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Dennis Seidenberg stemmt mit Bruder Yannic und seiner Frau Rebecca den Stanley Cup © imago

Stanley-Cup-Sieger Seidenberg spricht bei SPORT1 über die Meister-Party in Boston und macht seiner Heimat Hoffnung.

Von Andreas Kloo

München - Dennis Seidenberg hat Geschichte geschrieben.

Als erst zweiter deutscher Eishockeyspieler gewann er mit den Boston Bruins den Titel in der NHL und holte sich den prestigeträchtigen Stanley Cup.

Am Erfolg in der Finalserie gegen die Vancouver Canucks hatte der Verteidiger gewichtigen Anteil (Bericht). Mit fast 29 Minuten verzeichnete er in Spiel 7 die meiste Eiszeit seines Teams und steuerte beim 4:0-Erfolg auch noch zwei Assists bei.

Danach stand erst einmal Feiern für den 29-Jährigen auf dem Programm. Bei der Siegesparade durch Boston (419891Bilder) jubelten den Bruins eine Million Menschen zu.

"Da steckt sehr viel Arbeit drin"

Im SPORT1-Interview wirkt Seidenberg deshalb nicht nur wegen der langen Saison etwas erschöpft. Langsam aber realisiert er, was er auf dem Weg zum Stanley Cup alles leisten musste (Bericht: Seidenbergs Hindernislauf zum Stanley Cup).

"Da steckt sehr viel Arbeit drin", sagt der Mann aus Villingen-Schwenningen, der mit der Amerikanerin Rebecca verheiratet ist, rückblickend.

In den nächsten Wochen wird Seidenberg - gemäß einer NHL-Tradition - den riesigen Stanley Cup für 24 Stunden sein Eigen nennen dürfen. Bei SPORT1 verrät er, was er dann mit dem Pokal machen will. Außerdem spricht er über Vergleiche mit Nowitzki, seine weiteren Ziele und eine SMS aus der Schweiz.

SPORT1: Herzlichen Glückwunsch zum Gewinn des Stanley Cups. Haben Sie die Feiern denn gut überstanden?

Dennis Seidenberg: Die letzten Tage waren doch etwas hektisch. Man gibt Interviews, feiert Party. Ich habe wenig geschlafen. Aber jetzt ist es schon ein wenig ruhiger geworden. Jetzt kann ich mich langsam entspannen.

SPORT1: War es denn schon möglich, den größten Erfolg der Karriere, der der Gewinn des Stanley Cups ja ohne Zweifel ist, schon zu verarbeiten?

Seidenberg: Bei der Parade in Boston am Samstag habe ich es langsam realisiert, als sich die vielen Leute mit uns gefreut haben. Das waren ja über eine Million Menschen. Da hat man schon gemerkt, was für eine große Sache das war.

SPORT1: Es war eine recht kuriose Finalserie. Zu Hause haben Sie die Canucks immer klar geschlagen. Auswärts gab es mit Ausnahme des letzten Spiels immer Niederlagen. Wie war das denn zu erklären?

Seidenberg: Gute Frage. In Vancouver haben wir eigentlich nie richtig zu unserem Spiel gefunden in den ersten beiden Spielen. Aber in Boston haben wir uns wohl gefühlt und so agiert, wie wir uns das eigentlich vorgenommen hatten. Im letzten Spiel haben wir es dann das einzige Mal geschafft, unsere Stärke von zu Hause auch auswärts zu zeigen. Das war der wichtigste Grund. Auswärts waren die Spiele immer knapp und zu Hause haben wir richtig gut gespielt und viele Tore geschossen.

SPORT1: Hat man sich im letzten Spiel vielleicht noch etwas mehr konzentriert, weil es da um alles ging?

Seidenberg: Das stimmt. Wir waren alle sehr konzentriert und haben das gemacht, was uns auch auf dem heimischen Eis erfolgreich gemacht hat. Das war ausschlaggebend.

SPORT1: Für Christian Ehrhoff lief das Spiel ja nicht so gut. An zwei Gegentoren war er direkt beteiligt. Haben Sie ihn getröstet?

Seidenberg: Man kann nicht sagen, dass das seine Fehler waren. In so intensiven Spielen passieren so viele Kleinigkeiten. Da kann man nicht immer sein bestes Spiel haben. Aber Christian hat über die gesamte Finalserie hindurch auch sehr gut gespielt. Schade für ihn, dass sie am Ende nicht gewonnen haben. Ich bin natürlich lieber auf der anderen Seite.

[kaltura id="0_j68iuei0" class="full_size" title="K lliker folgt auf Krupp"]

SPORT1: Sie sind ja schon länger in der NHL. Aber erst in Boston läuft es so richtig. Woran liegt das denn?

Seidenberg: Hier habe ich das Vertrauen des Trainers, das ist entscheidend. Wenn einen die Trainer schon früh aufs Eis stellen, hat man mehr Selbstvertrauen. Da fühlt man sich einfach wohler. Wenn man viel spielt, denkt man nicht so oft darüber nach, was man falsch macht. Man trifft die Entscheidungen spontaner.

SPORT1: Sie waren sogar von der Eiszeit her der Rekordmann dieser Saison. Ist das nicht auch manchmal zu anstrengend?

Seidenberg: Das war die ganze Saison über eigentlich kein Problem. Ich hatte von Anfang an meine Eiszeiten gehabt. Es gibt natürlich Spiele und Wochen, in denen man nicht so gut spielt. Aber in den Playoffs habe ich mich richtig wohl gefühlt. Einzig in Tampa Bay war ich etwas müde. Das hatte wohl mit der Hitze und der Schwüle zu tun.

SPORT1: Ihr Vorgänger als deutscher Stanley-Cup-Gewinner, Uwe Krupp sagte zuletzt, der Stanley Cup sei wegen der vielen Spiele der am schwersten zu gewinnende Pokal in den Mannschaftssportarten. Sehen Sie das ähnlich?

Seidenberg: Das denke ich auch. Es sind so viele Spiele, um erst einmal überhaupt in die Playoffs zu kommen. Die Playoffs dauern dann auch noch mal zwei Monate, und man muss vier Serien gewinnen. Da steckt sehr viel Arbeit drin, und man muss auch Glück haben, so weit zu kommen und am Ende auch zu gewinnen. Von daher würde ich schon sagen, dass es am schwersten ist.

SPORT1: In Deutschland wird dennoch der Basketballer Dirk Nowitzki viel mehr gefeiert. Ist es in den USA auch so, dass die NBA einen höheren Stellenwert hat?

Seidenberg: Das ist schwer zu sagen. Nowitzki ist auf jeden Fall ein Star hier drüben und auch in Deutschland ist er auf jeden Fall ein größerer Star als die Eishockeyspieler hier. In Boston ist aber Eishockey die Nummer 1. Das hat man auch daran gesehen, wie begeistert die Menschen bei der Parade waren. Sie haben ja auch 39 Jahre warten müssen, um die Meisterschaft mal wieder zu gewinnen.

SPORT1: Würden Sie sich wünschen, dass der Stellenwert des Eishockeys auch in Deutschland ähnlich groß wäre?

Seidenberg: Das wäre schön. Aber in Deutschland und in Europa ist Fußball nun mal Nummer 1. Das wird sich auch nie ändern. Es kann schon sein, dass Eishockey in der nahen Zukunft etwas beliebter wird, wenn die Zahl der guten deutschen Spieler weiter ansteigt. Aber es ist schwer, gegen Fußball anzukämpfen oder zu gewinnen.

SPORT1: Wie geht es denn jetzt für Sie persönlich weiter? Machen Sie jetzt erst einmal groß Urlaub?

Seidenberg: Ich bin jetzt erst einmal in Florida. Mein Bruder heiratet hier. Dann werde ich hier noch den restlichen Monat bleiben. Danach geht es auch schon wieder nach New Jersey zu meiner Frau und ihren Eltern für zwei, drei Wochen. Und dann geht's wieder hoch nach Boston. Da ist also nicht viel Zeit.

SPORT1: Jeder Spieler bekommt ja den Stanley Cup für 24 Stunden. Ist denn schon klar, wann Sie ihn bekommen und wo Sie ihn präsentieren werden?

Seidenberg: Das ist noch offen; entweder in New Jersey oder zu Hause in Villingen-Schwenningen. Aber das steht noch nicht fest, das muss erst noch besprochen werden.

SPORT1: Die Schwenninger können sich also Hoffnungen machen, dass sie den Pokal sehen?

Seidenberg: Ich denke auf jeden Fall darüber nach. Richtig wäre es auf jeden Fall, ihn nach Hause zu bringen. Nach den ganzen Reisestrapazen muss ich aber erst einmal schauen, wie ich das machen werde.

SPORT1: Wie motiviert man sich jetzt noch, nachdem man das Größte erreicht hat. Welche Ziele setzen Sie sich für die kommende Saison?

Seidenberg: Wenn man gesehen hat, wie begeistert die Leute in Boston waren und wie viel Spaß die Feier gemacht hat, dann will man ihn auf jeden Fall in den nächsten Jahren wieder gewinnen. Das ist auf jeden Fall das Ziel für die kommenden Jahre. Aber auch international für Deutschland erfolgreich zu sein und weiter positive Schlagzeilen zu machen.

SPORT1: Das heißt, Sie haben auch weiterhin Einsätze fürs DEB-Team im Hinterkopf?

Seidenberg: Das wird schwer, weil zu den Zeiten hier immer die Playoffs gespielt werden. Aber wenn wir rausfliegen sollten, würde ich immer wieder gern für Deutschland spielen. Es ist immer eine Ehre, für sein Land zu spielen.

SPORT1: Hatten Sie denn schon Kontakt zum neuen Bundestrainer Jakob Kölliker?

Seidenberg: Der hat mir eine SMS geschrieben. Ich habe ihm aber noch nicht geantwortet. Denn die letzten Tage waren so hektisch. Ich habe so viele Text-Nachrichten bekommen. Das muss ich erst einmal alles aufarbeiten.

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