Bounty-Gate-Folgen: Saints droht Chaos-Saison
Von Eric Böhm
München - In New Orleans sind sie an Dramen gewöhnt, doch die Offseason der New Orleans Saints ist kaum zu überbieten.
Im Mittelpunkt stand der vieldiskutierte Kopfgeld-Skandal, um Prämienzahlungen an verletzte Gegenspieler, der Head Coach Sean Payton eine einjährige Sperre einbrachte.
Dazu kam aber auch das Hickhack um den neuen Vertrag für Fan-Liebling Drew Brees. Nach zähen Verhandlungen verlängerte der Star-Quarterback und wird in der kommenden Saison 40 Millionen Dollar verdienen.
Das Timing ist dabei denkbar ungünstig, denn im Februar wird der Super Bowl im "Big Easy" ausgetragen, und die Saints wollen endlich den Gastgeber-Fluch beenden.
Gegen den Trend
Seit den San Francisco 49ers - sie holten 1985 im Stadion der nahegelegenen Stanford University den Titel - gewann kein Team mehr das Endspiel vor heimischer Kulisse.
Im eigenen Stadion war noch nie ein NFL-Team siegreich. "Trotz aller Querelen und Probleme bleibt das unser Ziel, sonst bräuchten wir nicht anzutreten", sagt Brees trotzig.
Wie das Team diese Dramen letztendlich weggesteckt hat, wird sich erst beim Saisonstart (9. September) gegen die Washington Redskins zeigen.
Kromer übernimmt
Immerhin wurde nun der Interimstrainer präsentiert. Offensive-Line-Coach Aaron Kromer übernimmt für die ersten sechs Spiele die Verantwortung.
Danach wird Paytons Assistent Joe Vitt bis zum Saisonende seinen Chef ersetzen, denn Vitt kam mit sechs Partien davon. (DIASHOW: Der NFL-Transfermarkt)
"Er kennt das Team und unsere Spielzüge, mit denen wir sehr erfolgreich sind", sagte Saints-General-Manager Mickey Loomis über Kromer.
Paytons Genialität wird fehlen
Loomis wird die erste Saisonhälfte nur von außen zuschauen dürfen. Darüber hinaus fehlt Linebacker Jonathan Vilma für die gesamte Spielzeit.
Dessen Ausfall trifft die Abwehr sehr hart, aber Paytons Absenz könnte der wohl produktivsten Pass-Offensive der NFL immensen Schaden zufügen. Zudem ging auch der beste Guard Carl Nicks nach Tampa Bay.
Zwar hat Brees nach wie vor exzellente Anspielstationen wie Marques Colston, Jimmy Graham oder Devery Henderson zur Verfügung, aber ob Kromer so genial wie sein suspendierter Boss die Schwächen der Gegner entlarven kann, ist fraglich.
"Coach Krome ist schon lange hier und kennt unseren Angriff genau. Er wird die richtigen Entscheidungen treffen. Er ist ein Fachmann", lobt Brees.
Hoffnung auf Running Backs
Dennoch dürfte nach dem NFL-Rekord für Passyards (5476) durch Brees - der nun bestbezahlte Spieler der Liga - das Laufspiel heuer wichtiger werden.
Gut das der Meister der Saison 2009 gerade dort hervorragend aufgestellt ist. Pierre Thomas, Mark Ingram, Chris Ivory und Darren Sproles könnten für viele Konkurrenten starten.
"Wir werden notgedrungen etwas konservativer herangehen, schließlich ist Sean Payton ein risikobereiter Pokerspieler. Den kannst du nicht imitieren", bestätigt Kromer.
Viel Gegenwind
Neben fehlenden Verstärkungen und möglichen Nachwehen der Verhandlungen mit Brees könnte auch Kromers Wahl für Missstimmung sorgen.
Denn die logische Wahl wäre Defensive Coordinator Steve Spagnuolo, bringt er doch Erfahrung als Head Coach in St. Louis mit. Einige Abwehrspieler zeigten sich irritiert über die Entscheidung.
Die Motivation der Gegner dürfte New Orleans auch einige Schwierigkeiten bereiten. Denn bei aller Solidarität dürfte in den vergangenen Monaten der Zorn auf die Saints gewachsen sein - über eine angebliche Bevorzugung wird in der Liga schon seit Hurricane "Katrina" getuschelt.
"Sie werden jetzt sicherlich von allen Teams gejagt, vor allem die stars wie Brees sollten sich vorsehen", meint Ex-Trainer und TV-Experte Herm Edwards.
Brees trotzig
Die routinierte Mannschaft wird zwar viel Moral aus der Situation "Wir gegen die ganze Welt" ziehen, aber dennoch droht statt dem Heim-Super-Bowl ein Fiasko.
Nur New Orleans' Volksheld Brees kann mit einer weiteren Rekordverdächtigen Saison das drohende Fiasko abwenden - mehr als je zuvor sind die Saints nun sein Team.
"Es ist keine einfache Situation für uns, aber wir sind ein eingespielter und verschworener Haufen. Wir werden die Stadt, die so gut zu uns war, nicht enttäuschen", hat der 33-Jährige seinen Optimismus nicht verloren.