Die Wachablösung durch seinen Kronprinzen muss Timo Boll nicht mehr fürchten. Eine hohe Hürde steht jedoch noch zwischen dem Rekord-Champion und Europas Thron.

Im Halbfinale der Tischtennis-EM im dänischen Herning wird Boll mit seinem Olympia-Trauma konfrontiert; es wartet in Adrian Crisan der Mann, der Bolls Traum von einer olympischen Einzelmedaille in London zerstört hatte.

Die hatte sich dafür Dimitrij Ovtcharov geschnappt. Der 24-Jährige ist allerdings längst nicht mehr in der Form von London und unterlag im Viertelfinale dem Kroaten Ruiwu Tan 3:4.

Kronprinz verspielt 3:1-Satzführung

Ovtcharov verspielte dabei eine 3:1-Satzführung. Er war auf dem Weg in Richtung Traumfinale gegen Timo Boll und muss sich jetzt mit Bronze im Doppel zufrieden geben - ein schwacher Trost.

Den teilt er mit seinem Vereinskollegen und Doppelpartner vom russischen Champions-League-Sieger Fakel Orenburg, Wladimir Samsonow.

Steger im zweiten Halbfinale

Der Weißrusse scheiterte im Viertelfinale am deutschen Meister Bastian Steger (Saarbrücken).

Der Olympiadritte mit der Mannschaft hatte nach dem 4:3-Krimi über 1:19 Stunden gegen den griechischen Abwehrspezialisten Panagiotis Gionis noch genügend Kraft, den Ex-Europameister mit 4:0 zu deklassieren. Steger (31) trifft im zweiten Halbfinale am Sonntag auf Ovtcharov-Bezwinger Tan.

Mehr Brisanz birgt allerdings das erste Aufeinandertreffen zwischen Boll und Crisan nach London. Dabei war der Rumäne bereits im Achtelfinale ausgeschieden.

Baums Belag zu dick

Vize-Europameister Patrick Baum hatte ihn 4:2 bezwungen, allerdings einen seltenen Fehler begangen: Sein Belag war 0,05 Millimeter zu dick, Baum wurde disqualifiziert und gab später kleinlaut zu:

"Ich weiß nicht, wie das passieren konnte. Ich bin noch nie mit meinem Schläger durchgefallen, habe daher auch nicht mehr gemessen. Das war mein Fehler, ich hätte die Schläger vorher noch mal testen lassen müssen."

Ex-Weltmeister Steffen Fetzner kritisierte den Düsseldorfer: "Das ist unprofessionell. Eine Katastrophe." Auch Dirk Schimmelpfennig, Sportdirektor des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB), war enttäuscht: "Das war eine Nachlässigkeit. Absolut ärgerlich."

"Ein bisschen ängstlich"

Somit ist es nun Bolls Aufgabe, Crisan endgültig aus dem Turnier zu werfen. Der 15-malige Europameister vom Bundesligisten Borussia Düsseldorf hätte sicherlich lieber gegen seinen Teamkollegen Baum gespielt.

Für die Psyche des 31-Jährigen wird das Halbfinale die schwierigste Aufgabe auf dem Weg zu seinem sechsten Einzeltitel. "Ab und zu denke ich schon noch an Olympia zurück", hatte Boll vor dem Turnier zugegeben.

Beeinträchtigt haben ihn die Gedanken an die Niederlage bislang allerdings nicht. Nach dem holprigen Achtelfinalmatch gegen den Polen Daniel Gorak ("Da war ich ein bisschen ängstlich") ließ Boll dem Kroaten Andrej Gacina beim 4:1 nur wenige Chancen. Dabei liegt ihm der Spieler des Bundesligisten Grenzau nicht besonders. In der Meisterschaft hatte Boll zuletzt Matchbälle abwehren müssen (BERICHT: Boll meistert Auftakt mühelos - Ovtcharov schimpft).

Bronze fürs Damendoppel

Die DTTB-Damen von Bundestrainerin Jie Schöpp fahren mit nur einer Medaille nach Hause. Kristin Silbereisen und Jiaduo Wu aus Kroppach holten sich Bronze im Damendoppel.

Im Einzel scheiterte Olympiateilnehmerin Silbereisen als letzte deutsche Spielerin im Viertelfinale. Die 27-Jährige verlor gegen die Österreicherin Jia Liu 1:4, nachdem sie zuvor die topgesetzte Spanierin Yanfei Shen geschlagen hatte.

Ex-Europameisterin Wu und Vorjahresfinalistin Irene Ivancan (Berlin) scheiterten im Achtelfinale.