Verjüngte Celtics gegen neue Mächte und Rentnergang
Von Raphael Weber
München - Grausames Playoff-Aus, Jesus-Abschied, Jet-Landung - Boston hat einen ereignisreichen Sommer hinter sich.
Mit einem Bein standen die verletzungsgeplagten Celtics schon in den NBA-Finals, doch trotz 3:2-Führung gegen Erzfeind Miami brachte die Achterbahnsaison das Aus in den Conference-Finals und viele Fragezeichen mit sich.
Als sich Free Agent Ray Allen dann in der Offseason auch noch gegen Bostons Angebot entschied und samt seiner Talente an den South Beach zu Erzfeind Miami überlief, schien sich das Titelfenster der Celtics schon krachend geschlossen zu haben.
Doch General Manager Danny Ainge legte eine Offseason hin, die Boston mit einem Schlag wieder zum Schwergewicht im Osten macht. ( DATENCENTER: Der NBA-Spielplan)
Allerdings ist schon die Atlantic Division so stark wie seit Ewigkeiten nicht mehr und Boston wird sich vor allem mit Brooklyn um die Spitze streiten müssen.
"Jet" ersetzt Allen
Der Abgang von Dreier-Legende Allen wurde mit Jason Terry mehr als nur ausgeglichen. (DIASHOW: Der NBA-Transfermarkt)
Der "Jet" ist mit 35 Jahren nicht nur ganze zwei Lenze jünger ist als der von den Fans liebevoll "Jesus" gerufene Allen, sondern bringt mit seinen Dribbling-Fähigkeiten auch das komplettere Offensiv-Paket mit und ist der deutlich bessere Verteidiger.
Außerdem zeigt der Meister von 2011 gleich von Beginn an die absolute Hingabe zur Celtics-Franchise, die Allen mit seiner Jagd nach dem Ring im Heat-Trikot vermissen lässt und lässt sich als Beweis direkt den Celtic-Kobold mit Larry-O'Brien-Trophy auf den Arm tätowieren.
Terry macht sich gleich beliebt
Und der "Jet" stellte gleich zu Beginn klar, dass er ab sofort Celtic-Grün blutet. "Ich hasse, wen sie hassen. Die Lakers als allererstes, und gleich danach kommen die Heat", stellte Terry klar: "Der Weg zur Meisterschaft geht über den Champion, also Miami. Ich bin bereit, das ist eine persönliche Angelegenheit."
Anführer des Teams soll mehr und mehr der selbsternannte beste Point Guard der Liga, Rajon Rondo, sein - allerdings verfügt der begnadete Passer, Verteidiger und Rebounder nur an ausgewählten Abenden über einen ernstzunehmenden Sprungwurf, vom Dreier ganz zu schweigen.
Verstärkte Nets starten Angriff
Alles neu, alles besser soll diese Saison bei den Nets werden. Durch den Umzug nach Brooklyn will die Franchise gleich auch das Loser-Image der letzten Jahre loswerden. Mit neuem Kader und neuer Identität schwingen sich die Nets zur neuen Macht im Osten auf.
Damit es mit den Erfolgen auch klappt, hat Besitzer Michail Prochorow tief in die Tasche gegriffen: Nicht nur, dass der heftig umworbene Star-Aufbau Deron Williams gehalten wurde, mit Joe Johnson wurde "D-Will" ein hervorragender Back-Courtpartner an die Seite gestellt.
Johson nur noch Co-Star
Zwar hat Johnson in Atlanta mehrfach bewiesen, dass er trotz Maximalgehalt nicht fähig ist, ein Team als Franchise-Player in den entscheidenden Momenten zu führen - muss er in Brooklyn aber auch nicht.
Mit Gerald Wallace haben die Nets zudem eine Defensiv-Allzweckwaffe an der Hand, die die Small-Forward-Elite um LeBron James, Kevin Durant und Paul Pierce in Zaum halten soll.
Klappt es schnell mit der Abstimmung - Johnson ist neu, Brook Lopez war fast die komplette Lockout-Saison verletzt - und funktionieren Neuzugänge wie Mirza Teletovic, 2011/2012 einer der besten Spieler Europas, könnten die Nets Boston sogar Platz eins in der Atlantic Division streitig machen.
Knicks mit ungelösten Problemen
Alte Probleme im doppelten Sinne nehmen die Knicks, der bisherige Platzhirsch in New York, mit in die neue Saison.
Mit Marcus Camby (38), Kurt Thomas (40), Rasheed Wallace (38), Jason Kidd (39) und dem 35-jährigen NBA-Rookie Pablo Prigioni haben die Knickerbockers, gelinde gesagt, sehr viel Erfahrung verpflichtet. Wie leistungsfähig die Rentnergang noch ist, wird sich zeigen müssen.
Hauptproblem im Big Apple bleibt aber, dass für Carmelo Anthony, Amar'e Stoudemire und J.R. Smith nur ein Ball auf dem Spielfeld eigentlich zu wenig ist. Ob Coach Mike Woodsen, der Anthony letzte Saison mit Narrenfreiheit ausstattete, seine Scorer in ein funktionierendes Offensiv-Konzept bekommt, darf bezweifelt werden.
Bynum macht Philly zur neuen Macht
Neben den wiedererstarkten Nets dürfen sich auch die Philadelphia 76ers berechtigte Hoffnungen auf die Top 4 im Osten machen. Der Grund: Andrew Bynum.
Im Zuge des Dwight-Howard-Deals wurde Philly der unbestritten zweitbeste Center der NBA zum unschlagbaren Preis zugespielt. Abgeben musste man dafür de facto nur Andre Igoudala, der nie der Franchise-Player war oder wurde, dessen Gehalt er seit Jahren überwiesen bekommt.
Mit Bynum in der Mitte haben die Sixers nun endlich einen Star, der mit Jrue Holiday, Evan Turner, Thaddeus Young, Spencer Hawes und Nick Young eine junge, schlagkräftige Truppe um sich hat.
Interessant wird sein, wie Bynum mit der neuen Rolle zurecht kommt. Auch Gesundheit und Disziplin waren beim Center schon ein Problem.
Toronto hofft auf Valanciunas
Im hohen Norden bei den Toronto Raptors gibt es zumindest einen Hoffnungsschimmer. Der Litauer Jonas Valanciunas, 5. Pick der Draft 2011, wagt den Sprung über den großen Teich und soll die Zukunft im Raptoren-Land sein.
Auch die Eins ist mit Neuzugang Kyle Lowry und Backup Jose Calderon gut besetzt, allerdings werden sich die Kanadier schwer tun, zu punkten. Außer Andrea Bagnani, DeMar DeRozan und Lowry fehlen verlässliche Punktelieferanten.
Weil auch von der Bank - abgesehen von Calderon, wenig kommt, sind die Playoffs für Toronto auch diese Saison ganz weit weg.
SPORT1 hat die Fakten zur Atlantic Division:
Boston Celtics:
Halle: TD Garden (18.624 Plätze)
Trainer: Doc Rivers
2011/2012: Aus gegen Miami in den Conference-Finals (3:4)
Wichtige Zugänge: Jason Terry, Jeff Green, Jared Sullinger, Courtney Lee, Leandro Barbosa
Wichtige Abgänge: Ray Allen, Jermaine O'Neal, Mickael Pietrus, Keyon Dooling
Mögliche Starting Five: Rajon Rondo, Courtney Lee, Paul Pierce, Brandon Bass, Kevin Garnett
SPORT1-Prognose: Platz eins. Bostons verbliebene Big Three sind eingespielt, mit Terry, Lee, Green und Sullinger hochwertig verstärkt – die Celtics kratzen erneut an Miamis Vormachtstellung im Osten und haben in der Atlantic Division die Nase vorn.
Brooklyn Nets:
Halle: Barclays Center (18.200 Plätze)
Trainer: Avery Johnson
2011/2012: 12.Platz in der Eastern Conference
Zugänge: Joe Johnson, Mirza Teletovic, Andray Blatche, C.J. Watson, Josh Childress
Abgänge: DeShawn Stevenson, Gerald Green, Jordan Farmar, Anthony Morrow
Starting Five: Deron Williams, Joe Johnson, Gerald Wallace, Kris Humphries, Brook Lopez
SPORT1-Prognose: Platz zwei. Mit D-Will, Johnson und Lopez spielen die Nets wieder um die Spitze mit. Findet das Team schnell zusammen und Coach Johnson den richtigen Ton, ist sogar Platz eins drin.
Philadelphia 76ers:
Halle: Wells Fargo Center (20.328 Plätze)
Trainer: Doug Collins
2011/2012: Aus gegen Boston in der 2. Playoff-Runde (3:4)
Zugänge: Andrew Bynum, Nick Young, Jason Richardson, Dorell Wright
Abgänge: Andre Igoudala, Louis Williams, Elton Brand, Jodie Meeks
Starting Five: Jrue Holiday, Jason Richardson, Evan Turner, Spencer Hawes, Andrew Bynum
SPORT1-Prognose: Platz drei. Mit Bynum im Zentrum sind die Sixers eine Macht im Osten. Doch mit Williams und Igoudala wurden zwei zentrale Spieler ausgetauscht.
New York Knicks:
Halle: Madison Square Garden (19.763 Plätze)
Trainer: Mike Woodson
2011/2012: Aus in der 1. Playoff-Runde gegen Miami (1:4)
Zugänge: Raymond Felton, Jason Kidd, Pablo Prigioni, Marcus Camby, Kurt Thomas
Abgänge: Jeremy Lin, Landry Fields, Baron Davis, Toney Douglas
Starting Five: Raymond Felton, Iman Shumpert, Carmelo Anthony, Amare Stoudemire, Tyson Chandler
SPORT1-Prognose: Platz vier. Die Knicks sind nur noch zweite Kraft in New York. Das Problem der Co-Existenz von Anthony und Stoudemire ist ungelöst, dazu der schwierige Charakter Smith. Die betagten Neuzugänge reißen das Ruder nicht herum.
Toronto Raptors:
Halle: Air Canada Centre (19.800 Plätze)
Trainer: Dwane Casey
2010/2011: 11. Platz in der Eastern Conference
Zugänge: Jonas Valanciunas, Landry Fields, Kyle Lowry
Abgänge: Jerryd Bayless, Gary Forbes, Jamaal Magloire
Starting Five: Kyle Lowry, Landry Fields, DeMar DeRozan, Andrea Bagniani, Jonas Valanciunas
SPORT1-Prognose: Platz fünf. Toronto hat zu wenig Qualität im Kader. Alles andere als die Rote Laterne der Atlantic Division für die Raptors wäre eine faustdicke Überraschung.