

Flaccos Show: Die Geburt des neuen Joe Cool
Vom Super Bowl berichtet Eric Böhm
New Orleans - Aller guten Dinge sind bekanntlich drei: Wie schon in den Playoff-Runden zuvor hat Joe Flacco dem gegnerischen Quarterback gründlich die Show vermasselt.
Statt des vorher hochgehandelten Colin Kaepernick sicherte sich der Quarterback der Baltimore Ravens beim 34:31-Erfolg ( Bericht) in Super Bowl XLVII über die San Francisco 49ers seinen Platz in den Geschichtsbüchern.
Als überragender MVP und mit einer makellosen Playoff-Bilanz - elf Touchdowns ohne Interceptions - trat er das Erbe des Namensvetter und 49ers-Idols Joe Montana an.
"Ich glaube, es wird noch eine Weile dauern, bis ich es realisiere. Ich werfe generell nicht so viele Interceptions. Mit Joe in einem Atemzug genannt zu werden, ehrt mich", sagte Flacco. (DIASHOW: Die Bilder des Super Bowl)
Rekord: Gleichauf mit Montana
Der geteilte Rekord mit Montana ist aber nur die halbe Wahrheit. Flaccos Abgezocktheit bei den drei Touchdowns und zahllosen anderen Pässen erinnerte stark an "Joe Cool" oder Tom Brady. (ab 16.30 Uhr, die Highlights im TV auf SPORT1)
Von den elf unvollständigen Pässen ließen mindestens fünf die eigenen Receiver fallen. Die gefürchteten Quarterback-Jäger der 49ers brachten es nur auf zwei Sacks und entwickelten selten Druck.
"Er hat sich von Woche zu Woche gesteigert. Joe ist einfach ein Gewinner. Das zeigt er seit fünf Jahren", lobte Offensive Coordinator Jim Caldwell. ( SERVICE: Alles zu SUPER BOWL XLVII)
Rice schwärmt: Flacco ist der Beste
Seine Beförderung war für Flacco und Head Coach John Harbaugh ein absoluter Glücksfall. Peyton Mannings langjähriger Coach gab dem Angriff Balance und dem Spielmacher das Selbstvertrauen.
Vergolden wird Flacco seinen großen Auftritt in New Orleans ebenfalls. Sein Vertrag läuft aus. Einen großen Zahltag stellte Teameigentümer Steve Bisciotti bereits in Aussicht. ( (KOMMENTAR: Gegenwart schlägt Zukunft)
"Joe Flacco ist jetzt der beste Quarterback im Football. Sie wollten unser Laufspiel stoppen, und er hat uns ins gelobte Land geführt", sagte Running Back Ray Rice auf SPORT1-Nachfrage.
John Harbaugh siegt im Bruder-Duell
Neben Flacco glänzten auch Receiver-Routinier Anquan Boldin (104 Yards) und Jacoby Jones, der in seiner Heimatstadt mit dem längsten Kickoff-Return (108 Yards) und den gesamten Yards (290) Bestmarken aufstellte.
"Es fühlt sich an wie eine Million Dollar. Ich kann es nicht fassen. Wir haben daheim gewonnen. Am Montag bringe ich den Titel in meine zweite Heimat", jubelte Jones.
Für John Harbaugh war es ein bittersüßer Erfolg. Nach dem Saisonspiel 2011 gewann er auch das zweite Duell mit seinem Bruder Jim, auch weil sein Team deutlich besser vorbereitet ins Spiel ging.
Kurioser Stromausfall
"Es ist schlimmer, als ich geglaubt habe. Es ist gibt keinen besseren Coach als Jim. Wir haben uns einfach durchgebissen und einen typischen Ravens-Sieg errungen", bestätigte Harbaugh.
Tatsächlich musste seine Mannschaft nach einer dominanten ersten Hälfte und dem zweiten Jones-Touchdown am Ende noch einmal mächtig zittern.
Es ehrt Baltimore, dass sie nach ihrem zweiten Super-Bowl-Triumph nicht den kuriosen Stromausfall - eine "Abnormität im Stromkreislauf" sei der Auslöser gewesen - als Grund für San Franciscos starken Endspurt ausnutzten.
Ray Lewis jubelt
"Das war kein Thema für uns. Beide Teams mussten warten. Wir haben bewiesen, dass wir zu Unrecht der Außenseiter waren. Keiner hat an uns geglaubt, aber wir haben es geschafft", sagte Ray Lewis.
Die durchaus umstrittene Linebacker-Legende war nach seiner Rückkehr für die Playoffs und der Rücktrittsankündigung der personifizierte emotionale Funke, der sich im Super Bowl zum Feuerwerk entwickelte.
Treffend für seine 17-jährige Karriere war es die Defensive, die kurz vor Schluss bei vier Versuchen vor der eigenen Endzone den möglicherweise siegbringenden Touchdown der "Niners" verhinderte.
Fast Mega-Comeback der 49ers
"Das war die Krönung. Ich weiß gar nicht, ob das die Realität ist, aber wie wir am Ende standgehalten haben, war großartig. Der Verdienst gebührt Ray", betonte "Nola"-Produkt Ed Reed, der zuvor mit seiner neunten Interception einen Playoff-Rekord eingestellt hatte.
Das beinahe größte Comeback der Endspiel-Geschichte machte bei den enttäuschten Kaliforniern die riesige Enttäuschung naturgemäß nicht wett.
"Wir müssen uns an die eigene Nase fassen, aber am Ende wurde Michael Crabtree deutlich behindert. Colin hat gut geworfen und hätte noch eine Chance bekommen müssen", kritisierte Jim Harbaugh die Schiedsrichter.
Kaepernick fehlt Erfahrung
Es war zumindest eine knifflige Szene in der Endzone, aber grundsätzlich funktionierte die gefürchtete Offensive nur in einer Spanne von vier Minuten im dritten Viertel.
Kaepernick enttäuschte mit insgesamt 364 Lauf- und Pass-Yards und zwei Touchdowns keineswegs. Die fehlende Erfahrung als drittjüngster Super-Bowl-Starter aller Zeiten, und des gesamten Teams gab den Ausschlag.
Gegen die routinierten Ravens war San Francisco im "Big Easy" einfach noch zu hektisch und zu grün hinter den Ohren.