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Kam 1998 in die NBA: Mavs-Superstar Dirk Nowitzki © imago

Nowitzkis Aufstieg zum NBA-Champion ist mit Rekorden, aber auch Rückschlägen gepflastert. Gegen Miami beseitigt er einen Makel.

Von Barnabas Szöcsund Eric Böhm

München - Dirk Nowitzki wollte einfach nur alleine sein - zumindest für einige Momente.

Im Augenblick seines größten Triumphs, als sich alle Mavericks-Anhänger weltweit um den Hals fielen, als jeder Dallas-Spieler jubelnd auf den Court rannte, als alle lautstark und ehrfürchtig "Dirk" "Dirk" "Dirk" riefen, da bahnte sich der gebürtige Würzburger seinen Weg Richtung Katakomben. (Final-Highlights ab 19.15 Uhr im TV auf SPORT1)

Natürlich wusste der 32-Jährige, dass er vor wenigen Sekunden die Dallas Mavericks mit dem 105:95 (53:51)-Erfolg gegen die Miami Heat, gleichbedeutend mit dem entscheidenden 4:2-Sieg in den NBA-Finals, zu ihrem ersten NBA-Titel in der Vereinshistorie geführt hatte (Bericht, 412486Bilder und Video).

"Es ist vorbei"

Dennoch: Seine Emotionen hatten ihn in die Abgeschiedenheit der Umkleide geführt.

"Er wird sich erst mit der Zeit klar darüber werden, was dieser Tag für ihn als Mensch und sein sportliches Lebenswerk bedeutet", sagt Nowitzkis Schwester Silke im Interview mit SPORT1: "Er hat in diesem Moment einfach realisiert: Es ist vorbei." (Interview: "Es gibt keinen Raum mehr für Superlative")

Vorbei. Nach 13 Jahren harter Arbeit in der NBA, voller Erfolge und bitterer Rückschläge, hatte Nowitzki es endlich geschafft, den Basketball-Olymp zu erklimmen (Bericht: die Stimmen).

Nach der traumatischen Finalserie im Jahr 2006, als die Mavericks ausgerechnet gegen Miami eine 2:0-Führung verspielten und am Ende mit leeren Händen dastanden.

"Diese Meisterschaft kann uns keiner mehr nehmen"

Nowitzki hatte dieser Makel bis zu der Sekunde, als er im Spielertunnel verschwand, stets verfolgt (EINWURF: Der beste Sportler der Welt).

Doch nun war alles vorbei: "Diese Meisterschaft kann uns keiner mehr nehmen", sagte Nowitzki sichtlich mitgenommen nach dem Spiel und gestand, unter der Dusche "ein bisschen geheult" zu haben.

Am Höhepunkt seiner Karriere schossen ihm wohl die Erinnerungen an seine NBA-Anfänge in den Kopf.

Pitino vergleicht ihn mit Bird

Damals hatte alles noch ganz anders ausgesehen - die Karriere eines Superstars schien Nowitzki mitnichten vorbestimmt: Nur zwei NBA-Teams erkannten das große Potenzial des damals schmächtigen 20-Jährigen.

Dallas' Trainerfuchs Don Nelson wollte Nowitzki jedoch unbedingt für seinen "Run-and-Gun-Angriff." Bostons Rick Pitino wiederum sah in ihm schon damals den neuen Larry Bird.

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Dank des inzwischen legendären Trades von Robert "Traktor" Traylor nach Milwaukee holte schließlich Nelson seinen Wunschspieler nach Dallas.

Schwerer Anfang

Der Sprung von der 2. Bundesliga in die beste Liga der Welt fiel dem "German Wunderkind" aber keineswegs leicht. Gegen die athletischen NBA-Forwards hatte Nowitzki zu Beginn große Probleme.

"Ich war so frustriert, dass ich fast wieder nach Deutschland zurückgegangen wäre. Ich kam mir vor als würde ich aus einem Flugzeug springen und hoffen, dass der Fallschirm aufgeht", beschrieb Nowitzki später seine ersten Monate jenseits des Atlantiks.

Seine schwache Verteidigung, die ihm teilweise noch heute nachhängt, brachte ihm damals sogar den despektierlichen Spitznamen "Irk" ein. Denn das "D" steht im US-Sport für Defensive - die Nowitzki eben vermissen ließ.

Stetig verbessert

Um seine Qualitäten im Passspiel optimal zu nutzen, wollte ihn Nelson sogar als "Point Forward" (Wortspiel aus Point Guard und Power Forward, Anm. d. Red.) einsetzen.

Nach seiner kurzen Premierensaison - aufgrund eines Streiks gab es nur 50 Spiele - verbesserte sich Nowitzki indes stetig und wurde bei der Wahl zum Most Improved Player Zweiter hinter Jalen Rose.

Dann das große Durchstarten: Nachdem Mark Cuban das Team im Jahr 2000 für 280 Millionen Dollar gekauft hatte, krempelte er die Mannschaft komplett um.

Nowitzki schreibt NBA-Geschichte

Als reiner Power Forward startete Nowitzki durch und wurde 2001 zum ersten und einzigen Spieler der NBA-Geschichte mit 150 Dreiern sowie 100 Blocks in einer Spielzeit.

Im selben Jahr führte er die Mavericks auch zum ersten Mal seit 1990 in die Playoffs und schaffte es als erster Spieler der Klubgeschichte in ein All-NBA-Team.

Damit nicht genug: Seit 2002 steht Nowitzki ununterbrochen im All-Star-Team des Westens und gewann mit der Nationalmannschaft 2002 sensationell WM-Bronze.

Ebenso bemerkenswert: Vor jener Saison wurde er mit einem Sechsjahresvertrag über 90 Millionen Dollar zum zu diesem Zeitpunkt zweithöchstbezahlten deutschen Sportler hinter Formel-1-Rekordchampion Michael Schumacher.

Johnson formt ihn

In den folgenden Jahren kämpfte der inzwischen als "Dirkules" bekannte Superstar jedoch immer wieder gegen die Playoff-Windmühlen an.

Auch mit dem neuen Coach Avery Johnson wollte es mit einer Meisterschaft einfach nicht klappen. Der kolossale Einbruch in den Finals 2006 markierte den Negativ-Höhepunkt.

Immerhin formte "kleine General" den deutschen Import zu einem überdurchschnittlichen Verteidiger und damit kompletten Basketballer.

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MVP-Titel als Höhepunkt

Der Lohn für die harte Arbeit war Nowitzkis Wahl zum wertvollsten Spieler 2007 - kein Europäer schaffte das vor ihm.

Nowitzki sammelte in diesem Jahr fast 25 Punkte im Schnitt, traf über 50 Prozent seiner Würfe und führte Dallas zu 67 Siegen - Mavericks-Rekord.

Das historische Erstrunden-Aus als topgesetzte Mannschaft gegen Nelsons Golden State Warriors war für "Big D" ein Schock: "Ich konnte dieser Serie nicht meinen Stempel aufdrücken. Ich bin sehr enttäuscht. Ein Titel ist viel wichtiger als jede Auszeichnung", sagte er.

"Er ist ein Gigant"

Inzwischen wird nicht mehr über Nowitzkis Klasse, sondern nur noch über seine Platzierung unter den besten Spielern aller Zeiten diskutiert.

"Er ist ein Gigant. Du kannst nur versuchen zu verhindern, dass er gegen dich ein völlig verrücktes Spiel abliefert", meinte Finalgegner Chris Bosh über den MVP der Finals.

Als Gigant fühlte sich der bodenständige Deutsche im Moment seines Triumph dennoch nicht, als er ganz alleine in der Kabine entschwand.

Nowitzki hatte nur das erreicht, wofür er sein Leben lang gearbeitet hatte.

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