vergrößernverkleinern
Marcel Nguyen gewann bei der Europameisterschaft 2010 Bronze am Boden © getty

Europameister Marcel Nguyen spricht bei SPORT1 über seinen EM-Triumph, Motivationsprobleme und Hambüchens Autobiographie.

Von Philipp Langer

München - Europameister am Barren, Bronze am Reck und Sechster im Mehrkampf. Das sind überragende Ergebnisse, besonders bei einer Heim-EM.

Marcel Van Minh Phuc Long Nguyen findet das einfach nur "geil"! Wer? Marcel Nguyen, der aufgehende Stern am Turner-Himmel, der in Berlin aus dem Schatten des verletzten Altersgenossen Fabian Hambüchen getreten ist - ähnlich wie zuvor Mehrkampf-Sieger Philipp Boy.

Der 23 Jahre alte Nguyen präsentierte sich nur wenige Monate nach seinem Wadenbeinbruch in Berlin in Top-Form und ließ dennoch Luft nach oben.

Im Interview der Woche erzählt der Unterhachinger vom Gefühl Europameister zu sein, seiner schweren Verletzung und warum man nicht jeden Tag voll motiviert sein kann. Außerdem spricht er über Fabian Hambüchens Autobiographie, die Vorurteile gegen das Turnen und den Dreifach-Tsukahara.

SPORT1: Herr Nguyen, wie fühlt man sich mit ein paar Tagen Abstand als Barren-Europameister?

Marcel Nguyen: Ein geiles Gefühl! Jetzt realisiert man erst, dass es wirklich wahr ist.

SPORT1: Ihr Bundestrainer nannte Sie im vergangenen Jahr "das größte deutsche Turntalent". Haben Sie das als sanften Druck verstanden, die Anlagen auch auszuschöpfen?

Nguyen: Druck überhaupt nicht. Ich verstehe das als Kompliment. Jetzt muss ich auch sehen, dass ich dem gerecht werde und dafür werde ich mich weiter anstrengen.

SPORT1: Früher war bei Ihnen von Problemen in Sachen Disziplin, Motivation und Nerven die Rede - heute nicht mehr. Was hat sich geändert?

Nguyen: Man hat eben nicht jeden Tag so viel Lust auf Training. Man gibt nicht jeden Tag 100 Prozent. Das geht glaube ich jedem so. Aber ich muss es machen, es ist mein Job und wenn ich solche Erfolge habe, dann weiß ich auch für was ich das mache. Und ich mache das auch gerne.

SPORT1: Fabian Hambüchen ist aus demselben Jahrgang wie Sie, hat die großen Erfolge aber früher gefeiert. War das eine Motivationshilfe, ihm nachzueifern?

Nguyen: Wir haben ihm viel zu verdanken. Er hat das Turnen in die Medien gebracht. Klar war es eine Motivation. Ich wusste: er ist so alt wie ich und ich muss mich ranhalten. Bei dem einen klappt es früher, bei dem anderen halt später.

SPORT1: Verbessert sich eigentlich die Stimmung im Team, wenn mehrere Leute erfolgreich sind?

Nguyen: Ich sehe das nur positiv. Ich verstehe mich mit allen aus dem Team gut und durch unsere Erfolge pushen wir uns gegenseitig. Dadurch werden wir alle insgesamt besser.

SPORT1: Was haben Sie sich für die WM in diesem Jahr vorgenommen?

Nguyen: Ich nehme mir keine Platzierungen vor. Ich will am besten noch fitter anreisen und einfach versuchen meine Übungen sauberer und stabiler hinzukriegen. Boden, Barren, Reck - da ist alles drin.

SPORT1: Im Herbst 2010 haben Sie sich bei Ihrer spektakulären Exklusiv-Aktion, dem Dreifach-Tsukahara, das Wadenbein gebrochen. Wie haben Sie sich von diesem Punkt aus zurückgekämpft?

Nguyen: Für mich war es eine sehr schwere Zeit. Ich war zu diesem Zeitpunkt richtig fit und wollte bei der WM in Rotterdam angreifen. Stattdessen musste ich von zu Hause aus mit angucken, wie die anderen die Medaillen holen. Ich habe mir dann aber gesagt, dass ich mich jetzt richtig fit machen muss, um bei der EM wieder anzugreifen. Das hat ja auch gut geklappt.

SPORT1: Ihr Beinbruch hat verdeutlich, dass Ihr spektakulärer Stil auch Gefahren birgt. Fürchten Sie eigentlich Folgeschäden der Belastung?

Nguyen: Gar nicht eigentlich. Ich kenne niemanden der durch das Turnen Probleme hat. Mein Trainer war selbst Olympiasieger und ist noch fit wie ein Turnschuh. Und mein anderer Trainer ist 75 Jahre. Der kommt noch in die Halle und macht ohne Probleme Krafttraining.

SPORT1: Sie wiegen nur 57 Kilogramm, Ihr Trainer Valeri Belenki hat aber einmal gesagt: "Man kann auch aus einem kleinen Fisch ein gutes Mittagessen machen." Welche Vor- und Nachteile bringt Ihnen Ihre körperliche Leichtigkeit?

Nguyen: Ich sehe eigentlich was das Turnen betrifft keine Nachteile. Ich bin sehr schnellkräftig, wie auch die Asiaten. Und bekanntlich kommen ja die besten Turner aus Asien. Dadurch, dass mein Vater Asiate ist, habe ich da anscheinend auch Vorteile.

SPORT1: In der breiten Öffentlichkeit ist das Turnen nur Thema, wenn es bei großen Turnieren deutsche Erfolge gibt. Hätte der Sport mehr Aufmerksamkeit verdient?

Nguyen: Mit Sicherheit, klar. Allein für das Training, was wir machen. Wenn das Turnen mehr in die Öffentlichkeit rücken würde, könnten sich die Leute selber davon überzeugen, was für eine coole Sportart das ist.

SPORT1: So sieht es nicht jeder: Fabian Hambüchen hat in seinem Buch geschrieben, er hätte als Jugendlicher viel Spott für die "Schwuchtelsportart" bekommen. Haben Sie ähnliches erlebt?

Nguyen: Eigentlich nicht. Ich war auf einer Sportschule. Dort wussten alle was ich mache und haben das respektiert.

SPORT1: Haben Sie Hambüchens Autobiographie eigentlich gelesen?

Nguyen: Bisher noch nicht, ich hatte es aber eigentlich vor. Ein paar Sachen habe ich aber schon in den Medien gehört.

SPORT1: Er hat über sehr viel Privates geschrieben - bis hin zu seinem ersten Mal. Würden Sie so etwas auch machen?

Nguyen: Was Fabi angeht: Mich stört nicht, was er geschrieben hat. Er kann doch machen was er will. Das ist sein gutes Recht. Letztlich muss jeder für sich selber entscheiden, aber für mich kommt sowas nicht in Frage.

SPORT1: Ihre Teamkollegen waren weniger zurückhaltend. Philipp Boy hat Hambüchens Buch öffentlich "bescheuert" genannt, Matthias Fahrig "Schnulli". Hat Sie das gewundert, unter Kollegen?

Nguyen: Auch das muss jeder selber wissen. Es hat am Ende nichts mit dem Sport zu tun.

Zum Forum - jetzt mitdiskutieren! Zurück zur Startseite

teilentwitternE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel