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Jim Harbaugh war der letzte Spielmacher der Indianapolis Colts vor Peyton Manning © getty

Kein Spieler, sondern der Trainer ist San Franciscos neuer Star. Jim Harbaugh soll die Goldhelme wieder zu altem Glanz führen.

Von Rainer Nachtwey

München/San Francisco - Nicht ganz 20 Meilen trennt Los Gatos, eine Vorstadt Santa Claras, vom Centennial Boulevard 4949, dem Trainingsgelände der San Francisco 49ers.

Für Alex Smith, den Quarterback des fünfmaligen Super-Bowl-Champions, ist es eine Autofahrt von keiner halben Stunde ( DATENCENTER: Der NFL-Spielplan).

Um 6.30 Uhr ist Antreten. Dann heißt es trainieren, trainieren, trainieren.

Für eine neue Saison, mit einem neuen Trainer, der jenes frühes Erscheinen eingeführt hat - und seine Schützlinge nicht vor 21.30 Uhr in den Feierabend entlässt.

"24 Stunden am Tag Football"

Unter Jim Harbaugh sollen die Goldhelme an jene glänzenden Jahre anknüpfen, als sie zwischen 1981 und 1994 fünfmal die Vince Lombardi Trophäe in die Bay Area entführten.

Keine Mittagspause außerhalb des Trainingsgeländes, kein Wehklagen über die harten Einheiten zu Hause.

"Beim ihm denkst du 24 Stunden am Tag an Football", sagt Tight End Delanie Walker und Offensive Lineman Joe Staley ergänzt: "Bei ihm gibt es keine verschwendete Zeit. Das ist nicht nur Spaß, das ist unser Job."

Erfahrung mit Aufbauarbeit

Misstöne kommen erst gar nicht auf, denn Harbaugh ist der neue große Star in San Francisco. Dabei sind die 49ers die erste Station des ehemaligen Quarterbacks als Head Coach in der NFL.

Aber Harbaugh hat etwas geschafft, worauf ganz San Francisco hofft. Er hat aus einem Loser-Team eines der fünf besten des Landes geformt - und das ausgerechnet in San Francisco an der Stanford University.

Stanford gewann erstmals seit 14 Jahren mit dem Orange Bowl einen Titel und Harbaugh hat Andrew Luck entdeckt, gefördert und voraussichtlich zum Nummer-Eins-Pick des Drafts 2012 gemacht.

Smith soll profitieren

Und hierauf setzen die 49ers große Hoffnungen - auf die Kombination Harbaugh-Smith. Der Spielmacher gilt nicht als instinktgeleiteter, intuitiver Revolverheld, sondern als rationaler methodischer Spieler, der den Anweisungen des Trainerstabs folgt.

Unter dem ehemaligen NFL-Quarterback Harbaugh, der aufgrund seiner Fähigkeiten den Spitznamen "Captain Comeback" verliehen bekam, soll Smith aufblühen.

"Ich habe diesen Mann vor sechs oder sieben Jahren beim einem College-All-Star-Spiel getroffen und habe mich sofort in seine Begeisterung, seinen Arbeitseifer und seine Liebe für das Spiel verliebt", sagte General Manager Trent Baalke bei der Vorstellung Harbaughs.

"Mit ihm starten wir in eine neue Generation. Wir müssen uns unsere Siegermentalität zurückholen. Er kann uns dorthin zurückführen, wo wir rechtmäßig hingehören."

Harbaugh bewundert Walsh

Hoffnungen, dass Harbaugh dies mit Smith gelingt, sind durchaus gegeben - auch wenn sie nur theoretischer Natur sind und die Vorbereitungsspiele noch nicht auf Wunderdinge schließen lassen.

Als die Kalifornier den Quarterback 2005 an erster Stelle drafteten, war Mike McCarthy Offensive Coordinator der 49ers. Der heutige Coach von Super-Bowl-Champion Green Bay bevorzugte die West Coast Offense der verstorbenen 49ers-Trainer-Legende Bill Walsh.

Auch Harbaugh gilt als großer Bewunderer Walshs und dessen Spielphilosophie.

Unter dem neuen Coach, der vertraglich die nächsten fünf Spielzeiten an die 49ers gebunden ist, soll endlich Kontinuität einkehren. Bei den Kaliforniern geht Smith in seine siebte Spielzeit und erlebt den siebten Offensive Coordinator.

Edwards als neuer Topreceiver

Neben dem neuen Coach und dem neuen Co-Trainer soll Smith ein neuer Receiver beim Durchbruch helfen: Braylon Edwards 436104(DIASHOW: NFL-Wechselbörse).

Und der 1,91 Meter große ehemalige New York Jet und Cleveland Brown beeindruckt Smith: "Es ist nicht notwendigerweise seine Größe. Vielmehr ist es seine Fähigkeit, eine gelungene Aktion durchzuführen, während der Ball in der Luft ist."

Und Smith führt weiter aus: "Wenn er Eins-gegen-Eins gedeckt wird, nehme ich immer den Pass auf ihn, weil er die Fähigkeit hat, den Wurf zu schützen. Entweder bekommt er den Ball oder zumindest nicht der Gegner."

Edwards gibt die Komplimente zurück: "Bei uns stimmt einfach die Chemie."

Schwache Preseason

Die Eindrücke der Vorbereitung sprechen jedoch eine andere Sprache. So viele Veränderungen Harbaugh auch eingeführt hat, eines ist den Goldhelmen geblieben: Die fehlende Durchschlagskraft in der Offensive.

Zum Auftakt gegen New Orleans glückten Smith lediglich zwei Pässe zum Mitspieler bei sieben Versuchen für ganze 10 Yards, gegen Oakland brachte er immerhin 8 seiner 13 Versuche unter, leistete sich jedoch eine Interception.

"Wenn wir wirklich das Team werden wollen, von dem wir reden, müssen wir die Angriffsserien in der Red Zone abschließen und dürfen nicht den Ball verlieren", gab sich Smith nach dem Bay-Area-Duell selbstkritisch.

Letzte Chance für Smith

In der folgenden Woche kam es aber noch schlimmer. 2 von 6 für 17 Yards und eine Interception bedeuteten ein Quarterback-Rating von 2,8 - bodenlos.

Für Harbaugh bedeutet dies noch viel Arbeit mit seinem Spielmacher. Sollte es Harbaugh nicht gelingen, wird sich Smith beim kommenden Trainingscamp die 20 Meilen von Los Gatos in den Centennial Boulevard 4949 sparen können.

Denn dann dürfte Harbaugh auf einen anderen Quarterback setzen. Die Experten würde es nicht verwundern, wenn dieser dann Andrew Luck von der Stanford University heißt.

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