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Wladimir Balentien (l.) gab 2007 sein Debüt in der MLB für die Seattle Mariners © getty

Jahrelang beschützen die Japaner den Rekord ihrer Baseball-Legende. Nun bricht ein Spieler aus der Karibik den Bestwert.

München/Tokio - Sadaharuh Oh ist ein König in Japan - was nicht nur an seinem Nachnamen (dt.: König) liegt.

Oh, mittlerweile 73 Jahre alt, hat in seiner Karriere als Baseball-Spieler stolze 868 Homeruns geschlagen, mehr als jeder andere Profi auf der Welt.

In Japan, wo das 1872 aus den USA importierte Baseball den Stellenwert einer Nationalsportart hat, wird Oh wie ein Heiliger verehrt.

Umso erstaunlicher, dass er nun einen lange unantastbaren Rekord verlor. Noch dazu an einen Ausländer, früher abschätzig "gaijin" genannt.

Balentien bricht Rekord

Im Jahre 1964 hatte Oh in der japanischen Profiliga (NPB) den Homerun-Rekord für eine Saison aufgestellt - 55-mal schlug er den Ball aus dem Spielfeld.

Fast 50 Jahre lang hielt die Bestmarke, sie war so eine Art heiliger Gral, den niemand berühren konnte, niemand berühren durfte.

Bis Sonntagabend. Da schlug Wladimir Balentien von der Karibik-Insel Curacao erst Homerun Nummer 56, dann gleich noch Homerun Nummer 57. Die 30.319 Zuschauer im Meiji Jingu Stadium von Tokio flippten völlig aus.

Japaner schützen Bestmarke

Noch vor ein paar Jahren wäre dies undenkbar gewesen. Der Rekord von Oh war den traditionsbewussten Japanern sakrosankt, und er wurde geschützt - auf unfaire Weise.

Im Jahre 2002 war Alex Cabrera, Profi aus Venezuela, ebenfalls auf 55 Homeruns gekommen. Danach wurde ihm kaum noch ein schlagbarer Ball zugeworfen.

Außerhalb der Strike-Zone geworfen

Tuffy Rhodes aus den USA war es ein Jahr zuvor nicht anders ergangen. Als er 2001 seinen 55. Homerun geschlagen hatte, warfen die Pitcher regelmäßig neben die sogenannte "strike zone" - offensichtlich mit Absicht.

Rhodes hätte die Bestmarke von Oh in den letzten Saisonspielen gegen die Daiei Hawks verbessern können, die aber wurden damals von Oh höchstpersönlich gecoacht. Und einer von Ohs Assistenten gestand später: "Es wäre geschmacklos, sollte ein ausländischer Spieler Ohs Rekord brechen."

Strafe für richtiges Werfen

Ähnlich war die Denkweise im Jahre 1985: Randy Bass aus den USA hatte bereits 54 Homeruns erzielt, und noch standen zwei Saisonspiele aus.

Bass war chancenlos. Er spielte gegen die Yomiuri Giants - gecoacht von Oh. Die Werfer warfen absichtlich daneben.

Oh bestritt, mit dem eigenartigen Protektionismus etwas zu tun gehabt zu haben. Doch Keith Comstock, ein Amerikaner, der 1985 bei den Giants beschäftigt war, verriet später: Für jeden Wurf in die Trefferzone (strike zone) über der "home plate" hätten die Werfer der Giants 1000 Dollar Strafe zahlen müssen.

Die Androhung wäre kaum nötig gewesen: Aus Ehrfurcht vor Oh und seinem Status warfen die japanischen Pitcher wohl freiwillig vorbei, damit Bass und die anderen auch ja nicht das Denkmal Oh beschädigten.

Anfeuerung durch gegnerische Fans

Diesmal aber war das erstaunlicherweise kein Thema mehr. Als Balentien, der sich in der MLB nicht hatte durchsetzen können, dem Rekord immer näher rückte, trickste keiner, da forderten ihn die Werfer sogar heraus mit Würfen in die Trefferzone.

Selbst die Anhänger der gegnerischen Mannschaften feuerten ihn an: Pitcher, die absichtlich neben die "strike zone" zu werfen schienen, um damit auf jeden Fall einem Treffer von Balentien zu entgehen, wurden dagegen ausgebuht.

"Ich glaube", sagte Balentien stolz, "die Leute wollten einfach, dass endlich jemand diesen Rekord bricht."

Der König gratuliert

Ein bisschen mitgeholfen hat wohl auch, dass Oh seit 2008 nicht mehr präsent ist im Baseball.

Als Balentien nun den Rekord verbesserte, ließ der König ausrichten: "Es ist überwältigend, dass er in beinahe jedem zweiten Spiel einen Homerun geschlagen hat. Ich freue mich darauf, zu sehen, wie viele es jetzt noch werden."

Fast schon majestätisch nobel.

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