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Dennis Seidenberg wechselte im März 2010 zu den Boston Bruins © getty

Dennis Seidensbergs NHL-Karriere hat einen holprigen Verlauf genommen. Doch sein Kampfgeist macht ihn nun zum Stanley Cup-Sieger.

Von Christian Akber-Sade

München - Ganz Deutschland spricht derzeit über Dirk Nowitzki und seinen Triumph in der NBA.

Dabei hat ein weiterer Sohn der Nation im nordamerikanischen Sport für Furore gesorgt. In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag hat Dennis Seidenberg als erst zweiter deutscher Eishockeyspieler nach Uwe Krupp den Stanley Cup gewonnen.

In der Finalserie der National Hockey League kam es zum deutschen Duell mit Christian Ehrhoffs Vancouver Canucks. Seidenberg und die Boston Bruins holten mit einem 4:0 im entscheidenden Spiel 7 den Titel (DATENCENTER: Alle Ergebnisse).

"Das war für mich nichts Besonderes"

Doch wer ist eigentlich dieser Dennis Seidenberg? Während "Dirkules" in der Heimat auch den nicht sonderlich basketballaffinen Sportinteressierten längst ein Begriff ist, können mit dem Namen Dennis Seidenberg nur die eingefleischten Eishockey-Fans etwas anfangen.

Der 29-Jährige stammt aus Villingen-Schwenningen, einer 80.000-Einwohner-Stadt im Südwesten Baden-Württembergs. Hier lernte er in der Jugend des Schwenninger ERC auch das Eishockeyspielen.

Als Uwe Krupp 1996 die Colorado Avalanche mit seinem goldenen Tor zum NHL-Titel schoss, stand der Eishockeysport für Seidenberg jedoch noch gar nicht im Vordergund. "Damals habe ich auch noch Tennis gespielt", sagt er und zeigt damit eine Parallele zu den Anfängen Dirk Nowitzkis auf, "Deshalb war das für mich nichts Besonderes."

Das sieht 15 Jahre später ganz anders aus. Für den Verteidiger ist ein Traum wahr geworden, auf den er viele Jahre hart hingearbeitet hat. Als Deutscher den Stanley Cup in den Händen zu halten, dieses Gefühl kannte bisher nur Uwe Krupp. Und dieser zollt seinem Nachfolger den größten Respekt: "Das war eine Riesenleistung. Er war maßgeblich am Erfolg der Boston Bruins beteiligt und ist derzeit einer der besten Verteidiger der NHL."

Lob auch vom Playoff-MVP

Das Lob vom ehemaligen Weltklasseverteidiger stellt keine Übertreibung dar. Seidenberg verbuchte in den Playoffs die meiste Eiszeit aller NHL-Profis. Der zum wertvollsten Finalspieler gewählte Torhüter Tim Thomas beschreibt seinen Vordermann als "Arbeitstier, das unglaubliche Minuten schrubbt".

Doch der für seine körperbetonte Spielweise bekannte Schwenninger selbst zeigt sich fast ein wenig überrascht von der eigenen Leistung. "Ich hätte nie gedacht, dass ich mal eine NHL-Statistik anführen werde", wundert sich Dennis Seidenberg. Wohlwissend, dass seine NHL-Karriere auch hätte einen anderen Verlauf nehmen können.

[kaltura id="0_j68iuei0" class="full_size" title="K lliker folgt auf Krupp"]

Denn der Weg zum Eishockeythron war ein unbequemer. Nachdem er mit den Adlern Mannheim nach der Jahrtausendwende Meisterschaft und Vizemeisterschaft in der DEL errungen hatte, betrat der damalige Jungnationalspieler mit viel Vorschusslorbeeren behaftet die große, glitzernde Eishockeywelt Nordamerikas.

Auch seine NHL-Karriere begann zunächst vielversprechend. In der ersten Saison mit den Philadelphia Flyers bestritt Seidenberg beachtliche 58 Partien in weltbesten Eishockeyliga. Doch die Freude über den gelungenen Start währte nicht lange.

Ein Beinbruch als Schock

Im Januar 2004 brach er sich im Training das linke Bein - ein Schock für den damals 22-Jährigen. Diese schwere Verletzung begrenzte seine Möglichkeiten, sich weiter für den NHL-Kader zu empfehlen. In der Folgezeit spielte Seidenberg vorwiegend in der unter der NHL angesiedelten American Hockey League im Farmteam der Flyers, den Philadelphia Phantoms.

Erst ein Lockout in der Spielzeit 2004/2005 und die damit verbundene Neuordnung der Gehaltsstrukturen in der NHL eröffneten ihm die Chance, in Philadelphias NHL-Kader zurückzukehren.

Auch in den Folgejahren hatte der Defensivspezialist jedoch immer wieder mit Verletzungen zu kämpfen. Dementsprechend schwankend waren auch seine Leistungen. Seidenberg gab aber nie auf, kämpfte sich stets zurück auf die NHL-Bühne.

Über die Phoenix Coyotes und die Carolina Hurricans landete er im September 2009 bei den Florida Panthers. Obwohl er bei den Panthers durchaus zu den Stützen des Teams zählte und in 62 Spielen 21 Assists beisteuern konnte, wurde der Nationalspieler bereits ein gutes halbes Jahr später zu den Boston Bruins transferiert.

Boston wird zum Glücksfall

Aus heutiger Sicht ein Glücksfall für den 1,83 Meter Linkshänder. Bei den Braunbären bildet er zumeist mit dem hünenhaften Kapitän Zdeno Chara ein Verteidigerpaar. Seidenberg profitiert von der Qualität des Slowaken, spielte eine starke reguläre Saison.

Insbesondere durch starke Hits und Torvorbereitungen machte er hier auf sich aufmerksam. 25 Assists gelangen ihm in 81 Spielen - so viele wie erst ein Mal zuvor in seiner Karriere.

Der Leistungssprung ist auch früheren Weggefährten nicht verborgen geblieben. "Dennis hat eine unglaubliche Entwicklung gemacht. Er ist nicht nur NHL-Spieler geworden, sondern ein Top-NHL-Spieler", lobt Seidenbergs ehemaliger Mannheimer Teamkollege Stephan Richer, der heute Sportdirektor der Hamburg Freezers ist. "Er hat früher in Mannheim immer Extra-Training gemacht, hat die erfahrenen Spieler gefragt und war offen für Tipps. Alle haben gemerkt, dass er unbedingt in die NHL wollte."

Der Stanley Cup als Krönung

Und seine Entwicklung krönt Seidenberg nun selbst mit dem Stanley Cup. Nach starken Vorstellungen in den meisten Playoff-Partien trug Seidenberg mit zwei Vorlagen auch im entscheidenden Spiel der Finalserie gegen die Canucks maßgeblich zum ersten Erfolg der Boston Bruins seit 1972 bei.

Nun will Dennis Seidenberg es Uwe Krupp gleich tun und im Sommer den Pokal nach Deutschland bringen. Nicht nur für den Stanley Cup eine Rückkehr nach langer Zeit. "Ich bin schon seit einigen Jahren nicht mehr da gewesen", gibt Seidenberg zu, der mittlerweile mit einer Amerikanerin verheiratet ist und die Sommerpausen in den USA verbringt.

Aber vielleicht trägt seine Rückkehr dazu bei, dass in der Heimat in Zukunft auch der Name Dennis Seidenberg als Synonym für deutschen Erfolg im amerikanischen Sport wahrgenommen wird.

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