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Jeremy Lin war 2006 Kaliforniens High-School-Spieler des Jahres © getty

Der Knicks-Newcomer versetzt die NBA ins Staunen. Der blitzartige Aufstieg des ungewöhnlichen Spielmachers sucht seinesgleichen.

Von Eric Böhm

München - Diese Geschichte wäre selbst für einen billigen TV-Film zu schmalzig: Jeremy Lins blitzartiger Aufstieg versetzt die Basketball-Welt ins Staunen.

Innerhalb einer Woche ist der Guard der New York Knicks aus den Niederungen der NBA-Anonymität ins Rampenlicht des sportverrückten "Big Apples" vorgedrungen.

Nach seiner 38-Punkte-Gala gegen die L.A. Lakers (Bericht) schloss der 23-Jährige eine sensationelle Woche in Minnesota mit dem fünften Sieg in Serie ab (Bericht). Er sammelte dabei nie weniger als 20 Zähler und sieben Assists.

"Es ist verrückt. So etwas habe ich noch nie erlebt. Der Junge macht vier großartige Spiele, und kein Mensch weiß, wer er ist. Seine Führungsqualitäten sind unverzichtbar", sagt Coach Mike D'Antoni über den interessanten Scharfschützen.

"Bin kein Freak"

Denn Lin ist keineswegs ein typischer NBA-Akteur. Das beweist schon seine Herkunft. Er ist der erste Amerikaner taiwanesischer Herkunft in der Liga.

Nach einer ausgezeichneten Laufbahn an einer High School im Norden Kaliforniens wurde er von keinem der großen Colleges rekrutiert und entschied sich für ein Wirtschaftsstudium an der akademisch renommierten Harvard University in der Nähe von Boston.

"Ich glaube, um mein Spiel zu verstehen, muss man mich mehrmals sehen. Denn ich bin kein athletischer Freak", lieferte Lin damals eine ganz eigene Erklärung.

Diese gesunde Selbsteinschätzung gepaart mit seiner Intelligenz auf und neben dem Court kommt ihm jetzt zu Gute.

Stars machen den Weg frei

Lin agiert uneigennützig, trifft gute Entscheidungen und hat ein Gespür für die Situation. Diese Qualitäten gingen den strauchelnden Knicks vor "Linsanitys" Ankunft ab (516116DIASHOW: Die 7. Woche der NBA).

Erst die Ausfälle der extrovertierten Stars Carmelo Anthony (Leistenprobleme) und Amare Stoudemire (Todesfall in der Familie) sowie das Fehlen eines effizienten Point Guards zwangen D'Antoni zu seinem Glück.

"Es ist wohl eine Kombination aus einer Chance, dem Spielsystem und wachsendem Selbstvertrauen. Es ist wie ein Traum", meint Lin, der neben seinem geschmeidigen Wurf auch erstaunlich aggressiv zum Korb ziehen kann.

Mitspieler profitieren

An seiner Seite blühen plötzlich auch die anderen Spieler des teuren Kaders, der vor Lins Ankunft so bitterböse enttäuscht hatte, auf. Vor allem 58-Millionen-Mann Tyson Chandler profitiert unter dem Korb von den tollen Anspielen.

New York verbesserte sich während der aktuellen Erfolgsserie in der Eastern Conference auf den letzten Playoff-Rang (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabellen).

Historischer Lauf

Wesentlich wichtiger ist in der einzigartigen Metropole der Stimmungsumschwung. Denn die Fans gehen in der Stadt, die angeblich niemals schläft, nicht zimperlich mit ihren Helden um.

Lin holte das Team aus seiner Lethargie, rettete D'Antoni den Job und sorgte bei Anhängern und Medien wieder für positive Schlagzeilen.

Kein Spieler erzielte in seinen ersten drei Starts seit der Zusammenlegung von NBA und ABA im Jahr 1976 mehr Punkte.

Trotzdem hebt der schmächtige 1,91-Mann nicht ab. Er lebt nach wie vor bei seinem Bruder. "Er hat seine eigene Couch", erklärt Josh Lin.

Jackson feuert ihn

Hintergrund dieser Wohngemeinschaft ist, dass die Knicks Lin bis zum vergangenen Dienstag hätten entlassen können, ohne ihm den Großteil seines mit 800.000 Dollar dotierten Vertrages zahlen zu müssen.

Dieser Vertrag brachte die Golden State Warriors im Dezember dazu, das Talent zu entlassen - nicht zuletzt weil der neue Coach Mark Jackson kein Fan Lins war. Auch in Houston klaptte es nicht.

Die Knicks sicherten sich die Rechte und schickten Lin bis Ende Januar ins Farmteam. Zwei Wochen später huldigte ihm der ausverkaufte Madison Square Garden mit MVP-Rufen.

Mavericks verpassen die Chance

An seinem Karrieresprung haben nicht zuletzt Dirk Nowitzkis Dallas Mavericks einen großen Anteil.

Im Sommer 2010 spielte der im Draft nicht ausgewählte Harvard-Star, der einst mit einem 30-Punkte-Spiel gegen die UConn Huskies erstmals aufhorchen ließ, in der Summer League für den aktuellen NBA-Champ.

"Donnie (Nelson, Anm. der Red.) habe ich viel zu verdanken. Er hat sich um mich gekümmert", sagt Lin über den Teampräsidenten der Mavs.

Aus einem Duo Nowitzki-Lin wurde allerdings nichts, denn die Warriors, das Lieblingsteam seiner Kindheit, bot dem "Hometown Hero" einen Zweijahresvertrag. Die Mavs wollten nur zwölf Monate garantieren.

Die Knicks werden ihm nun wohl sehr schnell einen neuen Vertrag vorlegen, dann kann er sich für seine Couch auch eine eigene Wohnung suchen.

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