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Anne Haug war bei den Sommerspielen in London als Elfte beste Deutsche © getty

Eine Panikattacke brachte Anne Haug um WM-Gold. Bei SPORT1 spricht sie über ihr Drama, das Gesetz des Stärkeren und ihre Lehren.

Von Martina Farmbauer

Die Panik kam urplötzlich, und sie weicht nur langsam: Anne Haug, die am Sonntag in London die große Chance auf den WM-Titel vergeben (Bericht), hat ihr Drama an Boje 1 inzwischen einigermaßen verdaut.

Nach dem Saisonfinale sprach sie noch von Freude, klang dabei aber so enttäuscht, als würde sie jeden Moment anfangen zu weinen.

Die 30-Jährige, die als Letzte von der Boje aus weiterschwamm, sich auf Platz 35 vorkämpfte und noch Bronze rettete, ordnet das Geschehen im SPORT1-Interview ein und zieht ihre Lehren für die Zukunft. Sie spricht über Prügelszenen, den Kampf gegen sich selbst und ihr großes Ziel Rio 2016.

SPORT1: Frau Haug, was bedeutet Ihnen die Bronzemedaille nach den heftigen Umständen, unter denen sie zu Stande gekommen ist?

Anne Haug: Nach drei Minuten war das Rennen für mich gelaufen, weil ich an der ersten Boje eingeklemmt wurde und derart Panik bekommen habe, dass ich erst einmal kurz Brust geschwommen bin - und dann waren alle weg. Dann ging es darum, einfach mal zu schauen, was noch geht. Man weiß ja nie. Die Bronzemedaille war sehr hart erkämpft. Deshalb freue ich mich riesig darüber.

SPORT1: Kann es auch sein, dass Ihnen die Aussicht, Weltmeisterin zu werden, die Luft genommen hat?

Haug: Da kommen viele Sachen zusammen, die das Fass zum Überlaufen bringen. Klar habe ich den Druck, den ich mir selbst mache. Doch es war eben so, dass zwei, drei über mich geschwommen sind - und dann hat es ausgesetzt.

SPORT1: Wie genau kam es dazu?

Haug: Ich bin losgeschwommen zur Boje, und 60 andere wollten zur gleichen Zeit auch um die Boje. Ich war an der Innenseite, und dann wurde es eng. Wenn man es vorsichtig angeht, dann packt einen jemand an der Schulter, zieht einen hinunter, der nächste reißt dich an den Füßen, und dann kämpfst du nur darum, wieder Luft zu kriegen. Man schwimmt da volle Lotte hin, braucht jeden Atemzug. Ich war zu zögerlich in dem Moment. Ich muss zuerst den Vordermann packen, bevor mich der Hintermann packt.

SPORT1: Das klingt, als könne das jederzeit wieder passieren...

Haug: Emma Moffert, der zweimaligen Weltmeisterin, ist das in Hamburg passiert. Ich glaube, keiner findet es toll, mit 60 Leuten um die Boje herumzuschwimmen und sich verprügeln zu lassen. Zwei Jahre lang bin ich gut durchgekommen, diesmal war ich einfach zu langsam und habe mehr abgekriegt. Aber das ist etwas, das zum Sport dazu gehört.

SPORT1: Was ging Ihnen in diesem Moment durch den Kopf?

Haug: Ich habe gedacht, ich muss gleich ertrinken. Aber das ist natürlich Schmarrn. Es ist noch nie jemand ertrunken, aber in dem Moment denkt man, man braucht fünf Züge Luft, um auch das Adrenalin loszuwerden.

SPORT1: Obwohl Sie als Letzte aus dem Wasser gekommen sind, haben Sie sich noch auf Rang 35 vorgekämpft. Was hat Sie angetrieben?

Haug: Der Antrieb ist immer, sein Bestes zu geben. Und ich habe es oft genug in meiner Karriere erlebt, dass es sich immer lohnt, zu kämpfen, auch wenn es hoffnungslos aussieht. Ich würde mich nie aufgeben.

SPORT1: Was nehmen Sie aus diesem Rennen und der gesamten Saison mit?

Haug: Die ganze Saison war ein Traum. Ich habe in jedem Rennen außer in San Diego das Podium erreicht. Ich habe gezeigt, dass ich konstant in der Weltspitze dabei sein kann, habe mein Heimrennen in Hamburg und die Team-WM gewonnen. Jetzt habe ich einen schlechten Tag erwischt, aber aus dem lerne ich vielleicht mehr als aus einem guten: Manchmal kämpft man nicht um Medaillen, manchmal kämpft man nur gegen sich selbst.

SPORT1: Ist so ein krasses Ende einer Saison zugleich Motivation für die kommende?

Haug: Klar, weil ich nicht denke, dass dieses WM-Finale das widerspiegelt, was ich wirklich kann. Ich weiß, dass ich mich verbessere, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Ich habe jetzt in Saarbrücken ein neues Trainingsumfeld, und ich weiß, dass sich da etwas tut. Ich bin topmotiviert und ziehe nur Positives aus der Saison. Wenn ich mich in den vergangenen Jahren von schlechten Wettkämpfen hätte runterziehen lassen, dann hätte ich es auch nicht zu den Olympischen Spielen geschafft.

SPORT1: Sie haben uns bereits verraten, dass sie 2016 in Rio eine Medaille holen möchten. Wie präsent ist der Gedanke daran?

Haug: Sportler denken immer in Vier-Jahres-Schritten. Und jedes Jahr wird so ausgelegt, dass ich in Rio topfit sein werde. Daher ist das immer im Kopf, darauf richte ich alles aus. Dafür quäle ich mich täglich, dafür will ich meine Leistung verbessern.

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