vergrößern verkleinern
Ovtcharov holte im olympischen Einzel- wettbewerb 2012 die Bronzemedaille © getty

Der Olympia-Dritte entscheidet die German Open in sechs Sätzen für sich. Boll verpasst trotz klarer Führung den Triumph.

Bremen - Rekordeuropameister Timo Boll muss nach einem erfolgreichen Versuch des Wachwechsels des Olympia-Dritten Dimitrij Ovtcharov um seine Leitwolf-Rolle im deutschen Tischtennis bangen.

Im Traumfinale der German Open in Bremen stellte der gebürtige Ukrainer den Weltranglistenfünften durch einen geradezu sensationellen 4:2-Coup wie schon mit der Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen in London in den Schatten und machte damit Bolls Hoffnungen auf einen German-Open-Rekord durch den fünften Triumph beim Heimspiel zunichte.

Ovtcharov nach Triumph fassungslos

"Ich kann das noch gar nicht richtig glauben. Bei einem so wichtigen Turnier gegen Timo zu gewinnen, ist etwas ganz Tolles. Natürlich ist solch ein Erfolg vor heimischem Publikum noch viel schöner", sagte Ovtcharov nach seiner erfolgreichen Aufholjagd.

Der hochfavorisierte Weltranglistenfünfte Boll hatte im ersten German-Open-Finale zwischen zwei einheimischen Spielern seit 49 Jahren schon standesgemäß mit 2:0 Sätzen geführt und seinen Rekordtitel vermeintlich schon fest im Visier.

Doch dann nutzte der sechs Plätze tiefer notierte Europe-Top-12-Sieger Ovtcharov eine Schwächephase des 31-Jährigen und ließ seinen Freund und Trainingspartner danach nicht mehr ins Match zurückkommen.

Boll zieht seinen Hut

"Ein Finale gegen einen Kameraden aus der Nationalmannschaft ist nicht leicht, und ich habe mein Bestes geben. Ich hätte nach drei Jahren auch gerne wieder einmal die German Open gewonnen, aber 'Dima' war in diesem Spiel einfach der Bessere", gratulierte Boll seinem sieben Jahre jüngeren Bezwinger mit aufrichtiger Anerkennung.

Vor Bremen hatte der ehemalige Weltranglistenerste noch mit einem Augenzwinkern seinen Führungsanspruch im deutschen Lager klargestellt:

"Nach Olympia wurde ja schon über eine Wachablösung gesprochen. Doch ich habe ja zuletzt schon bei der EM in Dänemark gezeigt, dass ich mich so leicht nicht geschlagen gebe."

Boll weiter mit "Mr. Pokerface" gleich auf

Nunmehr allerdings könnten die Karten künftig immer wieder neu gemischt werden müssen.

Durch seine unerwartete Finalniederlage gegen den Aufschlag-Spezialisten vom russischen Champions-League-Sieger Fakel Orenburg liegt Boll in der Siegerliste der German Open weiter mit dem früheren WM-Zweiten Eberhard Schöler gleichauf an der Spitze.

"Mr. Pokerface" Schöler hatte vor 49 Jahren in Frankfurt auch das zuvor letzte Endspiel zwischen deutschen Spielern beim Heimturnier gegen Erich Arndt gewonnen.

Roßkopf auf der Tribüne

Für seinen Sensationserfolg im Finale, bei dem beide Trainerstühle wie ansonsten nur bei den regelmäßigen Endspielen zwischen Chinas Topspielern leer blieben und Bundestrainer Jörg Roßkopf auf der Tribüne Platz nahm, erhielt Ovtcharov 17.000 Dollar Prämie.

8500 Dollar dürften hingegen für Boll nur ein geringer Trost für den Prestigeverlust sein.

Ovtcharov feiert vierten World-Tour-Titel

Ovtcharov, der weiter auf seinen zweiten Sieg gegen Boll bei Vergleichen auf internationaler Ebene nach seinem Coup 2008 bei den Korean Open warten muss, feierte in Bremen seinen insgesamt vierten World-Tour-Titel.

Zudem darf sich der gebürtige Ukrainer berechtigte Hoffnungen auf eine Rückkehr in die Top 10 machen.

Die 120.400-Dollar-Veranstaltung litt allerdings etwas unter der Abwesenheit der chinesischen Weltmeister und Olympiasieger.

Im Vorjahr hatte Boll das Endspiel in Dortmund gegen Chinas späteren Einzel-Weltmeister und -Olympiasieger Zhang Jike deutlich verloren.

Solja avanciert zum Publikumsliebling

Im Damen-Turnier avancierte Nachwuchsspielerin Petrissa Solja zum Publikumsliebling. Die Österreich-Legionärin (Linz) sorgte mit Sabine Winter für den ersten Heimsieg im Doppel seit dem Erfolg des Duos Olga Nemes/Katja Nolten vor 24 Jahren in Wiesbaden, nachdem die 18-Jährige schon am Vortag den U21-Wettbewerb für sich entschieden hatte.

Den Einzeltitel sicherte sich die Hispano-Chinesin Shen Yanfei, die die Tschechin Iveta Vacenovska 4:2 bezwang.

Am Rande des Turniers zeichnete der Verband Deutscher Tischtennis-Trainer (VDTT) Roßkopf zum zweiten Mal in Folge als "Trainer des Jahres" aus.

Die Spieler des ehemaligen Doppel-Weltmeisters hatten bei der Mannschafts-WM in Dortmund Silber, bei Olympia in London Bronze mit dem Team und auch im Einzel durch Ovtcharov sowie zuletzt bei der EM in Dänemark durch Boll den Titel gewonnen.

x
Bitte bewerten Sie diesen Artikel