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Timo Boll gewann insgesamt sechs Mal Gold bei der Tischtennis-EM © getty

Die überraschende Niederlage bei der DM ist für Timo Boll ein Zeichen. Die Zeit läuft ihm davon, der Nachwuchs holt auf.

Bamberg - In der kommenden Woche feiert Timo Boll seinen 32. Geburtstag, und es scheint, als werde Deutschlands Tischtennis-Galionsfigur im Rennen gegen die Zeit allmählich vom Nachwuchs eingeholt.

Bei den deutschen Meisterschaft musste sich der Rekord-Europameister völlig überraschend dem krassen Außenseiter Steffen Mengel geschlagen geben. (NEWS: Final-Sensation)

"Ich würde schon gerne noch mal was gewinnen, aber es wird nicht einfacher", sagte Boll, der die Niederlage am Montag aber auch relativierte: "Ich muss im Mai in Bestform sein und nicht Anfang März."

Olympia noch weit weg

Trotzdem: Die Zeit wird langsam, aber sicher knapp. Kontinental dürfte Boll - gelegentliche Überraschungen nicht ausgeschlossen - kurzfristig weiter dominieren, der ganz große Coup wird dagegen immer unwahrscheinlicher.

Bis zu den nächsten Olympischen Spielen in Rio sind es noch über drei Jahre, Boll wird dann 35 sein. Gerade im Tischtennis, wo Reaktion und Ausdauer oft mehr zählen als Erfahrung, spricht das nicht für den Rekord-Europameister.

Weg eigentlich bereitet

Dass die Zeit allmählich Bolls Gegner wird, deutete sich im Finale der Bamberger DM an.

Dabei war der Weg zum zehnten nationalen Einzeltitel eigentlich bereitet: Hauptkonkurrent Dimitrij Ovtcharov trat wegen einer Leistenzerrung gar nicht erst an, Titelverteidiger Bastian Steger musste früh im Turnier verletzungsbedingt das Handtuch werfen.

Dass es am Ende beim 3:4 im Finale gegen den krassen Außenseiter Steffen Mengel nicht reichte, ließ Boll etwas ratlos zurück. "Ich habe gleich gemerkt, dass hier ein etwas anderer Wind weht", sagte der Weltranglistenfünfte.

Sieger kann es nicht glauben

Mengel blieb fast ebenso verblüfft zurück: "Ich kann es noch gar nicht glauben, deutscher Meister zu sein und dann auch noch gegen Timo das Finale gewonnen zu haben." Vor drei Jahren waren die beiden zuletzt bei der DM gegeneinander angetreten, das Ergebnis war deutlich.

"Da habe ich ganz böse verloren", erzählte Mengel, dem seinerzeit im Halbfinale gerade mal elf Punkte gelangen. Entsprechend gering waren die Erwartungen vor dem diesjährigen Endspiel: "Ich habe mir zum Ziel gesetzt, wenigstens einen Satz zu gewinnen."

Dass der Sechste der nationalen Rangliste den großen Favoriten dann sogar über sieben Sätze in die Niederlage trieb, lag vor allem an seinen variantenreichen Aufschlägen. "Die habe ich bis zum Schluss ganz schlecht gelesen", gab Boll zu.

WM-Lehrgang in den Knochen

Auch der Vorbereitungslehrgang auf die WM in Paris (13. bis 20. Mai) steckte Boll und den Mitfavoriten Patrick Baum, Christian Süß und Ricardo Walther merklich in den Knochen.

"Der Lehrgang in Frankfurt war ziemlich anstrengend, und ich bin danach schon ziemlich platt. Wenn ich mich nicht so gut bewege, kann ich eben nicht so gut spielen", sagte der zweimalige Vize-Europameister Baum.

Auch Boll trat mitten in einer Trainingsphase an, deren Schwerpunkt vor allem im konditionellen Bereich liegt.

Für Boll steht nun als nächster Höhepunkt die WM auf dem Programm. Dort gilt es wieder einmal, bester Nicht-Chinese zu werden und vielleicht doch noch einmal in die Phalanx der übermächtigen Spieler aus dem Reich der Mitte einzubrechen. Nicht umsonst liegt Bolls Fokus auf dem Saisonhöhepunkt. Auch er weiß: Viele Chancen gibt es nicht mehr. Die Zeit rennt.