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Dennis Seidenberg spielte von September 2012 bis Januar 2013 in Mannheim © getty

Vor der Final-Serie spricht Seidenberg bei SPORT1 über Chicago und die Lage nach dem Bombenanschlag beim Boston-Marathon.

Von Rainer Nachtwey

München/Boston - Dennis Seidenberg ist bereit. Bereit, Geschichte zu schreiben.

Als erster Deutscher kann er zum zweiten Mal den Stanley Cup, den heiligen Gral des Eishockeys, gewinnen.

2011 feierte er mit den Boston Bruins bereits den Titelgewinn mit einem 4:3 in der Best-of-Seven-Serie gegen Christian Ehrhoff und die Vancouver Canucks.

Dass es gegen die Chicago Blackhawks, das beste Team der regulären Saison., keine leichte Aufgabe wird, musste der Blueliner in Spiel 1 bereits feststellen. In der dritten Verlängerung kassierten die Bruins mit 3:4 den "Sudden Death".

Nach seiner Fußverletzung, die er im siebten Spiel der ersten Runde erlitt und aufgrund der er vier Spiele aussetzen musste, ist er wieder fit und heiß auf den zweiten Titelgewinn.

"Es ist alles gut verheilt, ich fühle mich gut", sagt Seidenberg bei SPORT1.

Im Interview der Woche spricht Dennis Seidenberg über die Final-Serie gegen Chicago, den Teamgeist bei den Bruins und die Stimmung in Boston nach dem Bombenanschlag beim Boston-Marathon.

SPORT1: Herr Seidenberg, vor rund einem halben Jahr haben Sie noch in Mannheim für die Adler gespielt. Haben Sie sich da vorstellen können, sechs Monate später im Stanley Cup Finale zu stehen?

Dennis Seidenberg: Mit der Mannschaft, die wir in Boston haben, waren die Chancen sicher gegeben. Auch wenn es zu Beginn vielleicht nicht danach aussah. Wir haben einige Tiefen in der Saison gehabt, aber auch viele Höhen. Daher fühlt es sich jetzt richtig gut, an so weit gekommen zu sein. Aber wir wollen jetzt noch mehr.

SPORT1: Hatten Sie nie Bedenken, dass die Saison komplett ausfällt?

Seidenberg: Nein, es stand einfach zu viel auf dem Spiel. Aber Mannheim war eine sehr schöne Zeit. Ich habe sehr viel Spaß gehabt, aber ich war auch glücklich, als es hier wieder losging.

SPORT1: Sie haben sich auf dem Weg in die Finals sehr souverän gegen Pittsburgh durchgesetzt. Jewgeni Malkin und Sidney Crosby haben keinen Scorerpunkt gegen die Bruins erzielt. Was war das Geheimnis?

Seidenberg: Wir haben sehr stark nach hinten gearbeitet, ihnen kaum Raum an der Scheibe gelassen und die Passwege zugemacht. Es war ein sehr gutes Zusammenspiel von Angriff und Verteidigung. Das war ausschlaggebend, dass wir kaum Gegentore kassiert haben.

SPORT1: David Krejci hat nach der Penguins-Serie gesagt, die Bruins hätten zwar nicht die besten Spieler der Welt, aber die beste Mannschaft der Welt. Wie macht sich dieses Wir-Gefühl bemerkbar?

Seidenberg: Das stimmt. Wir haben keine Spieler wie Malkin oder Crosby, aber bei uns passen die Einzelspieler zu einer guten Einheit zusammen. Daher ist es schwer, gegen uns zu gewinnen. Einzelspieler gewinnen nie gegen eine Mannschaft. Unser Team hat sich über die letzten Jahre nicht groß verändert. Wir kennen uns alle sehr gut, verbringen auch abseits des Eises viel Zeit miteinander. Es macht sich auf dem Eis dann bemerkbar, dass wir uns gut verstehen und alle gute Freunde sind.

SPORT1: Die Penguins waren die offensivstärkste Mannschaft der regulären Saison, galten als Favorit. Wie sehen Sie Ihre Rolle in den Finals gegen die Chicago Blackhawks?

Seidenberg: Die Blackhawks waren die beste Mannschaft der regulären Saison, daher sind sie wieder Favorit. Sie haben nur fünf oder sechs Niederlagen nach 60 Minuten kassiert. Aber die Außenseiterrolle liegt uns ganz gut.

SPORT1: Auf was wird es jetzt in der Serie gegen Chicago ankommen?

Seidenberg: Die Defensive. Wie gegen Pittsburgh müssen wir nach hinten gut arbeiten. Die Blackhawks haben eine starke Offensive. Kane, Toews, Sharp, Hossa? Wir müssen sie bei wenigen Chancen halten. Ganz aus dem Spiel nehmen, geht nicht.

SPORT1: Die Fans in Boston gelten als Eishockey-verrückt. Ist die Finals-Stimmung schon spürbar?

Seidenberg: Definitiv, es herrscht eine große Euphorie. Überall, wo man hinläuft, kommen die Leute auf einen zu und wünschen einem viel Glück. Die ganze Stadt ist einfach heiß auf das Finale.

SPORT1: Dabei sind die Anschläge beim Boston-Marathon noch nicht allzu lange her. Helfen Ihre Erfolge, diesen Schrecken ein wenig zu verarbeiten?

Seidenberg: Auf jeden Fall. Das hat man ja auch beim ersten Heimspiel nach dem Bombenanschlag gemerkt. Unser Spiel hat den Leuten sehr geholfen, dieses Leid kurz zu vergessen. Ich bin mir sicher, dass das Finale - genauso wie die ganzen Playoffs - einen ähnlichen Effekt haben. Es ist einfach sehr schön, in einer Stadt zu spielen, in der die Leute so hinter dem Eishockey stehen und mitfiebern.