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Von links nach rechts: Hambüchen, Fahrig, Krimmer, Taranu, Boy, Spiridonov © imago

Mit der Platz drei im Weltmeisterschafts-Teamfinale festigen die deutschen Turner ihre derzeit führende Position in Europa.

Rotterdam - Es sah aus wie der Tanz ums goldene Kalb, aber es war die Freude über eine nie erwartete Bronzemedaille.

Ausgelassen und fröhlich hüpften die deutschen Turner im Kreis herum und tollten anschließend wie kleine Kinder durch den Ahoy-Sportpalast.

Kaum einer von ihnen hatte es für möglich gehalten, dass Deutschland in Rotterdam mit 271,252 Punkten alle Konkurrenten bis auf China (274,997) und Japan (273,769) alle Konkurrenten hinter sich lassen würde.

Und damit den dritten Platz von der WM 2007 in Stuttgart auch ohne Heimvorteil erfolgreich verteidigte. Die deutschen Turner sind damit weiter, wie Philipp Boy es einst bei Olympia in Peking festhielt, "Europas Weltbeste".

Fahrig ganz mannschaftsdienlich

Als sich das ausgelassene Knäuel der deutschen Gerätartisten wieder entwirrt hatte, fand Sprungspezialist Matthias Fahrig als erster die Sprache wieder.

"Wir haben wahnsinnig auf den Putz gehauen. Wir sind als Europameister hergekommen und haben als Team unsere Erwartungen noch übertroffen. Es ist eine Ehre für uns, mit Chinesen und Japanern auf dem Siegertreppchen zu stehen", sagte der Hallenser.

Vorbildlich hatte der Halb-Kubaner seine persönlichen Enttäuschungen aus dem Qualifikations-Wettkampf verarbeitet und sich im Teamfinale ganz in den Dienst der Mannschaft gestellt.

Einzige Chance genutzt

Wie schon bei den europäischen Titelkämpfen im April in Birmingham beeindruckte die deutsche Riege vor 5000 Zuschauern durch Stabilität. Keine der insgesamt 18 Übungen wurde verturnt, dank dieser Konstanz durfte man sogar noch nach dem vierten von sechs Geräten ein ganz kleines bisschen vom Titel träumen.

Am Ende fehlte es dann doch am Boden und am Seitpferd an der einen oder anderen Höchstschwierigkeit.

Aber man vermied grobe Patzer und hielt damit die USA, Frankreich und Russland auf Distanz.

"Fehlerfrei zu turnen war unsere einzige Medaillenchance, und darauf haben wir auch trainiert", berichtete Fabian Hambüchen. Wegen seiner entzündeten Achillessehne verzichtete der Mehrkampf-Europameister auf Boden und Sprung.

"Ich fühle unglaublich stark"

Dies kostete weitere Punkte, ebenso wie der verletzungsbedingte Ausfall des deutschen Mehrkampf-Meisters Marcel Nguyen aus Unterhaching (Beinbruch).

Dafür holte Philipp Boy mehr Zähler, als Bundestrainer Andreas Hirsch bei seinen internen Berechnungen einkalkuliert hatte.

Der Sportsoldat aus Cottbus toppte sogar noch seine exzellente Mehrkampfleistung aus der Qualifikation und befindet sich in der niederländischen Hafenmetropole in der Form seines Lebens: "Irgendwie geht hier alles, ich fühle mich unglaublich stark."

"Lieber nach hinten schauen"

Voller Euphorie verkündete Rainer Brechtken, Präsident des Deutschen Turner-Bundes (DTB), in Zukunft erwarte er vom deutschen Sextett noch mehr.

"Von China und Japan sind wir nur noch einen Fehler entfernt. Und wir haben ja noch Marcel Nguyen in der Hinterhand", sagte der Ex-Politiker, erntete aber sofortigen Widerspruch von seinem leitenden Angestellten Hirsch: "Für mich sind die Asiaten immer noch in einer eigenen Liga. Wir sollten lieber in erster Linie nach hinten schauen."

Boy im Duell mit Hambüchen

Mit diesem vorsichtigen Rückblick allerdings wollte der Chefcoach die Leistungen seiner Schützlinge überhaupt nicht schmälern: "Das war herausragend und für uns noch längst nicht Routine. Wer was haben will, muss was geben, und das hat jeder Einzelne getan. Meine Sportler haben das Turnpodium als ihre Bühne akzeptiert und sich dort unter Druck glänzend präsentiert."

Was seine Fortsetzung am Sonntag finden soll, wenn Hambüchen als deutscher Solist in den Endkampf am Barren geht und es im Reck-Finale zum direkten Duell mit Boy kommt.

Dann sucht jeder auf eigene Faust seine Chance.

"Jeder wird seinen Tunnelblick haben, aber das ist dann auch in Ordnung", kündigte Hambüchen an.

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