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Dennis Seidenberg spielt seit 2010 bei den Boston Bruins © getty

Im Interview der Woche spricht der deutsche NHL-Star bei SPORT1 über die Finalserie gegen Vancouver und den Trubel in der Stadt.

Von Rainer Nachtwey

München/Vancouver - Zwei Tage konnte Dennis Seidenberg durchschnaufen, seit Montag hält sich der Verteidiger mit den Boston Bruins in Vancouver auf.

Er ist "bereit für die letzte Serie" - die Serie, in der es um den ultimativen Preis im Profi-Eishockey geht, den Stanley Cup. (DATENCENTER: Alle Ergebnisse)

In der Nacht auf Donnerstag (ab 2 Uhr LIVESCORES) trifft der 29 Jahre alte deutsche Nationalspieler mit seinen Bruins auf Christian Ehrhoffs Canucks.

Damit steht fest, dass ein deutscher Eishockey-Spieler erstmals seit 1996 wieder den Stanley Cup in die Höhe stemmen wird.

"Ich hoffe, dass es dem deutschen Eishockey noch einmal einen Schub geben wird", sagt der Verteidiger bei SPORT1.

Im Interview der Woche spricht Seidenberg über ein überwundenes Trauma, Uwe Krupps Nachfolge und Gegner Vancouver. (Machen Sie es wie SPORT1 und Marcel Goc: Unterstützen Sie München 2018)

SPORT1: Herr Seidenberg, wie groß ist die Vorfreude auf Ihre ersten Stanley-Cup-Finals?

Dennis Seidenberg: Die ist riesig. Wir hatten nach den Conference Finals zwei Tage frei, aber jetzt sind wir bereit für die letzte Serie.

SPORT1: Gegen Tampa Bay war es eine unglaublich enge Serie, was hat am Ende den Ausschlag für Boston gegeben? (Bericht: Deutsches Finale steht)

Seidenberg: Wenn eine Serie über sieben Spiele geht, muss man sagen, dass am Ende die glücklichere Mannschaft gewonnen hat. Aber wir waren auch die hungrigere Mannschaft. Und das ist in so umkämpften Spielen ausschlaggebend.

SPORT1: Ist mit dem Erreichen der Stanley Cup Finals das Trauma vom letzten Jahr überwunden?

Seidenberg: Auf jeden Fall. So ein Einbruch passiert ja nur ganz selten. Der schwierigste Sieg für uns war der, als wir in der Serie gegen Philadelphia wieder 3:0 geführt haben, als wir dann das vierte Spiel letztendlich gewonnen haben. Nach der Serie hatte jeder das letzte Jahr vergessen.

SPORT1: Im Interview zu Saisonbeginn sagten Sie, dieses Scheitern nimmt die Mannschaft als Motivation mit. Wie sehr hat Ihnen und der Mannschaft diese Motivation in entscheidenden Spielen geholfen?

Seidenberg: Das hat uns vor allem in der Serie gegen Philly geholfen. Besonders in Spiel vier, damit wir da den Sack zumachen. Wir wollten die erst gar nicht wieder zurückkommen lassen.

SPORT1: Sie mussten auf dem Weg in die Stanley Cup Finals zweimal über sieben Spiele gehen. Beide Male haben Sie das siebte Spiel gewonnen. Was macht die Bruins 2011 so stark?

Seidenberg: Wir haben eine unheimliche Konstanz in unser Spiel gebracht. Das hat uns noch in den ersten beiden Spielen der ersten Runde gefehlt. Aber seitdem passt es. Wir sind eine sehr homogene Truppe. Wir spielen gutes Hockey, beginnend mit der Defensive. Diese Defensive und das darauf bauende Angriffsspiel haben uns soweit gebracht. Das wird in der nächsten Serie nicht anders sein. Vancouver ist wohl die stärkste Mannschaft, da wird es richtig schwierig.

SPORT1: Worauf wird es hier besonders ankommen?

Seidenberg: Da müssen wir unser bestes Eishockey spielen und dort anknöpfen, wo wir gegen Tampa Bay aufgehört haben. Über eine gute Defensive ins Spiel finden. Unser Spiel baut darauf auf, Fehler der gegnerischen Mannschaft zu nutzen. Es heißt ja immer so schön: "Defense wins Championships". Das ist unser Ziel.

SPORT1: Vancouver war das beste Team der Regular Season, hatte dann aber in der ersten Runde gegen Chicago große Probleme, nachdem sie 3:0 geführt hatten. Sehen Sie sich dennoch als Außenseiter in den Finals?

Seidenberg: Auch wenn sie in der ersten Runde gegen Chicago einen Einbruch hatten, wir sind der Underdog. Aber damit leben wir ganz gut.

SPORT1: Sie haben sieben Spiele in den Knochen, Vancouver konnte ein paar Tage mehr durchschnaufen. Haben die Canucks dadurch einen Vorteil?

Seidenberg: Wir haben seit dem letzten Duell mit Tampa am Freitag vier spielfreie Tage bis zum ersten Finale. Das ist genug, um sich wieder zu regenerieren. Mir ist es sowieso lieber, wenn die Pausen nicht zu groß sind. Aber ich glaube, dass die längere Pause Vancouver ganz recht ist. Schließlich haben die Canucks einige angeschlagene Spieler.

SPORT1: Sie treffen auf Christian Ehrhoff, einen Teamkollegen aus der Nationalmannschaft. Ist es für Sie etwas Besonderes, gegen einen Deutschen zu spielen? (Bericht: Wir sind Stanley Cup)

Seidenberg: Ja, auf jeden Fall. Ich kenne den Christian schon seit der U 18. Für mich ist das auf persönlicher Ebene schon etwas Besonderes, weil man sich recht gut kennt. Aber auf dem Eis kommt es ja dadurch, dass wir beide Verteidiger sind, weniger zu Zweikämpfen.

SPORT1: Durch Ihr Aufeinandertreffen steht auch fest, dass erstmals seit 1996 wieder ein deutscher Spieler den Stanley Cup hochhalten wird. Was bedeutet das fürs deutsche Eishockey?

Seidenberg: Ich hoffe, dass es noch einmal einen Schub bringt. Es war etwas Besonderes, als Uwe den Cup gewonnen und dann auch noch das entscheidende Tor erzielt hat. Und ich hoffe, dass ein weiterer deutscher Stanley-Cup-Sieger noch mehr Leute zum Eishockey bringt. In den letzten Jahren sind ja auch vermehrt gute junge Nachwuchsspieler hervorgegangen. Die beiden letzten Weltmeisterschaften hat Deutschland gute Spiele gemacht und erfolgreich gespielt. Da sieht man, dass das deutsche Eishockey auch in der Breite besser wird.

SPORT1: Sie erhalten die meiste Eiszeit, Coach Claude Julien hat gemeint, dass er erst jetzt merkt, wie sehr Sie letztes Jahr in den Playoffs gefehlt haben. Zurzeit könnte es für Sie gar nicht besser laufen?

Seidenberg: Das ist natürlich schön zu hören, dass der Trainer so von mir denkt und ich auch so viel Eiszeit erhalte. Es macht riesig Spaß, großen Anteil am Erfolg der Mannschaft zu haben, gemeinsam mit Zdeno Chara auf dem Eis zu stehen. Es muss nur so weitergehen.

SPORT1: Nach dem Aus der Celtics müsste Boston ganz im Bruins-Fieber sein?

Seidenberg: Das kann man sagen. Die Red Sox spielen zwar auch, aber die sind ja noch nicht so weit mit ihrer Saison und haben ja insgesamt 160 Spiele. Wir sind momentan das Thema in der Stadt. Und das spüren wir auch. Ich kann kaum einen Meter in der Stadt gehen, ohne erkannt zu werden, ohne dass jemand hinterher ruft "Go Bruins!".

SPORT1: Sie kennen Vancouver durch die Olympischen Spiele. Vancouver gilt als eishockeyverrückte Stadt. Ganz Kanada drückt den Canucks die Daumen, damit wieder ein kanadisches Team nach Montreal 1993 den Stanley Cup gewinnt. Was genau erwartet Sie dort?

Seidenberg: Vancouver ist eine wunderschöne Stadt. Die Leute dort leben Eishockey. Die Stimmung in der Halle ist unglaublich. Sehr laut, sehr verrückt. Das werden sehr heiße Spiele und ein großartiges Erlebnis. Aber wir wollen den Kanadiern ihren Traum zerstören.

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