Neu-Jet Tebow: Heils- oder Problembringer?
Von Christoph Lother
München - Eigentlich ist die Erwartung abstrus.
Der Spieler, über den in den US-amerikanischen Medien so viel berichtet, geschrieben und diskutiert wird wie über keinen anderen NFL-Profi, soll bei den New York Jets in der kommenden Saison wieder Ruhe einkehren lassen.
Tim Tebow ist von den Denver Broncos an die Ostküste gewechselt. Ein Heilsbringer soll er dort sein und die Jets nach einer verkorksten Saison wieder zurück in die Playoffs führen.
Scharfe Kritik von Ex-Jet Esiason
Doch Tebow wäre nicht Tebow, hätte nicht allein seine Verpflichtung schon für ein mediales Erdbeben gesorgt. (DIASHOW: Der NFL-Transfermarkt)
Die neue Saison hat noch gar nicht begonnen, da wird der 25-Jährige von dem einen oder anderen Experten schon als Fehleinkauf abgestempelt.
"Die Verpflichtung von Tebow ist ein großer Fehler gewesen, mit dem man sich selber und dem eigenen Franchise Quarterback Mark Sanchez nur schadet", sagte etwa Boomer Esiason, der als Quarterback zwischen 1993 und 1995 selbst das Trikot der Jets getragen hatte, dem Radiosender "WFAN".
"Wenn ich die New York Jets wäre, würde ich Tim Tebow feuern, denn er hilft dem Team in keinster Weise weiter", legte Esiason nach.
Laufstärke als großes Plus
Das sieht Rex Ryan freilich anders.
"Wir sind von Tebow und seinen Leistungen keinesfalls enttäuscht. Wenn er erstmal im Spiel ist, dann spielt er gleich ganz anders und viel besser, zudem ist er jedes Mal, wenn er den Ball bekommt, gefährlich, da er auch laufen kann", betont der Headcoach der Jets und verweist damit auf eine große Stärke seines Neuzugangs.
Gerade was die Laufstärke betrifft, liegt Tebow gegenüber dem bisherigen Quarterback der New Yorker, Mark Sanchez, nämlich klar im Vorteil.
Tebow? Sanchez? Oder beide?
Folglich zieht ihn Ryan auch als Alternative für die sogenannte Wildcat-Formation oder Spieler für die Red Zone in Betracht und greift somit der Frage vor, ob Tebow und Sanchez auch gemeinsam auflaufen könnten.
Bisher sieht es so aus, als sei Sanchez auch am 9. September beim Saison-Auftakt gegen die Buffalo Bills der Starting-Quarterback der Jets.
"Mark ist ein guter Athlet und unser Quarterback", betont der Offensive Coordinator der New Yorker, Tony Saprano, bei "ESPN" und ergänzt: "Ich denke, er hat bislang richtig gut gespielt für uns und ich glaube, daran wird sich auch nichts ändern."
Spezielles Wurftraining soll helfen
Falls aber doch, will Tebow seine Chance nutzen.
So trainierte er während der Sommerpause mit einem eigenen Wurftrainer, um die Qualität seiner bislang eher wenig gefürchteten Pässe weiter zu verbessern.
Nach Ansicht des früheren MLB-Pitchers Tom House, der Tebows Würfe per 3D-Video-Analyse bis ins kleinste Detail untersuchte, ist ihm das auch gelungen.
Zugleich betont House aber auch: "Es ist natürlich ein Unterschied, ob man hier trainiert oder bei den Jets auf dem Feld steht."
Mental stärker als Sanchez
Vielleicht könnte sich Tebow auf der mentalen Ebene als größere Verstärkung als auf der spielerischen erweisen.
Der gottesfürchtige 1,91-Meter-Hüne gilt als extrem nervenstark, kann seine Mitspieler emotional pushen und ein Spiel in kniffligen Situationen auch mal allein entscheiden.
Eine Qualität, die dem bisherigen Quarterback Sanchez eher nicht zugeschrieben wird und den Jets unter anderem auch bei der entscheidenden 17:19-Niederlage im Kampf um den Playoff-Einzug bei den Miami Dolphins in der Vorsaison fehlte.
Ryans Hoffnung auf einen neuen Leader
Headcoach Ryan hofft, mit dem einstigen College-Football-Star und Gewinner der Heisman Trophy aus dem Jahr 2007 nicht nur einen weiteren Offensive-, sondern vor allem einen Führungsspieler hinzugewonnen zu haben.
Erst während der Saison aber wird sich zeigen, ob mit Reizfigur Tebow bei den Jets aber wirklich Ruhe und frischer Wind für den Angriff auf die Playoffs einhergeht - oder womöglich noch mehr Probleme.