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Das Gold am Boden von Turin ist Fabian Hambüchens fünfter EM-Titel © imago

Fabian Hambüchen gewinnt den zweiten Titel. Fahrig und Brinker holen Medaillen. Die beste deutsche EM-Bilanz ist perfekt.

Mailand - Doppeltes Gold, aber einfache Freude - nur bei der Nationalhymne zitterten die Mundwinkel ganz leicht, dann hatte Turn-Perfektionist Fabian Hambüchen den bislang größten Erfolg seiner sportlichen Karriere emotional schon aufgearbeitet.

"Ich habe Fehler gemacht, deshalb fällt es mir irgendwie schwer, 'Wow' zu sagen", bekannte der neue Mehrkampf-Europameister und wirkte dabei deutlich mehr erleichtert als überglücklich.

Immerhin: Seine 13. internationale Medaille wollte der Reck-Weltmeister schon "recht weit oben ansiedeln", obwohl ihn die historischen Dimensionen seines Erfolges im Forum von Mailand eigentlich kalt ließen: "Damit kann ich nicht so viel anfangen."

Das erste Mehrkampf-Gold seit 1936

Nur die Statistiker registrierten, dass es das erste Mehrkampf-Gold eines deutschen Kunstturners seit dem Olympiasieg von Alfred Schwarzmann 1936 in Berlin war.

Das 14. Edelmetall folgte nur 17 Stunden später mit einem Sieg am Boden. Den deutschen Doppel-Triumph an diesem Gerät, der erste bei europäischen Titelkämpfen überhaupt, komplettierte der Hallenser Matthias Fahrig, der die Silbermedaille gewann.

"Ich wusste, dass es ganz eng wird und das ich alles 'rausrotzen muss'", formulierte Hambüchen anschließend drastisch. Die beste EM-Bilanz der deutschen Turngeschichte war damit schon vorzeitig perfekt.

"Ich zittere noch"

Dazu trugen auch etwas überraschend die dritten Plätze von Fahrig am Sprung, Hambüchen am Barren und Anja Brinker am Stufenbarren bei.

Die 18-Jährige vom TV Herkenrath, die ihre Möglichkeiten schon vor zwei Wochen bei ihrem Weltcup-Sieg in Cottbus angedeutet hatte, musste sich nur Elizabeth Tweddle aus Großbritannien und der neuen russischen Mehrkampf-Europameisterin Ksenia Semjonowa geschlagen geben. "Diese Medaille habe ich nicht erwartet, ich zittere noch am ganzen Körper", bekannte Brinker.

Im Boden-Duell mit seinem Kumpel "Matze" hatte der neue Champion Hambüchen für den knapp geschlagenen Rivalen ein großes Lob parat: "Es war ein Riesen-Duell, in dem es hieß: Er oder ich." Fahrig, aus disziplinarischen Gründen zwei Jahre von allen internationalen Championaten ausgeschlossen, konnte mit Silber prima leben: "Besser konnte es für mich kaum laufen."

"Sieg feiern, als wäre es der letzte"

Doch das absolute Highlight, Rang eins im Mehrkampf mit 0,9 Punkten Vorsprung vor Daniel Keatings aus Großbritannien, war im Zusammenspiel mit Trainer und Vater Wolfgang Hambüchen nicht nur ein turnerisches, sondern auch ein taktisches Meisterstück.

Nach seinem Absteiger am Barren (Hambüchen stürzt ab - und steht auf) reduzierte der Reck-Weltmeister an "seinem" Gerät ganz gezielt die Schwierigkeiten (Kolman-Salto), blieb im Gegensatz zur Qualifikation diesmal auch an der Stange und brachte seinen Vorsprung mit einer Sicherheitsübung am wenig geliebten Seitpferd routiniert nach Hause.

Und kam damit seinem ganz großen Ziel, endlich nicht nur als Reck-Spezialist, sondern vor allem als kompletter Mehrkämpfer wahrgenommen zu werden, schlagartig ein großes Stück näher.

"Schon deshalb müsste man diesen Sieg feiern, als wäre es der letzte", forderte Hambüchen senior, doch die Wirklichkeit sah anders aus: Nach italienischen Antipasti, Rinderfilet und Tiramisu zog sich der neue Champion, händchenhaltend mit Freundin Viktoria, schnell zurück.

Boy verfehlt nur knapp

Jemand, der ohne Hambüchen der große Star des deutschen Kunstturnens wäre, geriet trotz eines glänzenden vierten Platzes zum wiederholten Male zur Randfigur:

Der deutsche Vize-Meister Philipp Boy, der nie am Sieg Hambüchens gezweifelt hatte ("Das ist eben Fabi, der macht sein Zeug"), präsentierte sich an fünf Geräten bravourös, ein verpatzter Sprung beraubte den Cottbuser der Chance, Juri Riasanow aus Russland vielleicht noch die Bronzemedaille wegzuschnappen.

Auch im Mehrkampf darf sich Brinker mittlerweile zur erweiterten europäischen Spitze zählen. Sie überzeugte dort als Achte und kassierte von Cheftrainerin Ulla Koch ob ihrer Wettkampfstärke ein großes Lob.

Nach zwei Stürzen vom Stufenbarren reichte es für Kim Bui aus Tübingen nur zum 16. Platz. Im Sprung-Finale belegte die 20-Jährige Rang fünf.

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