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Philipp Boy gewann bei der EM in Birmingham 2010 Bronze im Reckturnen © getty

Der Vize-Weltmeister holt bei der Heim-EM in Berlin Gold im Mehrkampf. Bei den Frauen sorgt Seitz für einen historischen Triumph.

Berlin - Philipp Boy blickte lange Zeit skeptisch durch die Halle und wehrte alle verfrühten Gratulationen ab.

Nachdem der 23-Jährige seine letzte Übung am Boden geturnt hatte, dauerte es noch eine halbe Ewigkeit, bis bei der Turn-EM in Berlin sein Triumph im Mehrkampf feststand.

Die Zuschauer riefen schon: "Du hast es geschafft", doch Boy blieb cool. Erst als der Ukrainer Mykola Kuksenkow geturnt hatte, riss der Cottbuser die Siegerfaust in die Höhe und ließ sich feiern.

"Wahnsinn, der absolute Wahnsinn," schrie der neue EM-Champion immer wieder. "Ich musste so lange warten, bis der Ukrainer durch war. Erst dann war alles klar. Jetzt bin ich total happy."

Am Ziel seiner Träume in der "Lieblingsstadt"

Der neue Turn-Held war am Ziel seiner Träume angelangt. "Dieser Sieg hier in Berlin war so wichtig. Das habe ich schon letztes Jahr bei der WM in Rotterdam gesagt, als ich Zweiter wurde. Hier wollte ich unbedingt glänzen", sagte der Brandenburger, der Berlin als seine "Lieblingsstadt" bezeichnet.

Hoch emotional wurde es bei der anschließenden Blumenzeremonie. Die 5000 Zuschauer in der Max-Schmeling-Halle hielt es nicht mehr auf den Sitzen, sie kreischten, klatschten und pfiffen, was das Zeug hielt.

Boy bemühte sich um Fassung, doch dann wurden seine Augen immer glasiger und Tränen sichtbar. "Unglaublich. Ich bin mal gespannt, was auf der Medals Plaza am Potsdamer Platz gleich abgeht", meinte Boy.

"Schön, dass der Titel in Deutschland geblieben ist"

Der entthronte Europameister Fabian Hambüchen gratulierte seinem Rivalen und Nachfolger.

"Es ist schön, dass der Titel in Deutschland geblieben ist. Es war ein erfolgreicher Tag für das deutsche Turnen. Es ist doch gut. Jetzt kommt es nicht immer nur auf mich an", sagte Hambüchen, der in Berlin wegen einer Achillessehnenverletzung fehlt.

Schmunzelnd fügte er an: "Nichtsdestotrotz hätte ich heute gerne mitgeturnt."

Dramatischer Wettkampf mit Happy End

Alle Erleichterung, alle Tränen waren völlig verständlich. Boy erlebte einen hochdramatischen Mehrkampf, in dem er lange Zeit weit abgeschlagen hinter den Medaillenrängen lag - und am Ende mit hauchdünnem Vorsprung siegte.

"Das war eine Achterbahn der Gefühle", sagte der Sonnyboy. "Es war der Horror für mich, am Seitpferd anzufangen. Nach dem Barren war ich gefrustet. Doch ich sagte mir, ich habe noch mein Lieblingsgerät, das Reck und den Boden. Da ist noch einiges rauszuholen."

In der Tat drehte der neue Champion an den letzten beiden Geräten noch den Wettkampf und zeigte am Reck seine ganz Klasse.

"Jetzt müssen die Beine alles hergeben"

"Wäre ich da abgestiegen, hätte ich mich begraben", meinte Boy.

Vielmehr jedoch verspürte der Nachfolger von Fabian Hambüchen nach dem Reck neues Selbstvertrauen für die Übung am Boden. "Vor der letzten Bahn am Boden sagte ich mir nur noch, jetzt müssen die Beine alles hergeben. Dann hat es vielleicht doch noch gereicht."

Auch im Verband herrschte riesige Freude. "Ich bin überglücklich. Trotz des guten Vorkampfes konnte man nicht sicher sein, dass wir einen solchen Erfolg erleben", sagte Sportdirektor Wolfgang Willam vom Deutschen Turner-Bund.

Nguyen rundet starken Auftritt ab

Abgerundet wurde das gute Abschneiden der Gastgeber durch Marcel Nguyen, der Platz sechs belegte.

Zweiter wurde Flavius Koczi aus Rumänien (88,825), der sich Boy (88,875) knapp geschlagen geben musste.

Platz drei teilten sich Mykola Kuksenkow (Ukraine) und der Brite Daniel Purvis mit je 88, 350 Punkten.

"Ich habe alles versucht, leider kam am Ende nicht mehr heraus. Dennoch kann ich zufrieden sein", sagte Nguyen.

Medaille am Reck verloren

Für den 23 Jahre alten Sohn eines Vietnamesen und einer Deutschen fing der Wettkampf gut an. Er turnte an den Ringen die schwierigsten Kraftelemente mit großer Leichtigkeit.

Bitter wurde es allerdings am Reck: Nach exzellent vorgetragenen Elementen folgte der ungewollte Abgang beim Kovacz-Salto. Die Folge: Nur 13.650 Punkte. Damit war die Medaille verloren.

Seitz beschert Frauen historischen Erfolg

Bei den Frauen hat Elisabeth Seitz auch den deutschen Frauen einen glanzvollen Tag bei der Turn-EM in Berlin beschert.

Die viermalige deutsche Meisterin holte im Mehrkampf überraschend Silber und sorgte für den größten EM-Erfolg der Frauen im Mehrkampf seit der Wiedervereinigung.

Seitz kam nach vier Geräten auf 56,700 Punkte und musste nur der Russin Anna Dementjewa (57,475) den Vortritt lassen. Dritte wurde die Rumänin Elena Racea (56,600).

Schrecksekunde im Training

Seitz hatte am Morgen zunächst eine Schrecksekunde überstehen müssen.

Die 17 Jahre alte Mannheimerin kugelte sich im Frühtraining den kleinen Finger an ihrer linken Hand aus. Bundestrainerin Ulla Koch gab sofort Entwarnung und erklärte, der Start von Seitz im Mehrkampf-Finale sei nicht gefährdet.

Dennoch ging die viermalige deutsche Meisterin, die sich als einizige deutsche Turnerin für das Finale qualifiziert hatte, mit einem Handicap in den Wettkampf.

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