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Timo Boll kämpfte zuletzt auch mit einer Schulterverletzung und schwachen Leistungen © getty

Eine Erkrankung zwingt den Rekord-Europameister zum EM-Verzicht. Dessen Krankenakte wächst, Ovtcharov reagiert unbeirrt.

Düsseldorf - Timo Bolls Körper schlägt wieder einmal Alarm: Wegen einer fiebrigen Grippe hat der Düsseldorfer Tischtennis-Rekordeuropameister seine Teilnahme an der bevorstehenden EM in Schwechat (4. bis 13. Oktober) absagen müssen.

"Ich bin echt platt, und Europa ist zu stark, als dass ich mit halber Kraft konkurrenzfähig wäre", begründete der Weltranglistenfünfte seinen Verzicht.

Für Boll und auch den Deutschen Tischtennis-Bund (DTTB) ist das EM-Aus für den besten Nicht-Chinesen der Welt ein schwerer Schlag. Mit dem 16-maligen EM-Titelgewinner als Leitwolf wäre der Kader des Olympia-Dritten und WM-Zweiten vor den Toren Wiens geradezu darauf programmiert gewesen, zum vierten Mal in allen drei Herren-Wettbewerben (Einzel, Doppel und Mannschaft) zu triumphieren.

Roßkopf appelliert an die anderen

Boll selbst hätte seine Rekordsiegesserien auf vier Titelgewinne im Einzel und sogar sechs Erfolge im Mannschafts-Turnier ausbauen können.

"Sorgenfalten sind bei einer Verletzung immer da. Timo ist außer wegen seiner Leistungsstärke auch deshalb ein wichtiger Spieler, weil er der Mannschaft durch seine Präsenz und Ruhe hilft, und es macht einen großen Unterschied, wenn die Nummer eins und der Ruhepol fehlt", kommentierte Bundestrainer Jörg Roßkopf die Hiobsbotschaft neun Tage vor dem ersten EM-Match seines Teams gegen Gastgeber Österreich.

Und er fügte an: "Die anderen müssen nun beweisen, dass sie sein Fehlen kompensieren und auch ohne Timo gewinnen können. Bei einer WM wäre es richtig schwer, aber bei einer EM bin ich zuversichtlich, dass es funktionieren kann."

Ovtcharov: "Ich war der Konstanteste"

In Bolls Rollen sowohl als Anführer des DTTB-Teams als auch als Topfavorit auf den Titel schlüpft in Schwechat zwangsläufig sein ursprünglich auch größter Titelkonkurrent:

Der Olympia-Dritte und Weltranglistensechste Dimitrij Ovtcharov (Hameln/Orenburg-Russland) hatte schon vor dem EM-Aus des früheren Weltranglistenersten, der bei seinen elf EM-Starts seit 1998 schon sechsmal im Einzel sowie jeweils fünfmal im Doppel und mit der Mannschaft Titel abräumte, Ambitionen auf eine Wachablösung angemeldet.

"Ich hätte mir gewünscht, dass er uns in der Mannschaft unterstützt und der Einzelttitel, egal für welchen Spieler, über Timo geführt hätte. Ich spüre jetzt aber nicht mehr Druck. Ich war in diesem Jahr der konstanteste Spieler in Europa, und der Titel war auch schon vorher mein großer Wunsch", sagte der EM-Dritte von 2007 kurz nach Bekanntgabe von Bolls Absage beim EM-Medientag des DTTB-Teams in Deutschen Tischtennis-Zentrum in Düsseldorf.

Bolls Krankenakte wächst

Die fiebrige Grippe ist das neueste Blatt in Bolls inzwischen recht langer Krankenakte. Noch immer ist bei dem Linkshänder, der im Sommer vor dem Bundesliga-Saisonstart mit Rekordmeister Borussia Düsseldorf als Gastspieler in Chinas Super League und durch eine Preisgeld-Turnierserie in Deutschland besondere Belastungen ausgesetzt war, auch eine Schulterverletzung noch nicht völlig ausgeheilt.

In der Karriere des zweimaligen Weltcup-Siegers bedeutet die Absage der EM-Teilnahme das dritte Aus für ein bedeutendes Turnier.

2008 zwangen Kniebeschwerden den häufig auch von Rückenproblemen geplagten Linkshänder zur Nichtteilnahme für die Mannschafts-WM in China, und ein Jahr später musste Boll aufgrund einer Verletzung der Lendenwirbelsäule für die Einzel-WM in Japan passen.

Pleite gegen No-Name Gerell

Schon ohne Grippe und ungeachtet seiner abklingenden Schulterprobleme schien Boll allerdings zuletzt noch weit von einer titelreifen EM-Form entfernt.

Bei Düsseldorfs 0:3-Champions-League-Pleite am vergangenen Wochenende bei Chartres ASTT (Frankreich) musste der EM-Rekordchampion gegen Schweden Pär Gerell mit 1:3 eine seiner wenigen Pleiten gegen kontinentalen Rivalen quittieren - Gerell ist in der Weltrangliste 71 Positionen hinter dem WM-Dritten von 2011 notiert.

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