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Fabian Hambüchen (l.), Philipp Boy, Marcel Nguyen, Matthias Fahrig, Eugen Spiridonov © imago

Beim ersten Mannschafts-Gold seit 1936 überzeugen Hambüchen und Co. als Team. Dem Vorzeigeturner wird es "warm ums Herz".

Birmingham - Von wegen Boygroup - als Europas gelenkigstes Männer-Quintett auf dem Siegertreppchen die deutsche Nationalhymne anstimmte, war der Gesang von Hambüchen und Co. mehr schaurig als schön.

Und dennoch: Die schrägen Töne seiner Schützlinge waren Musik in den Ohren von Bundestrainer Andreas Hirsch, dem es als erstem Coach seit 74 Jahren gelungen war, eine deutsche Kunstturn-Riege zu einer internationalen Goldmedaille zu führen.

"Die Jungs haben hart trainiert, die Jungs haben sich angestrengt, die Jungs haben es sich verdient", lobte der Berliner, ohne seine Truppe dabei aus dem Augenwinkel zu verlieren.

18 Übungen kein Sturz

Fabian Hambüchen, Philipp Boy, Matthias Fahrig, Marcel Nguyen und Eugen Spiridonov tollten da längst wie kleine Kinder durch die National Indoor Arena von Birmingham und nahmen mit ihren schwieligen Fingern die Medaillen geradezu zärtlich in die Hände - immer und immer wieder.

18 Übungen und nicht ein einziger Sturz, Vorturner Hambüchen mochte es kaum glauben.

"Das war absolute Weltklasse, das gab es bei uns noch nie. Eigentlich weiß ich ja, wie es sich oben auf dem Podest anfühlt, aber als ich da zusammen mit der ganzen Truppe stand, wurde mir richtig warm ums Herz", bekannte der 22-Jährige.

Boy vor Hambüchen

Der erste deutsche Mannschafts-Triumph seit den Olympischen Spielen 1936 in Berlin dokumentierte auch, dass der ehemalige Reck-Weltmeister nicht mehr die alleinige Verantwortung für den sportlichen Erfolg des Teams hat.

In der inoffiziellen Einzelwertung wurde der Hesse diesmal schon knapp von Boy übertrumpft und auch in den Gerätefinals war Hambüchen in der englischen Millionenmetropole nicht mehr der Alleinunterhalter des Deutschen Turner-Bundes.

Für den sprunggewaltigen Fahrig ein wichtiger Bestandteil des Erfolgs: "Dieses Team passt einfach. Wir sind nicht einfach zusammengewürfelt und haben deshalb den perfekten Zusammenhalt."

Kein Abwurf am ungeliebten Puschenpferd

Schon nach dem zweiten von sechs Geräten hatten sich der extrovertierte Hambüchen, der schweigsame Spiridonov, der phlegmatische Nguyen, der exzentrische Fahrig und der feinfühlige Boy an die Spitze gesetzt und diese Position bis zum Ende nicht mehr abgegeben.

Als auch das ungeliebte Pauschenpferd keinen deutschen Athleten abwarf, war der Sieg mit 266,250 Punkten vor EM-Gastgeber Großbritannien (263,025) und Frankreich (260,100) perfekt.

"Jeder hat den gleichen Anteil"

"Dass ich das noch erleben darf. Das ist unfassbar, das war einfach eine großartige Leistung", sagte Sportdirektor Wolfgang Willam, seit mehr als einem Vierteljahrhundert in DTB-Diensten.

Und wie sein Chefcoach lobte DTB-Präsident Reinhard Brechtken den neuen Korpsgeist der deutschen Geräteartisten: "Es war eine Teamleistung, an der jeder Athlet den gleichen Anteil hatte."

Glänzende Perspektive für London

Dass zumindest Boy, Fahrig und Nguyen Leitwolf Hambüchen mittlerweile beinahe auf Augenhöhe begegnen können, eröffnet der Mannschaft auf dem Weg zu Olympia 2012 in London glänzende Perspektiven.

"Nur wenn wir in Europa die Nummer eins sind, können wir die absolute Weltspitze angreifen", formulierte Willam die mittelfristige Planung.

Russland mit Anreiseproblematik

Die einstige Turn-Großmacht Russland, die an der EM wegen der Anreiseproblematik nicht teilnehmen und damit auch nicht ihren Titel verteidigen konnte, wurde in der aktuellen Euphorie schon gar nicht mehr als Gegner wahrgenommen.

"Diesmal hätten es auch die Russen gegen uns schwer gehabt", meinte Brechtken und Hirsch formulierte bildhaft: "Wer nicht am Tisch sitzt, kann auch nicht vom Teller essen."

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