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Brandon Roy (M.) musste sich während der Saison zweier Knie-Operationen unterziehen © getty

Spiel vier in Portland entpuppt sich für die Dallas Mavericks zu einem Debakel. SPORT1 analysiert die Gründe für die Niederlage.

Von Rainer Nachtwey

München/Portland - Mitte des letzten Viertels: Rick Carlisle kneift die Augen zusammen, blickt nach oben auf den Spielstand auf dem Video-Würfel.

Soeben hat Jason Terry einen Sprungwurf daneben gesetzt, der Vorsprung ist nach 23 Punkten kurz vor Ende des dritten Viertels auf 9 Zähler geschrumpft.

Die Gedanken in Carlisles Kopf scheinen nur um eines zu kreisen: "Wie bringen wir den Vorsprung irgendwie nach Hause?"

Und so spielt auch seine Mannschaft im Schlussviertel der vierten Erstrunden-Partie gegen die Portland Trail Blazers (Spielbericht):

Ohne den Willen zu punkten, nur irgendwie die Uhr herunterspielen und den Sieg über die Zeit retten.

Carlisle nimmt Schuld auf sich

Irgendwie - so schaffen es die Dallas Mavericks nicht. Zu stark ist der Auftritt von Portlands Brandon Roy bei der 82:84-Niederlage.

Und irgendwie versucht Carlisle auf der Pressekonferenz den Journalisten zu erklären, wie es möglich war, diese deutliche Führung noch zu verspielen.

"Uns ist es in der Defensive nicht gelungen, ihren Lauf zu unterbrechen. Das ist der Unterschied zum dritten Viertel. Da haben wir es geschafft und in der Offensive gepunktet", meint Carlisle.

Zumal Roy heiß läuft, das Spiel an sich reißt, und Dallas in der Defensive nichts einfällt, den Shooting Guard aufzuhalten.

"Dafür nehme ich die Schuld auf mich. Wir hätten in der Verteidigung einiges anders machen können", führt der Coach selbstkritisch aus.

Stellt sich nun die Frage, warum er es dann nicht gemacht hat?

SPORT1 analysiert die Gründe für die Niederlage. (DATENCENTER: Alle Ergebnisse)

Trainer:

Carlisle gibt es selbst zu. Er hätte reagieren können, ja müssen. Auf Portlands Isolations-Spielzüge für Roy antwortet er aber nur mit Umstellung der Gegenspieler. Ihn zu zweit verteidigen zu lassen, unterlässt der Coach.

Dass Carlisle die Schuld für die Fehler auf sich nimmt, ist ehrenwert, die Fehler nicht abzustellen, aber unverständlich.

Dieses Verhalten deutet auf Hilflosigkeit hin, ähnlich wie seine Durchhalteparolen: "Die NBA-Saison besteht aus Höhen und Tiefen. Wir müssen weiter machen."

Carlisle ist in Spiel 5 in der Nacht auf Dienstag (ab 2.30 Uhr LIVESCORES) nun gefordert. Er muss zeigen, dass er sein Team auf die Situation einstellen kann, auch etwas Überraschendes in das großteils berechenbare Angriffsspiel der Mavs zu integrieren.

Seine Bilanz von 39:43 in Playoff-Spielen spricht jedoch gegen ihn.

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Psyche:

Ähnlich ratlos wirkt Dirk Nowitzki. Er sitzt bei der Pressekonferenz mit gesenktem Kopf auf dem Podium, sein Blick ist auf den Tisch gerichtet, während er spricht.

"Es ist schwierig, dafür Worte zu finden. Die Frustration ist schon sehr groß", sagt Nowitzki. Er erinnert an eine Partie, als die Mavs einen 28-Punkte-Vorsprung noch verspielten.

"Eine Führung ist nie sicher - vor allem in den Playoffs." Es soll wohl Mut machen, macht es aber nicht. Vielmehr ruft es den Mavericks-Fans ein Trauma ins Gedächtnis: Spiel 3 der Finalserie 2006.

Damals verspielten die Mavs mit einer 2:0-Serien-Führung im Rücken einen 13-Punkte-Vorsprung in den letzten sechs Minuten, um anschließend die die drei weiteren Spiele und damit die Meisterschaft an die Miami Heat zu verlieren.

Seit jener Niederlage konnten die Maverick lediglich eine Playoff-Serie gewinnen. Auch wenn mit Nowitzki und Jason Terry nur noch zwei Akteure im Kader stehen: diese Last scheinen die Mavs immer noch nicht abgeschüttelt zu haben.

"Das einzig Positive ist, dass wir zwei von drei Spielen gewinnen müssen und zwei davon zu Hause sind", sagt er.

Aber auch Nowitzki flüchtet in Durchhalteparolen: "Im Nachhinein kann man immer sagen, das hätten wir anders machen können oder sollen. Wir müssen weiter positiv denken."

Leistungsträger:

Sein Auftritt gibt dazu allerdings keinen Anlass - vor allem der des letzten Viertels. Lediglich vier Punkte erzielte der Würzburger in der Schlussphase, nimmt in den letzten 6:45 Minuten nur einen der zehn Mavericks-Würfe, hält sich zurück

Auffallend hingegen sind seine Werte: 2 Rebounds im ganzen Spiel bei 4 Turnover. (STATISTIK: Der SPORT1-Nowitzki-Watch)

Beim Stand von 73:58 neun Minuten vor Ende zieht er gegen den zehn Zentimeter kleineren Nicolas Batum nicht zum Korb, sondern passt stattdessen nach außen, Aldridge fängt den Pass ab. (STATISTIK: Die Tagesbesten)

Sieben Minuten später will er es erzwingen, zieht zum Korb, begeht aber ein Offensiv-Foul an Gerald Wallace.

Nowitzki fehlt in der Offensive die Unterstützung. Terry trifft nur 5 seiner 16 Versuche, Jason Kidd und Tyson Chandler haben bereits früh mit Foulproblemen zu kämpfen, Dallas' Transition-Game findet im letzten Viertel überhaupt nicht statt.

Fouls/Freiwürfe:

Bei den Fouls liegt ein weiterer Grund: Die Trail Blazers erzwingen die Fouls, halten sich im zweiten und dritten Viertel allein durch die Freiwürfe (17 von 18) im Spiel, während sie in zusammengenommen 21 Minuten von Anfang zweites Viertel bis Mitte drittes nur 6 von 28 Würfen treffen.

Dallas hingegen bekommt insgesamt nur 10, in den letzten fünf Minuten, die die Mavericks mit einer Elf-Punkte-Führung beginnen, keinen einzigen Freiwurf zugesprochen.

"Wir hatten unsere Aggressivität verloren", analysiert Carlisle trocken.

Defense:

Die Aggressivität fehlt den Mavericks insbesondere im Schlussabschnitt in der Verteidigung. "Das fing bereits Ende des dritten Viertels an", bemerkt Carlisle.

Mit fünf Punkten in Serie, darunter ein Dreier von Roy eine Sekunde vor Schluss - seine Punkte 4, 5 und 6 der Partie - geht Portland in die letzten 12 Minuten. "Der Dreier hat Roy viel Selbstvertrauen gegeben", meint Carlisle.

Mit der Sicherheit spielt der Flügelspieler seine Verteidiger anschließend schwindelig, erzielt allein Im Schlussabschnitt 18 Punlte. Egal ob zu Beginn Terry, Kidd oder Marion, die Mavs können ihn im Eins-gegen-Eins nicht stoppen.

"Als ich gegen ihn verteidigen sollte, war er schon heiß gelaufen", sagt Marion. "Wenn jemand in dieser Liga heiß läuft, ist es schwer, ihn zu stoppen."

Das Kuriose dabei: Während DeShawn Stevenson gegen Roy verteidigt, gelingen dem Trail Blazer nur zwei Punkte und ein Assists. 5:20 Minuten vor Ende nimmt Carlisle ihn zu Gunsten von Marion vom Feld.

Gegen Marion erzielt Roy allein in den letzten 150 Sekunden 10 Zähler und eine Vorlage

"Isos", sagt Chandler, "die Isos waren es. Wir haben keine Anpassung vorgenommen, er hat mit uns am Ende gemacht, was er wollte."

Und man kann in seiner Wortwahl durchaus Kritik am Coach entnehmen, denn er wiederholt mehrfach sein Gesicht in den Händen vergraben:

"Wir haben nicht darauf reagiert, Punkt. Wir haben nicht in der Verteidigung darauf reagiert, wir haben zu keiner Zeit reagiert. Dabei war es offensichtlich."

Und verständnislos den Kopf schüttelnd führt er aus: "Wir haben uns von einem einzigen Spieler, der bis dahin kaum etwas ausgerichtet, besiegen lassen."

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