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James (l.) und Wade gewannen 2008 gemeinsam mit Team USA Olympisches Gold in Peking © getty

Der Guard klagt, dass er in den entscheidenden Momenten übergangen wird. "King James" drängt ihn in die Rolle des Kronprinzen.

Von Rainer Nachtwey

München/Miami - Dwyane Wade hatte den letzten Wurf, aber er verfehlte den Korb, traf nur den Ring.

Auch war der letzte Wurf bei der Niederlage gegen die Chicago Bulls am Sonntag nicht für den Shooting Guard der Miami Heat gedacht.

Wade kam nur zum Wurf, weil LeBron James seinen Korbleger gegen Joakim Noah verfehlte.

Früher wäre es keine Frage gewesen, wer bei den Heat den letzten Wurf nimmt. Bereits in seiner Rookie-Saison nahm er ihn.

"Ich war es gewohnt, im letzten Viertel den Ball zu bekommen, Fehler zu machen, aber auch wieder die Chance zu erhalten, die entscheidenden Punkte zu erzielen", sagt Wade.

Parallelen zu Jordan und Pippen

Früher, das ist vor nicht einmal einem Jahr. Und vor allem: Früher waren die Heat Dwyane Wades Team.

Miami ist aber nicht mehr Wades Stadt, die Heat nicht mehr sein Team.

Die Heat sind LeBron James, Dwyane Wade und Chris Bosh. Und genau in der Reihenfolge.

Geht es in die entscheidende Phase, nimmt "King James" den Wurf, wie in den letzten vier verlorenen Spielen gegen Chicago, New York, San Antonio und Orlando.

Wade ist nur noch der Kronprinz, der Scottie Pippen zu Zeiten Michael Jordans bei den Chicago Bulls.

Wade nur zweite Option

"Das war eines der Dinge, die wir verstehen mussten, als wir uns dazu entschieden haben, hier zusammen zu spielen. Dass wir Opfer bringen und damit leben müssen", sagt Wade.

Nun muss er das Opfer bringen und damit leben, dass er bei den Heat nicht mehr die Nummer 1 ist.

Leicht fällt ihm das offensichtlich nicht, sonst hätte er seine Situation nicht angesprochen, hätte sich nicht beschwert, dass er sich im Moment nur als zweite oder dritte Option in den entscheidenden Situationen fühlt.

James nimmt Schuld auf sich

Während Wade seine Unzufriedenheit publik macht, verwundert James durch Eingeständnisse. (Auch um 12 und 13 Uhr: die SPORT1 News im TV)

Das hatte er zuvor nie gemacht. Schuld waren andere. Der Trainer, der Manager, die Mitspieler.

James entschuldigte sich bei den Mitspielern nach dem Chicago-Spiel, als er sie im "Stich gelassen hatte", weil er viermal den entscheidenden Wurf nicht getroffen hatte.

Von Jordan lernen

James sucht den Wurf selbst. Nicht wie Jordan, der gelernt hatte, auch in wichtigen Momenten seinen Nebenleuten zu vertrauen, ihnen den Ball zu geben.

Wie 1993 in den NBA Finals gegen die Phoenix Suns, als er den entscheidenden Wurf John Paxson überließ, der mit seinem Dreier den Bulls den Titel sicherte.

30-Punkte-Klatsche in San Antonio

"Wir machen uns Sorgen, dass wir hier nicht alles in Ordnung bekommen", sagt James im Hinblick auf die Playoffs. Doch anscheinend ist gerade James das Problem.

Er hat die Mannschaft an sich gerissen. Sein Zutrauen in die Mitspieler scheint nicht besonders groß zu sein.

Dass es in der Mannschaft nicht stimmt, ist offensichtlich. Anders sind drei Niederlagen, bei denen zweistellige Führungen verspielt wurden, und die 30-Punkte-Klatsche in San Antonio nicht zu erklären.

Weinende Spieler in der Kabine

Wie es derzeit um die Mannschaft bestellt ist, zeigten auch die Reaktionen nach der Niederlage gegen Chicago, der zweiten innerhalb von elf Tagen, der dritten der Saison.

Coach Erik Spoelstra sprach von weinenden Spielern in der Kabine.

Seit einem Monat haben die Heat keinen Sieg mehr gegen ein Team mit einer positiven Bilanz eingefahren, gegen die Top Vier der NBA San Antonio (0:1), Dallas (0:2), Boston (0:3) und Chicago (0:3) weisen sie eine Bilanz von 0:9 auf. (DATENCENTER: Alle Ergebnisse)

"Es tut sehr weh"

Die Nerven liegen in Miami blank.

"Wenn du mit deinem Herz, deiner Seele, deinem Blut, deinem Schweiß und deinen Tränen bei der Sache bist, und du es so sehr willst, und es dir dann aus den Händen gleitet, mit einem Punkt, mit zwei Punkten, mit drei Punkten, mit 30 Punkten, du jedes Mal dran vorbeischrammst, tut es sehr weh", sagt Chris Bosh.

Trainer greift Medien an

Weh tut James, Wade und Bosh auch die Berichterstattung.

Spoelstra klagt die Medien an: "Das ist ein klassisches Beispiel für euren Sensationsjournalismus, nur auf der Suche nach Schlagzeilen", sagt er.

Dabei war es der Coach der den Medienvertretern die Schlagzeilen quasi auf dem Silbertablett servierte. Seine Aussage "Einige Spieler weinen gerade in der Umkleidekabine" sei jedoch aus dem Kontext gegriffen worden.

Am Tag nach der Niederlage meinte er, habe er lediglich Spieler mit "glasigen Augen gesehen, aber das war es. Alles andere ist eine Übertreibung."

Spitzen von der Konkurrenz

Kaum war von den Tränen in der Umkleide in den Medien zu lesen, sorgten sie für spöttische Kommentare der Konkurrenz.

Carmelo Anthony und Amare Stoudemire, New Yorks neues Basketball-Traumpaar, spotteten über die weinenden Heat nach deren Sieg über die Atlanta Hawks.

Van Gundy verhöhnt Ex-Klub

Und auch der ehemalige Heat-Trainer Stan Van Gundy ließ kein gutes Wort an seinem Ex-Klub. "Ich muss innerlich lachen, wenn ich ihre Beschwerden höre, dass sie besonders im Blickfeld stehen", meint Van Gundy.

"Wenn sie diese besondere Beobachtung nicht wollen, hätten sie keine Meisterfeier abhalten sollen, bevor sie nicht ein einziges Mal zusammen trainiert hatten", führt Orlandos Coach aus.

Nicht mehr Wades Heat

Wade weiß, dass es ein Fehler war, sich bereits vor dem ersten Saisonspiel bejubeln zu lassen. Und er weiß auch, dass er die Schwierigkeit, sich bei den "Miami Thrice" einzuordnen, unterschätzt hat.

Es ist eben nicht mehr seine Stadt, und es sind auch nicht mehr seine Heat.

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