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Elvis und Rocky sind nur zwei der vielen verwendeten Eagles-Karten unter Kelly © getty

Der neue Eagles-Coach hat keine NFL-Erfahrung, seine Methoden sind äußerst kurios. SPORT1 erklärt Phillys Trainer-Sensation.

Von Florian Pertsch

München - Phillys Assistant Coach hebt blitzschnell die große Karte mit dem Bild von Sylvester Stallone alias Hollywood-Boxer Rocky Balboa hoch.

Neben ihm fuchteln zwei weitere Trainer mit Händen und Füßen durch die Luft, als ob sie einen Schwarm Moskitos vertreiben wollen (Die NFL-Saison LIVE im TV auf SPORT1 US und im LIVESTREAM).

Dazwischen steht ein untersetzter Mann mit großen Kopfhörern. Die einlaminierten Spielzüge dicht vor dem Mund, bellt er Anweisungen in sein Mikro - Charles "Chip" Kelly.

Was zunächst nach absolutem Chaos aussieht, ist ein wohl orchestriertes Schauspiel. Zum Auftakt der Saison springt im Monday Night Game für die Eagles direkt ein Sieg gegen Redskins heraus (Bericht).

Geschwindigkeit ist Trumpf

Kombiniert mit einer blitzschnellen Offense, die komplett ohne Besprechung vor jedem Spielzug auskommt, pflügte das Team von Philadelphias neuem Trainer Chip Kelly über den letztjährigen NFC East Champion Washington hinweg (DATENCENTER: Der NFL-Spieplan):

Ohne Unterlass hagelt es Pässe. LeSean McCoy malträtiert die Redskins-Defense mit seinen kraftvollen Läufen.

Die 53 Angriffsspielzüge in Hälfte eins zermürben Washington. Einige Abwehrspieler gehen mit Krämpfen zu Boden.

Eagles-Center Jason Kelce rang auch danach noch nach Luft: "Das war das erste Mal seit dem College, dass ich Sauerstoff während einem Spiel gebraucht habe. Unser Spiel ist sehr ermüdend, aber für die Verteidigung ist es noch viel schlimmer."

Blur Offense mit Oregon

College ist das richtige Stichwort, denn das ist der Ursprung der Kelly-Philosophie. SPORT1 erklärt die Methoden des neuen Eagles-Trainers:

Kelly trainierte vier Spielzeiten die Oregon Ducks und perfektionierte dort seinen Verschleierungsangriff (engl. Blur Offense). Das Ergebnis waren vier Bowl-Endspiele, 486 Yards Raumgewinn und 43,6 Punkte im Schnitt.

Geschwindigkeit ist die Hauptwaffe, die Verteidigung bekommt keine Möglichkeit sich zu formieren. Kommuniziert werden die Spielzüge unter anderem mit den Bildkarten.

Die Motive haben stets eine hintergründige Bedeutung. Zum Beispiel könnte ein Bild des Golfers Phil Mickelson für die Zahl zwei stehen, da er meistens nur Zweiter wird.

Analogie zum Baseball

Bei Oregon wurden stets Tafeln mit vier Zeichen hoch gehalten, die den kompletten Spielzug anzeigen sollen: Snap-Count, Laufwege, Formation etc.

Dazu kommen die Handzeichen der anderen Trainer - ähnlich wie die Kommunikation mit dem Pitcher beim Baseball.

Eagles Tight End Brent Celek ist komplett begeistert von der neuen Methode: "Ich kann nicht versprechen, dass wir damit Erfolg haben, aber es ist einfach irre. Ich hätte das in der NFL nicht für möglich gehalten. Aber jeder Spielzug macht wirklich Sinn."

Für Kelly geht es darum, Fehler und Verzögerungen in der Kommunikationskette zu minimieren.

Für gewöhnlich bekommt der Quarterback die Anweisungen per Funk vom Trainer und gibt sie im Huddle an die Spieler weiter.

Farbige Armbänder als große Unbekannte

Der Spielmacher trägt die Verantwortung, alle müssen ihn verstehen - dies fällt mit Kellys Methode weg. Jeder sieht die großen Karten an der Seitenlinie.

Die dritte Komponente ist ein weiterer Coach mit farbigen Armbändern an der Seitenlinie. Er ist die große Unbekannte im Kelly-Code, soll aber maßgeblich dafür verantwortlich sein, welche Zeichen an der Seitenlinie zu befolgen sind.

"Durch ihn wird es leichter, sich auf den tatsächlichen Spielzug zu konzentrieren", erklärt Eagles Linebacker Casey Matthews, der schon in Oregon unter Kelly gespielt hat.

Mehr Details will aber auch er nicht verraten.

Die letzten beiden Faktoren sind Fitness und Flexibilität.

Mehr Angriffe pro Minute

Kellys Spieler müssen mehrere Positionen ausfüllen können. Quarterback Michael Vick ist auch im Laufspiel stark, McCoy pflückt die Bälle wie reife Früchte aus der Luft (DIASHOW: Die Stars der NFL).

Je mehr Angriff pro Minute, desto weniger können die Verteidiger durchatmen, einen klaren Gedanken fassen.

Die ständig wechselnden Positionen der Offensive-Spieler hinzugerechnet, wird Kellys Angriffswirbel zur Mammutaufgabe für viele Defensive-Formationen.

Patriots-Coach ist Kelly-Fan

Eine abgespeckte Version verwendet ein befreundeter Trainer von Kelly: Patriots Coach Bill Belichick.

Die Frage, ob das Hochgeschwindigkeits-System in der NFL funktionieren kann, dürfte mit dem AFC East Champion 2009-2012 als Referenz deutlich beantwortet sein.

Bislang sind alle Entschlüsselungsversuche des Kelly-Codes gescheitert.

"ESPN" engagierte vor dem College-Endspiel gegen Auburn 2011 sogar extra einen Mathematik Professor und mehrere Fotografen, um Kellys Geheimnis zu knacken - vergebens.

So spricht die NFL: Die wichtigsten Begriffe

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