Innerlich und äußerlich verkrampft
Die New Orleans Saints hatten vergangene Saison inklusive Playoffs nur vier Spiele verloren. Unterm Strich kann man behaupten, die Saints haben sich personell kaum verschlechtert. In der Saison 2012 haben sie auch schon vier Spiele verloren - allein im September.
Wo aber liegen die Gründe für die wöchentlichen Misserfolge der Saints?
Vielleicht braucht der Wechsel auf das Verteidigungssystem von Steve Spagnuolo noch Zeit – immerhin reduzierte New Orleans die erlaubten Punkte fast jede Woche. Aber sein System basiert auf der Stärke einer Vierer Linie, die die Saints nicht haben, aber die Spagnuolo aus seiner New Yorker Zeit gewöhnt war.
Ohne den Druck von vorne können seine vielfältigen Deckungsvarianten hinten gar nicht voll zum Tragen kommen. Ohne starken Pass Rush hat jeder Quarterback genug Zeit, sie zu erkennen und ihre Schwachstellen auszunutzen.
Spagnuolo ist ein erstklassiger Trainer, aber vielleicht passen er und sein Spielkonzept nicht zum Personal. Eine No-Win Situation, zumindest für 2012, solange Spagnuolo nicht "seine" Spieler akquirieren und einbauen kann.
Zusätzlich litten die Saints wohl mehr als die meisten Teams unter den Ersatzschiedsrichtern. Ein Team, das auf Rhythmus basiert, hatte keine Chance in den ersten Wochen der Saison (Dallas, Green Bay und Denver hatten ähnliche Probleme mit der Offense ins Spiel zu finden).
Kleine Nickligkeiten gegen Receiver, die ein Ersatzschiedsrichter nicht pfeift, stören eine timing-basierte Offense weit mehr als das vertikale Passspiel der Falcons oder den brutalen Laufangriff der 49ers.
Bezeichnend finde ich jedoch, dass New Orleans die vier Spiele mit acht, acht, drei und einem Punkt Unterschied verlor. Jeweils ein einziger Touchdown (ggf. plus Conversion) oder ein Field Goal mehr (oder weniger - aus Sicht der Defense) hätte alle vier Spiele drehen können.
Aber sie haben sie nicht gedreht. Bei den Saints fehlt die Disziplin, dumme Fehler zu vermeiden. Und es fehlt ihnen mentale Härte, wenn es darauf ankommt. Eigenschaften, die ihr Cheftrainer Sean Payton in seinem Charakter vereint. Aber eben jener Cheftrainer ist aufgrund seiner einjährigen Sperre nicht beim Team.
Und schon verliert das Team den Zugang zu diesen wichtigen Eigenschaften. Man sagt nicht umsonst, dass jedes Football Team den Charakter seines Cheftrainers annimmt. Was für einen Charakter aber hat ein Team, das keinen richtigen Cheftrainer hat?
Denn sowohl der gegenwärtige Head Coach Aaron Kromer als auch sein designierter Nachfolger Joe Vitt (ab Woche sechs) werden nicht lange genug im Amt sein, um das Team nach ihrem Bild zu formen.
Und in dieses Vakuum versucht Drew Brees zu stoßen und bürdet sich noch mehr Verantwortung auf. Die Folge: Er spielt innerlich und äußerlich verkrampft. Die Offense macht zwar noch immer viele Punkte, aber in den kritischen Situationen versagt sie.
Am Ende der Saison wird Payton wieder in Amt und Würde sein. Und dann hoffentlich den Charakter seines Teams wieder neu formen. Und vielleicht auch seinen eigenen. Denn gesperrt wurde er ja, weil er tatenlos zusah wie (der ehemalige) Defense Trainer Gregg Williams angeblich fünfstellige Belohnungen auslobte für denjenigen seiner Spieler, der einen bestimmten Gegner krankenhausreif tackelte.
Florian Berrenberg, 47, ist ein anerkannter Football-Experte und kommentiert seit 2011 regelmäßig Spiele aus der besten Liga der Welt für SPORT1+. Darüber hinaus verfügt er über jahrzehntelange Erfahrung als Spieler und Trainer. In der German Football League (GFL) arbeitete er zwischen 1991 und 2008 als Assistenz- oder Cheftrainer in München, Hamburg und Rothenburg o.d. Tauber. In der NFL Europe betreute er bei der Frankfurt Galaxy die Defensive Backs. Neben erfolgreicher Tätigkeit im Nachwuchsbereich stand er zwischen 1993 und 2005 der deutschen Nationalmannschaft als Defense Trainer zur Verfügung. Bei SPORT1.de analysiert Berrenberg in seiner Kolumne das NFL-Geschehen auf und abseits des Platzes.