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Dirk Nowitzki steht mit den Dallas Mavericks zum zweiten Mal nach 2006 in den Finals © getty

Nowitzki verletzt sich beim Finals-Auftakt. Im SPORT1-Interview spricht DBB-Arzt Dr. Neundorfer über die Blessur des Superstars.

Von Eric Böhm

München/Miami - Seine Rückkehr in die NBA-Finals hatte sich Dirk Nowitzki sicher ganz anders vorgestellt.

Neben der ernüchternden 84:92-Schlappe seiner Dallas Mavericks bei den Miami Heat (Bericht) zog er sich auch noch einen Sehnenriss im Mittelfinger der linken Hand zu. (Die Finals LIVE im TV auf SPORT1+ und im LIVESTREAM)

Die Mavs hatten sich knapp vier Minuten vor Schluss auf 73:77 herangearbeitet, als der deutsche Ausnahmespieler Miamis Chris Bosh den Ball aus den Händen schlug und - neben der erlittenen Verletzung - auch noch ein zweifelhaftes Foul gepfiffen bekam.

Dr. Thomas Neundorfer (Teamarzt der Deutschen Basketball-Nationalmannschaft) kennt Nowitzki gut und kann die Bedeutung der Blessur einschätzen.

SPORT1 sprach mit dem Mediziner, der die DBB-Auswahl seit Juni 2006 betreut, über die Schwere sowie Art der Verletzung, Nowitzkis Schmerzempfindlichkeit und die Behandlung.

SPORT1: Herr Dr. Neundorfer, wie schwer ist Dirk Nowitzkis Verletzung?

Dr. Thomas Neundorfer: "Ich habe kurz mit Dirk telefoniert. Dabei ging es aber mehr darum, wie er sich fühlt. Allerdings kann ich zu der Diagnose nicht viel sagen. Aus der Pressemitteilung der Mavericks geht hervor, dass er hat sich wohl einen Strecksehnenabriss am Endglied des linken Mittelfingers zugezogen hat."

SPORT1: Kommt dieser Abriss bei Basketballern häufiger vor?

Neundorfer: "Das ist eigentlich eine Verletzung, die sich Hausfrauen beim Bettenmachen zuziehen. Im Leistungssport ist eine solche Verletzung eher ungewöhnlich."

SPORT1: Ist es schmerzhaft?

Neundorfer: "Schmerzhaft ist eine solche Blessur eigentlich nicht. Das Endglied hängt natürlich herunter. Das ist unbequem und stört bei Ballsportarten."

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SPORT1: Nowitzki ist Rechtshänder. Inwieweit wird ihn der lädierte Finger an der linken dann überhaupt beeinträchtigen?

Neundorfer: "Bei Dirk kann man eigentlich nicht zwischen Wurfhand und Nicht-Wurfhand unterscheiden. Er ist ja mit beiden Händen nicht so schlecht." 64410(DIASHOW: Nowitzkis NBA-Karriere)

SPORT1: Trotzdem wirft er ja häufiger mit rechts. Beeinflusst die andere Hand das Wurfgefühl?

Neundorfer: "Ganz unabhängig von der Person Nowitzki beeinträchtigt eine solche Verletzung nicht nur die Mechanik, sondern auch das Gefühl. Ein Basketballer hat viel mehr Gefühl in den Händen als andere Menschen und wird dadurch noch mehr behindert."

SPORT1: Wie wird diese Verletzung behandelt?

Neundorfer: "Die Verletzung wir normalerweise mit einer sogenannten 'Stackschen Schiene' aus Plastik behandelt behandelt. Das hat den Nachteil, dass unten am Finger eine Plastikschiene angebracht wird. Diese stört natürlich bei Ballsportarten."

SPORT1: Wir geht Nowitzki generell mit Blessuren um?

Neundorfer: "Locker. Er nimmt so etwas ausgesprochen locker. Er hat auch keinen Gedanken daran verschwendet, ob er deswegen nicht weiterspielt oder in der nächsten Partie aussetzt. Das hat er auch in unserem Gespräch betont. Er wird jetzt darüber schlafen und im Training schauen, wie es sich anfühlt. In der Regel sagt er aber, dass es geht." (STATISTIK: Der SPORT1-Nowitzki-Watch)

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SPORT1: Er lässt sich von so etwas also nicht aus der Ruhe bringen?

Neundorfer: "Nein, absolut nicht. Es ist lästig und gerade in dieser Phase sicher blöd, aber das wird nicht dazu führen, dass er das Basketballspielen einstellt."

SPORT1: Hat er für die Nationalmannschaft auch schon einmal angeschlagen gespielt?

Neundorfer: "Diese Frage kann und will ich nicht beantworten. Das hat hohe Relevanz für die Versicherungssituation von Nowitzki. Sie können aber davon ausgehen, dass kein Spieler in der Nationalmannschaft eingesetzt wird, der verletzt ist. Das würde ich auch persönlich nicht akzeptieren. Gerade bei diesem Spieler wäre es beruflicher Selbstmord, ihn mit einer Verletzung spielen zu lassen. Stellen sie sich vor, wir leisten uns so eine Geschichte wie mit Arjen Robben bei Nowitzki. Da wären der DBB und ich ruiniert."

SPORT1: Gibt es Unterschiede zwischen der Behandlung in Europa und in den USA?

Neundorfer: "Medizin ist ein globales Geschäft. Da gibt es keine Unterschiede. So eine Sache wird mit einer Schiene versorgt. Man kann auch von oben einen kleinen Draht in den Finger einsetzen, der das Gelenk von innen stabilisiert. Eine Operation an dieser fadendünnen Sehne wäre sinnlos.

SPORT1: Bleibt ein Schaden zurück?

Neundorfer: "Der Finger wird in Zukunft leicht nach unten hängen, das gilt für Nowitzki und jede Hausfrau auch. Problematisch ist das aber nicht. Was Schmerzmittel angeht, wird in den USA häufig Ibuprofen verwendet, während in Europa meist Voltaren eingesetzt wird. Da besteht allerdings kein Qualitätsunterschied."

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