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Jeremy Lin feierte sein NBA-Debüt 2010 für die Golden State Warriors © getty

Alle All-Stars müssen etwas zu Lin sagen, dessen Audienz platzt aus allen Nähten. Die Asia-Ikone nennt sich aber "Minimum Man".

Aus Orlando berichtet Michael Spandern

Orlando - Die Wunderkräfte des Jeremy Lin sind erschöpflich.

Zwar kam auch bei der Rising Star Challenge, dem Showmatch der besten Erst- und Zweitsemester der NBA, der meistumjubelte Wurf vom Knicks-Spielmacher.

Indes: Es handelte sich um eine Aufzeichnung eines siegbringenden Dreiers, den er zehn Tage zuvor den Toronto Raptors eingeschenkt hatte. In Echtzeit gab es von ihm nur einen Rückwärtskorbleger und ein Alley-Oop-Zuspiel auf Blake Griffin zu bestaunen (523060DIASHOW: Die Rising Stars Challenge 2012).

Nicht viel, nach neun Minuten war dann auch Schicht, offenbar wollte Lin nicht länger. Nach dem Schauspiel, das Lins Truppe mit 133:146 verlor (Bericht), verschwand der Sohn zweier Einwanderer aus Taiwan, zum Essen mit der Familie, zum Abschalten.

Eine Frage für alle All-Stars

Griffin erläuterte dies, und es ist einigermaßen bezeichnend, dass der Megastar des letztjährigen All-Star Games und heftigste Dunker ligaweit als Bote für einen Spieler einspringt, der nicht mal 800 NBA-Minuten auf seinem Buckel hat.

Wie es denn sei, mit Lin zu spielen, wurde Griffin gefragt. Eine willkommene Variante, kann die Presse ja abgesehen vom New Yorker Carmelo Anthony sonst nur fragen, wie es ist, gegen Lin zu spielen oder ihm zuzusehen(DATENCENTER: Ergebnisse und Tabellen).

Alle müssen sich das in der rund halbstündigen Medienrunde zwei-, dreimal fragen lassen. Umgekehrt zu fragen, wie es für Lin ist, mit den Großverdienern und Mehrmals-All-Stars Amare Stoudemire und Anthony zu spielen, ist gerade nicht en vogue.

Schließlich ist gerade "Linsanity", der Wahnsinn, der die Popularitätsverhältnisse komplett sprengt. Der sektenähnliche Verehrung nach sich zieht.

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"Immer noch ein Minimum-Mann"

Selbst in einem Hotel, in dessen Tiefgarage kein Parkplatz unter 13 Dollar liegt, warten Herrscharen von Asiaten, um ein Handyfoto von dem eher glanzlos daherschlendernden Lin zu erhaschen.

Wenige Stunden später im Amway Center leeren sich plötzlich die Arbeitsräume der Journalisten. Auf einem Zettel hat der Veranstalter bekanntgeben, dass Jeremy Lin außerplanmäßig spricht - es genügt, um den Konferenzraum fast zum Bersten zu bringen.

Das "People Magazine" will wissen, wie unwirklich ihm selbst sein rasanter Aufstieg vorkommt. Das "Forbes Magazine" fragt den Mann, der bis vor Kurzem noch auf den Couches seines Bruders oder des Teamkollegen Landry Fields nächtigte, was er sich denn zuletzt geleistet habe.

Nichts, sagte der 23-Jährige, "ich bin immer noch ein Minimum Man."

"Trügerisch athletisch, trügerisch schnell"

Noch vor kurzem, als er zunächst in Golden State und dann in Houston die Papiere bekommen hatte, dachte er daran, "in Europa oder in der Development-League zu spielen oder eine Pause vom Basketball zu nehmen. Aber eigentlich habe ich versucht, gar nicht daran zu denken."

Schließlich weiß er, was er auf dem Feld kann - anders als die Scouts, die ihn im Draft durch alle Roste fallen ließen. Sein asiatisches Aussehen sei ein Grund, warum er unterschätzt wurde, sagt Lin.

"Die Leute sagen, ich sei trügerisch athletisch, trügerisch schnell. Aber ich weiß gar nicht, was da trügerisch bedeuten soll", wundert Lin sich.

Die 1 ist er, die 7 Gott

"Ich werde mich immer mehr und weiter beweisen müssen", folgert er.

Und das tut er mit Gott an seiner Seite, glaubt er wegen seiner Trikotnummer 17. "Die 7 hatte ich voriges Jahr, eine der Zahlen Gottes, die überall in der Bibel präsent ist. Nun habe ich die 1 davorgesetzt, die stellt mich da. Also halb ich, halb Gott. So war er immer direkt bei mir, deshalb bin ich bei der Nummer geblieben."

Auch am Samstag, wo der Beistand nur kurz vonnöten war. Aber das All-Star Weekend geht ja weiter und "Linsanity" sowieso ? auch wenn sein Auftritt beim Dunking-Contest ins Wasser fällt.

Lin hätte ursprünglich als Passgeber für seinen Teamkollegen Iman Shumpert auftreten sollen, der Guard musste jedoch verletzt passen. Dem Rummel wird dies keinen Abbruch tun.

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