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Terrell Suggs spielt bereits seit 2003 für die Baltimore Ravens © getty

Baltimore krempelt sein Meisterteam gewaltig um und setzt auf Risiko. Ray Lewis' Nachfolger kündigt bei SPORT1 Großes an.

Von Eric Böhm

München - Es weht ein frischer Wind beim Titelverteidiger: Die Baltimore Ravens haben ihren Triumph in Super Bowl XLVII vor dem Saisonstart gegen die Denver Broncos (Fr., ab 2.30 Uhr LIVE im TV auf SPORT1 US) längst abgehakt.

Es schien fast so, als sollte durch einen gründlichen Frühjahrsputz jede Erinnerung an den großartigen Playoff-Lauf getilgt werden.

Ray Lewis hatte seinen Rücktritt ja bereits vorher angekündigt. Dass aber auch Ed Reed, Bernard Pollard, Paul Kruger oder Anquan Boldin gehen mussten, überraschte.

"Das waren großartige Spieler, aber wir haben hier erstklassige Fachleute, die genau wissen, was nötig ist. Du wirst hier sofort mitgerissen und spürst, dass große Dinge möglich sind. Wir sind bereit", sagte Verteidiger Arthur Brown bei SPORT1.

Respekt vor Lewis

Der Linebacker steht beispielhaft für die neue Ravens-Generation. Denn der Rookie soll zumindest mittelfristig die Position des Denkmals Lewis - des zweitens NFL-Draftpick der Ravens-Geschichte - einnehmen.

Ein schwierigeres Erbe kann es kaum geben, das ist dem Youngster bewusst: "Du kannst ihn nicht ersetzen, sondern ihm nur nachfolgen. Er hat mich stark beeinflusst. Wir müssen das als Team auffangen. Als Leader bleibt er sowieso unerreicht."

Football-Familie

Head Coach John Harbaugh schätzt an Brown vor allem dessen Beweglichkeit. Im System der Ravens kommt den beiden Inside-Linebacker eine Reihe von wichtigen Aufgaben zu.

Mit dem Football-IQ hat Brown keine Schwierigkeiten. Sein Onkel spielte in der NFL, Bruder Bryce steht bei den Eagles unter Vertrag.

"Das hilft schon. Du weißt, was dich erwartet. Für Coach Harbaugh zu spielen, macht aber auch vieles leichter. Er lebt eine professionelle Einstellung vor und hält dich jeden Tag unter Strom. Wir sind immer im Angriffsmodus", betont der 23-Jährige.

Historische Wechsel

Insgesamt sechs Starter aus dem Endspiel gegen San Francisco sind nicht mehr in Baltimore - darunter drei von vier Passverteidigern. Dazu kommen noch vier weggebrochene Offensiv-Starter.

Einen gewaltigeren Umbruch hat noch kein NFL-Champion eingeleitet. In der langen Geschichte waren fünf abgegebene Stammspieler bis dato die Höchstgrenze.

Dieses Risiko gehen Harbaugh und Manager Ozzie Newsome bewusst ein, um mehrere Fliegen mit einer Klappe zuschlagen. (DATENCENTER: Der NFL-Spieplan)

Bessere Defense?

Zum einen entgeht Baltimore dem Hangover, der häufig einen Absturz in der Folgesaison auslöst.

Außerdem war frisches Blut in der Abwehr nötig. Die gefühlte Dominanz strahlten Lewis und Co. auf dem Feld nur noch sporadisch aus. 2012 rangierten die Ravens bei zugelassenen Yards und Punkten nur im Mittelfeld.

So gesehen versprechen die Zugänge Brown, Elvis Dumervil, Michael Huff sowie die Rückkehr des langzeitverletzten Cornerbacks Lardarius Webb sogar eine Qualitätssteigerung.

Verschiebung zum Angriff

Mehr noch: Das Team hat heimlich, still und leise seine Identität gewechselt. Plötzlich sind die offensiven Joe Flacco, Torrey Smith und Ray Rice die großen Stars.

Flacco vergoldete seine glanzvollen Playoffs samt Super-Bowl-MVP-Trophäe mit dem Rekordvertrag über 120,6 Millionen Dollar.

"Joe Cool" hat sich den Zahltag redlich verdient, denn "die NFL ist eine Quarterback-Liga", wie Brown anmerkt.

Bangen um Linemen

Zwar verschlang dies einen Großteil des Gehaltsspielraumes, aber die Verletzung des Tight Ends Dennis Pitta war nicht vorhersehbar - er verpasst die Saison wegen einer Hüft-OP.

Eines der großen Fragezeichen sieht Brown gelassen. Jacoby Jones werde "ganz sicher" in Boldins Rolle als zweitwichtigste Anspielstation neben Smith hineinwachsen.

Für Harbaugh ist der Schutz der Flacco-Investition am wichtigsten, aber die Offensive Line bereitet Kopfzerbrechen. Center Matt Birk (Karriereende) wird durch den unerfahrenen Gino Gradkowski ersetzt.

Einige seiner Nebenleute sind angeschlagen. Einzig Michael Oher - auf seinem Leben basiert der Hollywood-Film "Blind Side" - ist fit.

Neue Legenden

Angesichts der aggressiven Pass-Rusher in der AFC North und der gestiegenen Erwartungshaltung an Flacco könnte mangelhafter Schutz teuer werden.

Während im Alltag lediglich die Lombardi Trophy in der Lobby des Hauptquartiers an den Triumph von New Orleans erinnert, ist das Selbstvertrauen eines Champions allgegenwärtig.

Das neue Ravens-Team hat etwas zu beweisen - und will den Legenden nicht nachfolgen, sondern selbst dazu werden.

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